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München - Marco Rose will in Gladbach einen neuen Stil prägen. Der neue Trainer soll seine Ideen umsetzen - ohne eine Revolution auszurufen. Doch geht das mit dem Kader?

Seit knapp einer Woche hat Marco Rose das Training bei seinem neuen Arbeitgeber aufgenommen. Unter der prallen Sonne am Niederrhein versucht der neue Coach von Borussia Mönchengladbach seinen Schützlingen das einzuimpfen, was er in der kommenden Saison taktisch und vor allem konditionell mit ihnen vorhat.

Und das hat es wahrlich in sich.

Denn der 42-Jährige ist nicht nur mit dem Ziel angetreten, den Fohlen eine neue taktische Ausrichtung (Mittelfeldraute) zu implementieren - er muss seinen neuen Kader auf Anforderungen vorbereiten, die beinahe konträr zum bisherigen Stil der Borussia stehen. 

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Aggressives Pressing, Vorwärtsverteidigen und schnelles Umschalten nach Ballgewinn: All das, was man im Borussia-Park in der Regel nur vom Gegner kannte, soll nun Teil der Gladbacher Spielidee werden. Die Kunst für Rose wird sein, die neuen Elemente gewinnbringend in ein System zu führen, ohne die bisherige Idee zu verleugnen.

Eberl will keine Revolution

"Wir haben uns entschieden, einen neuen Weg zu gehen - ohne Revolution", sagt Sportdirektor Max Eberl in einem Interview auf der Gladbacher Vereins-Homepage.

"Denn das, was wir haben, hat uns fünfmal nach Europa geführt - also kann es nicht so schlecht sein. Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden, den Kader auch auf die Wünsche des Trainers hin partiell anzupassen. Es wird interessant sein zu sehen, was passiert." 

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Mit dem rechten Außenverteidiger Stefan Lainer hat Rose aus Salzburg passenderweise jemanden mitgebracht, der zu 100 Prozent seine Anforderungen erfüllt. "Mit ihm haben wir einen Spieler, der ist eine Naturgewalt. Ein richtig solider, ordentlicher Fußballer, der eine unfassbare Mentalität mitbringt", sagte Rose zum Trainingsstart. 

Auch Breel Embolo, der nach seiner unglücklichen Zeit auf Schalke in Gladbach einen Neuanfang wagt, gehört mit seiner Wucht zu jenem Spielertyp, der Roses Ansatz verkörpern soll. 

Der nächste Transfer - Marcus Thuram, der in Thorgan Hazards Fußstapfen treten soll - dürfte in Kürze über die Bühne gehen. Man ahnt es: Auch der Sohn des französischen 98er-Weltmeisters Lilian Thuram steht mit seiner Größe von 192 Zentimetern für ein körperliches Upgrade im Vergleich zum fast 20 Zentimeter kleineren Belgier.

Fallen Stindl und Raffael durch?

Die Frage wird sein, ob der große Rest des Kaders den neuen Ansprüchen genügen wird.

Bei Spielern wie Denis Zakaria, Christoph Kramer oder Alassane Pléa besteht kein Zweifel über deren "Rose-Tauglichkeit" - doch was ist beispielsweise mit Kapitän Lars Stindl oder Oldie Raffael? Die beiden Stürmer stehen exemplarisch für die alten Tugenden der Borussia. 

Auch Defensivspieler wie Tobias Strobl oder Oscar Wendt, in der Vorsaison unumstrittene Stammspieler, könnten aufgrund von fehlender Geschwindigkeit und Zweikampfhärte durchs Raster fallen.

"Es wird interessant sein zu sehen, was passiert", sagt Eberl. "Spieler werden im Sonnenschein stehen, die bisher in der Schublade waren - und andere, die im Sonnenschein standen, werden kämpfen müssen."

Die Borussia stand in den vergangenen Jahren für eine Spielidee, die den Kombinationsfußball in den Vordergrund stellte und fast immer über das Spielerische kam. 

Unter den vergangenen drei Cheftrainern (Lucien Favre, André Schubert, Dieter Hecking) lautete die Maxime, Zweikämpfe bewusst zu vermeiden, womit man sich zunehmend vom großen Teil der Bundesliga-Konkurrenz abhob.

Anpassungen können lange dauern

Mit Rose soll nun eine ausbalancierte Mischung aus den beiden Ansätzen entstehen und bestenfalls vor dem Saisonstart in Fleisch und Blut übergegangen sein. Eberl ist allerdings klar, dass der Prozess mehr Zeit beanspruchen kann, als so manchem Fan lieb sein dürfte.

"Der neue Trainer ist kein Magier. Es kann schnell gehen, bis alle Rädchen ineinander greifen, vielleicht dauert es aber auch länger."

Der Trainer selbst tüftelt nun an besagter Mischung. "Ich werde keine Schablone aus Salzburg in Gladbach überstülpen, es gibt auch keinen Rose-Fußball. Wir müssen uns kennenlernen, und wir werden viel arbeiten. Es wird Prinzipien geben, die ich einfordern werde, und wir werden einen Stil gemeinsam kreieren."

Schlechte Rückrunde 

Dass die Borussia überhaupt eine Runderneuerung braucht, war im Winter noch nicht abzusehen. Nach einer grandiosen Hinrunde, in der die Gladbacher zeitweise vor dem FC Bayern gestanden hatten, verspielten sie in der Rückrunde einen Zwölf-Punkte-Vorsprung auf Platz fünf und mussten sich am Ende mit der Europa League zufrieden geben.

Mitten in der Negativspirale, als RB Leipzig im April zu Gast im Borussia-Park war und den Fohlen eine 1:2-Niederlage beibrachte, dünkte es auch Dieter Hecking.  

"Man hat gesehen, dass man auf allen Positionen Schnelligkeit braucht. Das hat RB und damit machen sie viele gute Möglichkeiten des Gegners wett", sagte der damalige Coach, nachdem Raffael in einem Spurtduell gegen Ibrahima Konaté hoffnungslos unterlegen war: "Das wird in Zukunft die Aufgabe für Borussia sein, am Tempo innerhalb des Kaders zu arbeiten." 

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Sprints als neues Stilmittel

In den Statistiken lag die Borussia am Ende der vergangenen Spielzeit bei den Sprints abgeschlagen auf dem letzten Platz - das soll sich radikal ändern. "Wir setzen auf Aktivität, wir wollen sehr aktiv gegen den Ball sein, viel sprinten, die Bälle hoch im Feld erobern, sodass wir kurze Wege zum Tor haben", sagte Rose schon bei seiner Vorstellung Ende Mai.

Den Fußball, den sich Rose in Gladbach vorstellt, umreißt er mit vier Worten: "Dynamisch, schnell, aktiv, Kombinationsfußball."

Es wird spannend sein zu sehen, wie schnell der neue Coach seine Anforderungen umsetzen wird. Und wer dabei möglicherweise auf der Strecke bleibt.

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