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Gelsenkirchen - Alexander Nübel vom FC Schalke 04 nimmt im SPORT1-Interview Stellung zum Torwartstreit im DFB-Team und spricht über die EM 2020 und Olympia.

Torwart-Juwel Alexander Nübel vom FC Schalke 04 erklärt exklusiv im zweiten Teil des SPORT1-Interviews, weshalb Coach David Wagner gegen Paderborn genauso spielen lässt wie gegen den FC Bayern.

Der neue Schalke-Kapitän nimmt zudem Stellung zum Duell zwischen Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen.

Des Weiteren spricht das 23 Jahre alte Torwart-Talent über seine Zukunft im DFB-Team, die EM 2020 und die Olympischen Spiele in Tokio.

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SPORT1: Herr Nübel, unter David Wagner gibt es viele Umschaltmomente, ein lebendiges und dynamisches Spiel. Ist es hilfreich, dass er klare Vorgaben gibt? Das Spiel wirkt ein wenig einfacher als in der Vorsaison.

Alexander Nübel: Wir haben unsere klaren Prinzipien, dazu gehört in jedem Fall das Pressing, dennoch passen wir uns an jeden Gegner taktisch an. Die grundsätzlichen Sachen spielen jedoch beim Gegner keine Rolle. Wir versuchen gegen Bayern genauso zu spielen wie gegen Paderborn und das ist ein Faktor, der für viele eine Rolle spielt. Man hat richtig Bock, vorne drauf zu gehen und man will die Gegner dazu zwingen, Fehler zu machen. So spielen wir das in Leipzig, genau wie zuhause gegen Köln. Das spielt dann keine Rolle.

Nübel über mehr Respekt und das Revierderby

SPORT1: Gegen Köln hat Ihre Mannschaft, speziell in der zweiten Halbzeit, ein gutes Spiel absolviert, die Führung aber dennoch aus der Hand gegeben. Ist diese Partie ein gutes Beispiel für das "neue" Schalke und dafür, was noch verbessert werden muss?

Nübel: Auf jeden Fall. Dieses Spiel hat gezeigt, wie die Entwicklung bereits in den vorherigen Partien war. Unsere erste Halbzeit war nicht gut, wir hatten nicht viele Lösungsmöglichkeiten im Spielaufbau aber auch im Ballspiel. In der zweiten Halbzeit haben wir in den tiefen Räumen besser Fußball gespielt und hatten gute Möglichkeiten. Bei diesem Spiel hat man gut gesehen, dass wir innerhalb von 90 Minuten eine gute Entwicklung zeigen können. Dass man am Ende das Spiel aus der Hand gibt und nur Unentschieden spielt, passiert. Im Spiel zuvor gegen Mainz haben wir am Ende noch gewonnen. Meistens gleichen sich solche Dinge in einer Saison immer wieder aus.

SPORT1: Am Sonntag spielt Schalke gegen Hoffenheim. Haben Sie den Eindruck, dass die Gegner Ihrem Team mehr Respekt entgegenbringen als im letzten Jahr? Vielleicht sogar etwas vorsichtiger spielen?

Nübel: Das glaube ich schon. Die anderen Teams sehen, wie viel Mentalität in unserer Mannschaft steckt, dass wir richtig Bock haben auf Fußball und vorne anlaufen bis zum Geht-nicht-mehr. Das macht es für jeden Gegner sehr, sehr schwer. Insofern glaube ich schon, dass sie uns genau anschauen werden.

SPORT1: In zwei Wochen steht das Revierderby auf dem Programm, gerade da kommt es besonders auf die Mentalität an. Was macht Schalke diesbezüglich so stark?

Nübel: Wir sind eine eingeschworene Einheit. Aber das Derby gegen Dortmund muss man immer ausklammern. Bei diesem Spiel spielt es keine Rolle, was davor gewesen ist, auch der Tabellenstand spielt oft keine Rolle. Deswegen stehen diese beiden Spiele in der Saison ein wenig gesondert da. Trotzdem waren wir in den Spielen zuvor alle füreinander da. Wir laufen alle sehr viel und so macht es viel Spaß, wenn man am Wochenende spielen darf.

Schalke-Kapitän ist Tedesco "sehr dankbar"

SPORT1: Sie wurden in der vergangenen Saison die Nummer eins auf Schalke. Dafür verantwortlich war Domenico Tedesco. Der hat inzwischen einen neuen Job. Hat es Sie überrascht, dass er ein Engagement in Moskau angenommen hat?

Nübel: Nein, denn er ist sehr weltoffen, er will alles aufsaugen. Für mich war klar, dass er nicht nur in Deutschland Trainer sein wird, sondern auch international. Dass es ausgerechnet Russland geworden ist, hätte ich so nicht gedacht, aber dass es irgendwo in Europa der Fall sein wird, das war von vornherein klar.

SPORT1: Unter Tedesco wurden Sie zur Nummer eins, später dann Kapitän, dann kam die Trennung. Gab es überhaupt Zeit, das alles zu verarbeiten?

Nübel: Das zeigt gut, wie schnelllebig das Fußballgeschäft ist. Für mich war es ein Vorteil, dass es bei der Mannschaft nicht gut lief, ansonsten wäre ich nicht reingekommen. So habe ich die Chance bekommen, die Rückrunde zu spielen. Es war dennoch schwierig, alles richtig wahrzunehmen, weil viel auf mich eingeprasselt ist. Aber ich habe mich trotzdem jedes Wochenende gefreut zu spielen. Ich habe versucht alles aufzusaugen. Dass der Trainer am Ende entlassen wurde, war hart, auch für mich, weil er mich reingeschmissen hat - und dafür bin ich sehr dankbar. Aber leider habe ich auf Schalke jede Saison einen neuen Trainer bekommen. Es ist leider so, dass es immer sehr, sehr schnell gehen kann.

HIER geht's zum ersten Teil des Nübel-Interviews: So plant Nübel seine Zukunft

SPORT1: Hat es Sie überrascht, dass Sie Kapitän geworden sind?

Nübel: Davon ausgegangen bin ich nicht, aber ich kann gut einschätzen, wie mein Standing in der Mannschaft ist. Ich bin eher der ruhige Typ, kann aber alles subjektiv gut betrachten. Deswegen hat es mich sehr gefreut und es war eine riesige Ehre, dass der Trainer mich ausgewählt hat.

SPORT1: Was hat sich seitdem für Sie verändert?

Nübel: Ich habe mehr Verantwortung innerhalb der Mannschaft und ich gebe mehr Interviews. Ansonsten hat sich nicht viel verändert, denn ich bin der Gleiche geblieben.

SPORT1: Müssen Sie während oder nach dem Spiel mehr sagen? Führen Sie auch Einzelgespräche?

Nübel: Wir als Mannschaftsrat sind Ansprechpartner. Meine Kollegen helfen mir dabei sehr, denn sie haben sehr viel Erfahrung. Ansonsten halte ich durchaus mal eine Ansprache vor dem Spiel, aber grundsätzlich habe ich mich nicht verändert. Es ist alles ähnlich geblieben, denn ich will auch authentisch bleiben. Wenn ich auf einmal rumschreie, dann nehmen mich die meisten nicht mehr ernst. Dass ich jetzt mehr Verantwortung habe, wollte ich, denn daran kann man wachsen.

Nübel über DFB-Team und Manuel Neuer

SPORT1: Wenn man an die großen Kämpfe in der Nationalmannschaft um das Trikot mit der Nummer eins denkt, sei es Uli Stein, Toni Schumacher, Jens Lehmann oder Oli Kahn, bekommt man den Eindruck, dass das richtig verbissene Typen sind.

Nübel: Früher war es noch extremer. Ich habe damals die Sache zwischen Jens Lehmann und Oliver Kahn mitbekommen. Ich glaube, da gab es häufig Momente, wo sich beide angeschwiegen haben. Bei uns hat sich das ein wenig weiterentwickelt. Ich bin so aufgewachsen, dass wir uns gegenseitig unterstützt haben. Vor allem Ralf Fährmann hat mir riesig geholfen, als ich zu Schalke gewechselt bin und dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Es ist nicht einfach, wenn du als junger Kerl zu einem Riesen-Klub wechselst, dass du wirklich jemanden findest, den du alles fragen kannst, und der dir hilft. Dass ich dann noch jemanden gefunden habe, der die gleiche Position spielt, das war sehr hilfreich für mich.

SPORT1: Marc-André ter Stegen hat kürzlich geäußert, dass er häufiger in der Nationalmannschaft spielen will. Auch von Manuel Neuer und dem FC Bayern gab es Reaktionen. Wie nehmen Sie so etwas wahr?

Nübel: Ich glaube intern spielt das keine große Rolle. Das wurde nur aufgebauscht von den Medien. Marc spielt bei Barcelona, da ist es klar, dass er auch in der Nationalmannschaft spielen will. Aber er hat einen guten Konkurrenten an der Seite.

SPORT1: Ist es nicht auch ein Stück weit Berechnung, wenn ter Stegen darauf hinweist, dass Neuer in Deutschland spielt und über ihn hierzulande deutlich mehr berichtet wird.

Nübel: Ich glaube, dass sich der Bundestrainer nicht von einem medial aufgebauten Druck beeinflussen lässt. Auch in den Vereinen wird es nicht passieren, dass man sich über die Medien unter Druck setzen lässt. So einfach ist das nicht. Ich denke nicht, dass das in diesem speziellen Fall eine Rolle gespielt hat. Der Bundestrainer und der Torwarttrainer wissen ganz genau, welche Leistungen er im Ausland bringt. Es spielt keine Rolle, ob du in Deutschland, Spanien oder England spielst.

EM und Olympia als großes Ziel

SPORT1: Wenn Kollegen loben, muss man dies nicht selbst tun. Neuer hat Sie gelobt. Wie ist das bei Ihnen angekommen?

Nübel: Ich freue mich über jedes Lob, vor allem über ein qualitativ gutes. Er hat Ahnung vom Fußball und vom Torwartspiel, deswegen freut mich das sehr.

SPORT1: Es war zuletzt Länderspielpause. Auch wenn Sie bereits erklärt haben, dass Sie die freie Zeit gut nutzen können. Denken Sie trotzdem bereits darüber nach, wie es wäre in diesen Zeiten mit der Nationalmannschaft unterwegs zu sein?

Nübel: Natürlich. Meistens ist es so, dass man Sachen vermisst, die man nicht mehr hat. Vergangenes Jahr durfte ich in jedem Quartal zur U21, das habe ich schon vermisst, aber ich nehme die zwei, drei freien Tage auch gerne mit. Planungen bezüglich Nationalmannschaft habe ich aber noch nicht.

SPORT1: Im nächsten Jahr steht eine Europameisterschaft an. Nachdem der Bundestrainer über Sie gesprochen hat, bestünde für Sie ja durchaus die Chance, als Nummer drei mitzufahren. Wäre das eine Erfahrung, die Sie gerne machen möchten?

Nübel: Na klar, das steht nicht zur Debatte. Nächstes Jahr ist aber auch Olympia. Ich schaue mir gerne auch andere Sportarten an. Olympia ist das Größte, nicht für einen Fußballer, aber für alle anderen Sportarten – vor allem für die Leichtathletik. Das steht noch an und das ist ein riesiges Turnier.

Selbstironie und Späße im Schalker Team

SPORT1: Suat Serdar sagte, dass Sie ein ruhiger Typ sind, abseits aber auch sehr lustig sein können.

Nübel: Ich bin sehr oft ironisch und sarkastisch, das muss man aber auch verstehen. Manche verstehen es aber nicht ganz. Wenn man mich länger kennt, dann kennt man meinen Humor und dann kann man sehr viel Spaß mit mir haben.

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SPORT1: Ziehen Sie manchmal Kollegen durch den Kakao oder nehmen Sie sich selbst auf die Schippe?

Nübel: Beides. Aber am liebsten andere.

SPORT1: Kommt das bei den Kollegen gut an oder erntet man auch einmal skeptische Blicke?

Nübel: Ich glaube es gehört bei uns im Fußballgeschäft dazu, dass du ironisch sein und auch manchmal einstecken musst. Aber das ist bei jedem so. Da spielt es keine Rolle, dass du Kapitän bist. Das habe ich davor genauso gemacht, da habe ich mich nicht verändert.

SPORT1: Selbstironie ist vielleicht dennoch nicht so ganz ausgeprägt im Profifußball.

Nübel: Das nicht, es ist aber hilfreich, wenn man selbstironisch ist.

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