Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

In der Kolumne "Auf den Punkt" bewerten die SPORT1-Experten aus ihrer Sicht die aktuellen Themen im Fußball. In dieser Woche erklärt Marcel Reif, was er von der Kovac-Diskussion hält.

Liebe Fußballfreunde, der Punkt ist:

In der Diskussion um Bayern-Trainer Niko Kovac lohnt es sich, mal die Fakten anzusehen. Die Bayern sind einen Punkt hinter dem Tabellenführer in der Bundesliga. Die Bayern haben den besten Start in eine Champions League Saison seit ewigen Zeiten. Die Bayern sind im Pokal merkwürdigerweise auch noch drin. Alle Saisonziele sind noch erreichbar. Die Krise hätten andere gern.

     -  Punkt 1: "So wird Kovac nicht gestärkt"

Anzeige

Die Chefs Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic, alle haben nur eines im Sinn - Erfolg! Nur: Jeder hat eine eigene Sicht der Dinge. Davor steht ein Trainer, der dann wieder vor die Mannschaft treten muss. Ein Trainer, der mittlerweile tun und lassen kann was er will, weil er von außen so vieles zu hören bekommt, dass er eigentlich nichts mehr richtig machen kann.

Dass Coutinho in Augsburg spielt, ist völlig richtig, weil er sich einspielen muss. Das heißt für Müller: erst mal draußen bleiben.

Javi Martinez spielen zu lassen, um eine Stabilität in die Defensive zu bekommen, ist ebenfalls das Normalste der Welt. Jetzt aber sagt Hoeneß in einem Nebensatz, wenn Martinez spiele, bekäme man weniger Tore. Daraufhin schreien wir wieder auf: "Da ist es wieder. Er redet in die Aufstellung rein."

Dann bringt Kovac tatsächlich Martinez - und wir nehmen es zur Kenntnis und machen uns unsere Gedanken. Das wäre alles halb so schlimm, wenn da ein Trainer stehen würde, der sagen würde: "Ist mir alles Wurst, was die Granden reden, was ihr von außen da redet. Ich weiß, was ich vorhabe und so machen wir das. Wir werden von Woche zu Woche besser."

Das ist allerdings alles noch nicht Bayern-like. Bei Louis van Gaal oder Pep Guardiola hätte man gesagt, das dauert ein bisschen so ein Umbruch. Bei Kovac sagen alle: "Das reicht nicht!" 

Dann sagt Rummenigge in der Bankettrede in Athen: "Wir müssen bald mal die Kurve kriegen." Ein völlig normaler Satz, denn wenn sie so weiter kicken, werden sie wahrscheinlich nicht Champions-League-Sieger. Wir aber sagen sofort: 'Das heißt, Kovac muss die Kurve kriegen'. 

Wo die Wahrheit letztlich liegt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Mannschaft das alles mitbekommt. Das hilft nicht, eine Mannschaft richtig auf Kurs zu bekommen. Das hilft nicht, einen Trainer zu stärken.

     - Punkt 2: Hoeneß handelt nicht strategisch!

Früher dachte ich immer, bei den Bayern spielen sie "good cop - bad cop". Mittlerweile sage ich: Ein Satz wie der von Rummenigge ist völlig normal, auch wenn das als klare Kritik an Kovac aufgefasst wird. Uli Hoeneß aber sagt vieles aus dem Bauch heraus und macht sich nicht mehr den Kopf. Ich halte das nicht für strategisch. Auch das stärkt nicht die Position des Trainer nach außen und in der Kabine.

Jetzt das aktuelle Trikot des FC Bayern bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE

Boateng ist jetzt auf einmal auch wieder wichtig, nachdem man ihm mehrfach die Türe gewiesen hat. Müller? Wenn er spielt, sagen alle, Kovac sei wieder umgefallen. Wenn er nicht spielt, fragen alle wieso. Wir haben es leicht, Kovac hat es sehr schwer. Alle Beteiligten müssen es ihm einfacher machen - sie tun es aber nicht!

Wenn man einen Trainer hat, der das moderieren kann, der das Alter hat, da läuft es dann anders. Siehe Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes. Die haben die Augenbraue gehoben, da wussten auch Weltklassespieler: Der Chef sagt es so, dann ist es so. Guardiola oder van Gaal war es egal, ob da einer auf ihrer Seite war oder nicht. Niko Kovac ist noch kein van Gaal, Hitzfeld, Heynckes, Guardiola. Ist das ein Wunder? Nein. Ändert das etwas an den Notwendigkeiten? Nein!

Wenn Kovac nicht stark genug ist und nicht genug gestärkt wird, wird er am Ende auch in der Kabine kein starker Trainer sein.

Hoeneß wird auch nach seinem Rücktritt noch etwas zu melden haben. Das möchte ich erst mal sehen, dass man ihm den Mund verbietet. Wäre er der Einzige, der Kovac unterstützt, hätte er ja immer noch einen bedeutenden Fürsprecher.

Meistgelesene Artikel

     - Punkt 3:  "Noch stimmen die Ergebnisse, aber nicht der Fußball"

Es geht darum, wie die Mannschaft zusammenfindet. Wie wird die Kabine zusammengehalten in diesem Kader? Das muss der Trainer leisten. Findet man einen gemeinsamen Nenner, der Kovac das Leben erleichtert?

Und dann ist da noch der Fußball, für den ist Kovac verantwortlich. Noch stimmen die Ergebnisse - aber nicht der Fußball.

Dass das Ganze nur wie eine Schachpartie läuft mit irgendwelchen Spielchen der Befürworter und Gegner von Kovac und er hin- und hergeschoben wird - nein! Er ist der Cheftrainer bei Bayern München, dazu muss er groß und stark sein, sich durchsetzen gegen vieles was von außen kommt und daran wachsen.

Punkt.

Euer Marcel Reif

Marcel Reif ist nach rund 1.500 kommentierten Spielen eine Reporter-Legende.

Für seine Arbeit erhielt Reif unter anderem den "Grimme-Preis", den "Deutschen Fernsehpreis" und den "Bayerischen Fernsehpreis".

Seit Sommer 2016 begleitet Marcel Reif als Experte den CHECK24 Doppelpass auf SPORT1.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image