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Achim Stocker in der Saison 2004/05 bei einer seiner seltenen Besuche eines Freiburg-Spiels
Achim Stocker in der Saison 2004/05 bei einer seiner seltenen Besuche eines Freiburg-Spiels © Getty Images
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Freiburg - Am 1. November 2009 starb Achim Stocker. Der Mann, der als personifizierter SC Freiburg in die Geschichte einging. Sein Erbe wirkt bis heute nach.

Wenn im Dreisamstadion der Anpfiff ertönte, war Achim Stocker unterwegs. Spazieren mit seinem Hund Tommie.

Der Mann, der den SC Freiburg zu dem gemacht hat, was er heute ist, war bei den Erfolgen oder nicht selten auch Misserfolgen in der Bundesliga nicht vor Ort. So sehr sein Herz am Sport-Club hing, den Emotionen auf der Tribüne war es nicht mehr gewachsen.

"Ich rege mich im Stadion zu sehr auf und bin nervlich nicht in der Lage, so ein Spiel anzugucken", sagte Stocker einmal.

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Daher zog es der gebürtige Konstanzer an Spieltagen vor, mit seinem Hund spazieren zu gehen. Mitunter in Hörweite zum Stadion, schließlich wohnte er nur wenige hundert Meter entfernt. Über das Ergebnis informierte sich Stocker hinterher per Videotext.

Nicht nur Freiburg trauert nach Stockers Tod

Am 1. November 2009 konnte Stocker seine übliche Runde ums Stadion nicht mehr drehen. Nach einem Herzinfarkt und einem Hirnschlag kämpften die Ärzte am Freiburger Uniklinikum eine Woche lang um das Leben des damals 74-Jährigen. An jenem Herbstsonntag verloren sie diesen Kampf.

Während der Sport-Club gerade ein Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim mit 0:1 verlor, erreichte den Verein die traurige Nachricht, die sich umgehend unter den Fans verbreitete und für Bestürzung über die Stadtgrenzen hinaus sorgte.

Auch der damalige Manager des FC Bayern reagierte erschüttert. "Ich habe ihn als Präsidenten kennengelernt, der noch hemdsärmelig im VIP-Raum die Brötchen geschmiert hat, als es dem Klub noch nicht so gut ging", sagte Uli Hoeneß damals.

Stocker hat dem SC "sein Herz geschenkt"

Als Stocker 1972 in Abwesenheit zum Präsidenten gewählt wurde, spielte die erste Mannschaft eine eher unbedeutende Rolle in der südbadischen Amateurliga. Die Nummer eins in der Stadt war zu diesem Zeitpunkt der traditionsreichere Freiburger FC, immerhin Deutscher Meister von 1907.

Zu den Spielen des Sport-Clubs kamen damals selten mehr als 2.000 Zuschauer in das Stadion am Dreisamufer direkt neben dem Strandbad, das an sonnigen Tagen so manchen potenziellen Stadiongänger abwarb.

Doch mit Stocker begann der Aufschwung, indem er dem "Verein sein Herz geschenkt" hat, wie es der Sport-Club nach seinem Tod formulierte.

Dabei kümmerte er sich um so ziemlich alles im Klub selbst. Lange bevor sich eigene Berufszweige für diese Aufgaben etablierten, tingelte Stocker mit seinem gelben Golf über Sportplätze im Umland, später quer durch die Republik, um Talente zu erspähen. Spieler wie Joachim Löw oder Souleymane Sané fanden so den Weg in den Breisgau.

Streich: Stocker hat "drei Stunden die Straße gekehrt"

Er warb persönlich um potenzielle Sponsoren, um dem Verein das finanzielle Überleben zu sichern, immer getrieben von der Angst, es könnte ganz schnell wieder bergab gehen. Mit seinem Einsatz ebnete Stocker dem Sport-Club den Weg vom Amateurfußball bis in die Bundesliga.

"Es war unvorstellbar", erinnerte sich der aktuelle SC-Trainer Christian Streich in einem 11Freunde-Interview an seine Zeit als Spieler unter Stocker Ende der 80er Jahre. "Präsident Stocker hat damals seine Kaffeemaschine von zu Hause zum Spiel mitgebracht und für die zwei Leute, die darüber geschrieben haben, Kaffee gekocht. Danach hat er drei Stunden die Straße gekehrt und die Maschine wieder mitgenommen."

Und wenn man nach Heimspielen wegen liegengebliebener Fundsachen auf der Geschäftsstelle anrief, ging auch mal Stocker persönlich ans Telefon, notierte das Anliegen und gab es weiter.

Es gab praktisch nichts, um das sich Stocker nicht gekümmert hat. Dabei hielt der Direktor der Oberfinanzdirektion Freiburg vor allem in Zeiten sportlichen Erfolgs das Geld zusammen.

Der Weg in den Profifußball verlief holprig. In der Zeit nach dem erstmaligen Aufstieg in die 2. Bundesliga 1978 herrschte auf dem Trainerstuhl ein Kommen und Gehen. Kaum ein Fußballlehrer blieb länger als eine Saison. Stocker verließ sich bei seinen Personalentscheidungen eben auf sein Bauchgefühl, so wie 1991, als ihm mit Volker Finke ein Glücksgriff gelang.

Trennung von Finke im Streit

Finke führte den Sport-Club 1993 erstmals in die Bundesliga und blieb die Rekorddauer von 16 Jahren, ehe es bei seinem Abschied zum Bruch mit seinem Entdecker kam. Nach seinem letzten Spiel nahm Finke die Blumen von Stocker nur widerwillig an. In seiner Abschiedsrede bedankte er sich explizit nur für 14 Jahre, in denen der Vorstand dem Trainerteam den Rücken freigehalten habe.

"Wir waren sicherlich aus der Übung", gestand Stocker damals in einer SWR-Dokumentation.

Zur Winterpause 2006/07 drohte der Sturz in die Drittklassigkeit. Der Vorstand beschloss nach langem Zögern Stockers schließlich die Trennung von Finke zum Saisonende. In der Rückrunde gelang eine sensationelle Aufholjagd, Fans forderten Finkes Weiterbeschäftigung. Doch die Entscheidung war unumstößlich. Man habe "sicherlich keine gute Figur gemacht", räumte Stocker ein.

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37 Jahre leitete er als Präsident die Geschicke des Klubs. Kurz vor seinem zehnten Todestag erinnerten die Fans vor dem Pokalspiel gegen Union Berlin mit einer großen Choreografie an seine Verdienste. Seine Philosophie des soliden Wirtschaftens prägt den Verein bis heute.

Stockers Philosophie prägt den SC Freiburg bis heute

"Für uns geht es darum, gesund zu wachsen, aber bei uns zu bleiben. Wir wollen unsere Kultur bewahren und die Demut behalten", sagte Sportvorstand Jochen Saier kürzlich im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1.

Statt großer Transferausgaben soll der Fokus weiterhin auf der Nachwuchsförderung liegen. Noch zu Lebzeiten des Präsidenten wurde 2004 die Achim-Stocker-Stiftung gegründet, um die Finanzierung der Freiburger Fußballschule zu sichern.

Sein Name wird immer eng mit dem SC Freiburg verbunden sein. Auf der jüngsten Mitgliederversammlung schlug der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich Breit vor, die Straße zum neuen Stadion nach Achim Stocker zu benennen.

Es wäre auch eine Erinnerung an Achim Stockers Spaziergänge während sein Herzensklub spielte.

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