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München - In der Kolumne "Auf den Punkt" spricht SPORT1-Experte Marcel Reif über den Todestag von Robert Enke, der sich am Sonntag zum zehnten Mal jährt.

Liebe Fußball-Freunde, 

ich war damals im Urlaub. Und als ich die Nachricht erhielt, habe ich es nicht für möglich gehalten.

Ich hatte gerüchteweise gehört, dass Robert Enke psychisch angeschlagen ist, aber den Suizid hätte ich nicht für möglich gehalten. Es war ein Schock für uns alle.              

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- Punkt 1: Wir brauchen Offenheit. Jemand der Probleme hat, darf nicht flüchten müssen.

Mir war es damals schon zu viel, was ab jetzt alles anders werden muss. Ich fand es nicht angemessen und es wurde in mancher Hinsicht ein falscher Schwerpunkt gelegt, oder falsche Hoffnungen geweckt. Leistungssport ist ohne einen gewissen Leistungsdruck nicht zu bewältigen.

Das heißt aber nicht, dass jeder dem gleichermaßen gewachsen sein muss. Ich erinnere mich noch an Sebastian Deisler, der ausgestiegen ist. Das wird es immer wieder geben. Es geht darum, wie man eine Offenheit schafft. Jemand, der Probleme hat, muss die Möglichkeit haben, sich Hilfe zu suchen, ohne flüchten zu müssen. Flüchten im weitesten Sinne. 

Die Offenheit muss sich ändern, wenn jemand nicht performt und keine Topleistung zeigt.   

Wenn aber zum Beispiel ein Klinikaufenthalt zum Spießrutenlauf wird, haben wir nichts dazugelernt. Das wäre ein trauriges Zeugnis für diese Gesellschaft und den Profifußball. Wenn das nicht möglich ist, ist es ein unmenschliches, kommerzialisiertes und wahnsinniges Gebilde. Die Hoffnung habe ich und lasse ich mir nicht nehmen, dass man es hinkriegt, oder sich zumindest bemüht, und irgendwann doch mal Mehrheiten bekommt. Es lohnt sich auf alle Fälle, sich dafür einzusetzen! 

- Punkt 2: Junge Spieler müssen darauf vorbereitet werden, in der Öffentlichkeit zu stehen.

Es geht darum, dass man diese Dinge in der Gesellschaft verankert und eine Offenheit schafft. Dennoch ist Profifußball ohne Leistungsdruck nicht machbar. Das Gewinnen-sollen oder -müssen ist verankert und liegt in der Natur der Sache. Den ganzen Druck rauszunehmen, wäre auch Unsinn.

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Aber es ist eine andere Öffentlichkeit, als es sie vor zehn, 20 oder 30 Jahren noch gab. Heute soll ein Profi mal versuchen, um die Ecke zu laufen, ohne 16 Selfies machen zu müssen/dürfen. Das hat es früher nicht gegeben. Darauf muss man vorbereitet werden. Erwachsene sollten jüngeren Menschen auf diesem Weg helfen. 

- Punkt 3: Ein Psychologe kann genauso wichtig sein wie ein Fitnesscoach!

Ich glaube nicht, dass es eine Blaupause gibt, wie man mit solchen Dingen umgeht. Der eine Spieler möchte es öffentlich machen und Verständnis bekommen, der andere möchte es mit sich selbst ausmachen und nur mit Ärzten darüber sprechen. Deswegen kann man nicht sagen, wie es gemacht werden muss. Man muss es zur Kenntnis nehmen und ein Klima schaffen, dass der Betroffene sich nach seinen Vorstellungen Hilfe suchen kann.

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Ich denke, dass man vielerorts darüber nachdenkt, ob es nicht Sinn ergibt, einen guten Psychologen zu verpflichten, anstatt noch einen Fitnesstrainer, noch einen Athletiktrainer oder noch einen Physio oder Masseur unter Vertrag zu nehmen. Der Psychologe könnte zumindest als Angebot für die Spieler da sein.

Punkt.

Euer Marcel Reif

Marcel Reif ist nach rund 1.500 kommentierten Spielen eine Reporter-Legende. Für seine Arbeit erhielt Reif unter anderem den "Grimme-Preis", den "Deutschen Fernsehpreis" und den "Bayerischen Fernsehpreis". Seit Sommer 2016 begleitet Marcel Reif als Experte den CHECK24 Doppelpass auf SPORT1.

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