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Der Platzverweis von Niklas Moisander löst eine Debatte um die strengere Regelauslegung bei Reklamationen aus. Schiri-Boss Lutz Michael Fröhlich wehrt sich.

Der Platzverweis für Niklas Moisander erhitzte am Samstag die Gemüter. Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich hat Referee Felix Brych nach der Gelb-Roten Karte gegen Werder Bremens Kapitän verteidigt.

"Er hat nichts verkehrt gemacht und wird absolut unterstützt", sagte Fröhlich im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 am Sonntag. 

Fröhlich: "Wir zwingen keinen Schiedsrichter"

Der 62-Jährige ergänzte: "Wir werden keinen Schiedsrichter dazu zwingen, in solchen Situationen Gelb-Rot oder Rot zu zeigen. Hier geht es ausschließlich um die Attraktivität des Fußballs mit positiven Emotionen. Wir wollen endlich damit aufhören, permanent zu reklamieren und Hektik zu machen, wo keine Hektik notwendig ist."

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Moisander hatte in der Schlussphase der Partie bei Fortuna Düsseldorf wegen Reklamierens die Ampelkarte gesehen. Auslöser war ein Foulspiel an Werder-Keeper Jiri Pavlenka, der nach einem heftigen Zusammenprall verletzt auf dem Boden liegen geblieben war.

Werders Geschäftsführer Sport, Frank Baumann, äußerte im Doppelpass Verständnis für die Schiedsrichter, das Reklamieren zu unterbinden. "Wir haben da oft zu viel Theatralik auf dem Platz. Aber es ist doch ein normale Reaktion, wenn nach einem heftigen Foul emotional und heftig reagiert wird. Das ist insofern doch kein Auslösen einer Rudelbildung", sagte Baumann.

Effenberg kritisch: "Für Entwicklung im Fußball fatal"

SPORT1-Experte Stefan Effenberg kritisierte die strengere Regelauslegung: "Du nimmst den Schiedsrichtern den kompletten Freiraum, Fingerspitzengefühl zu zeigen – mir tun die Schiedsrichter leid. Ich finde das für die Entwicklung im Fußball fatal."

Auch der frühere Bundesliga-Stürmer Jan Age Fjortoft hatte eine klare Meinung. "Wenn man so entscheidet nach der Regel, dann muss die Regel wieder weg, nicht der Spieler", sagte der Norweger. "Wenn ein Kapitän seine eigenen Spieler nicht mehr schützen darf, dann wäre er bei mir nicht mehr Kapitän. Da wollte er doch auch den verletzten Torwart schützen nach der Attacke."

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Man könne in einer Situation immer Fingerspitzengefühl oder Empathie einbringen, schilderte Fröhlich aus Schiedsrichter-Sicht: "Aber wenn der Schiedsrichter in der Situation zu dem Ergebnis kommt, dass das für ihn Gelb-Rot ist, dann muss man ihn auch unterstützen und in den Gesamtkontext mit Respekt vor dem Schiedsrichter und vor dem Gegner setzen und akzeptieren."

Kohfeldt kritisiert Moisander-Platzverweis

Werder-Trainer Florian Kohfeldt hatte unmittelbar nach der Partie die strengere Regelauslegung bei Reklamationen und Rudelbildungen kritisiert.

"In so einer Szene eine Gelb-Rote Karte zu gegen, ist der Witz des Jahrhunderts", sagte Kohfeldt. "Es war allen klar, dass Situationen entstehen, wo Exempel statuiert werden. Klar, Niklas läuft auf den Fortunen-Spieler. Aber in der 92. Minute liegen zwei Spieler deiner Mannschaft mit Kopfverletzungen am Boden, und der Kapitän ist etwas emotional, ohne beleidigend zu sein. Warum machen Leute die Regeln, die nie dieses Spiel gespielt haben und überhaupt nicht verstehen?"

Fröhlich: "Keine neue Regel"

Fröhlich meinte dazu im CHECK24 Doppelpass: "Es ist keine neue Regel und auch keine Regeländerung. Das beruht alles auf den Regeln, die bereits existieren. Wenn man sich den deutschen Fußball anschaut, hängen wir, was den Anstand und den Respekt vor dem Gegner und den Schiedsrichtern angeht, im Vergleich zu internationalen Wettbewerben deutlich hinterher."

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Für SPORT1-Experte Marcel Reif sei die Regel an sich richtig, "weil vieles aus dem Ruder gelaufen ist, vor allem im Umgang. Da ist vieles respektlos. Aber wir haben so gute Schiedsrichter in Deutschland, und durch diese Regel gibt da jetzt keinen Spielraum mehr, wenn du auf typisch deutsche Art etwas überregulierst. Felix Brych nun zu zwingen, eine Gelbe Karte zu zeigen, wenn zwei gegeneinander springen und dann so etwas entsteht, dann begreife ich das nicht, und es ist falsch."

Die Regel abzuschaffen, sei aber auch keine Lösung, ergänzte Reif. "Es geht für alle Beteligten darum, emotional etwas runterzufahren. Doch Felix Brych wurde hier die Entscheidungsgewalt genommen. Du willst den Schiedsrichter stärken und erreichst das Gegenteil."

Der DFB hatte die Schiedsrichter vor dem Rückrundenstart aufgefordert, Unsportlichkeiten und aggressives Verhalten schneller und härter zu sanktionieren. Der Verband erhofft sich davon eine Signalwirkung, durch die insbesondere die Unparteiischen in den Amateurligen geschützt werden sollen.

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