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Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann kritisiert öffentlich die Einstellung seiner Spieler. Eine harmlose Maßnahme im Vergleich zu den Ausbrüchen anderer Trainer.

Das als Gipfelkreuz-Rede in die Bundesliga-Geschichte eingegangene TV-Interview vom Wochenende, als Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann seinen Verlierern von Frankfurt die Leviten las, hätte zu anderen Zeiten wohl kein großes Aufsehen erregt.

Seine Rede muss sich weit hinten anstellen, andere Trainer zogen ganz andere Saiten auf um ihrer Mannschaft zu zeigen, dass sie gerade nicht sehr amüsiert sind. Aber für heutige Verhältnisse, da sich die Zuschauer an Floskeln, Durchhalteparolen und chemisch gereinigte Interviews gewöhnt haben, war sie bemerkenswert.

Widerstand löste sie auch nicht aus, die Spieler nahmen es hin, dass ihr Trainer wohl etwas ehrgeiziger ist als sie. 

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Auch da gab es schon andere Reaktionen.

Im November 1964, ganz zu Anfang der Bundesliga, platzte HSV-Trainer Georg Gawliczek der Kragen, er bezeichnete seinen Spieler Claus Vogler nach einer Pleite als "milchmädchenhaft". Wie auch immer er das gemeint hatte, für Reservist Vogler, damals 21, war es zu viel. Er bat um die Freigabe und bekam sie. Bundesliga-Karriere beendet.

Merkel fällt bei 1860 und Nürnberg in Ungnade

Max Merkel, der Zampano aus Wien, brachte in schöner Regelmäßigkeit ganze Mannschaften gegen sich auf. Wenn er den Mund aufmachte, lagen die von seinem Spott gebissenen Verletzten am Wegesrand. Doch solange der Erfolg da war, ließen die Vorstände den Wiener gewähren.

Im Dezember 1966 war er nicht mehr da, der Vorjahresmeister 1860 München spielte gegen den Abstieg. Merkel forderte dennoch einen neuen Vertrag, "um acht Spieler zu feuern, und für die übrigen wäre es auch besser, dann gleich mitzugehen".

Max Merkel holte mit dem 1. FC Nürnberg 1968 den Meistertitel
Max Merkel holte mit dem 1. FC Nürnberg 1968 den Meistertitel © Imago

Was zu viel war, war zu viel. Kapitän Peter Grosser gab eine Mitleid erregende Erklärung ab: "Worum wir seit Jahren bitten, das ist, jenes Mindestmaß an Psychologie und die elementaren Grundsätze der Menschenwürde nicht auszuschalten." Den Vorstand überzeugte allerdings noch mehr das Spielervotum von 16:1 gegen Merkel, der sofort rausflog.

Er fand eine neue Anstellung in Nürnberg, wo er 1968 erneut Meister wurde. Trotzdem ließ er seine Spieler im Training mal eine lange Reihe bilden und befahl dann: "Alle Mann Kopfschütteln!" Auf die Frage nach dem Warum entgegnete er: "Das macht's, wenn euch einer fragt, ob ihr Fußball spuiln könnt." Den eigenwilligen Jugoslawen Cebinac beschimpfte er als "Eselstreiber" und "Schaschlikbrater", was sich auch in Zeiten, als nicht überall Mikrofone aufgebaut waren, herumsprach. Seinen Rauswurf im Jahr nach der Meisterschaft bedauerten die Wenigsten.

Nächtliches Straftraining bei Magath und Daum

Der Max Merkel der 2. Liga war Homburgs Uwe Klimaschefski, der mal eine Pressekonferenz mit der Begründung abbrach, dass er leider seine "Blinden jetzt zum Bus bringen muss".

Es war die Zeit der Schleifer und Zuchtmeister, in Kassel zerrte Coach Rudi Kröner seinen Verteidiger Grawunder nach einem weiteren Tor von Gegenspieler Frank Mill vom Platz, obwohl er nicht mehr wechseln konnte. Lieber zu zehnt als mit dir - das war die Trainer-Psychologie der Achtziger.

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Straftraining hatten sie natürlich alle im Repertoire, manche setzten es morgens um fünf an wie Rudi Gutendorf, der seine Schalker an den Zechen vorbeijoggen ließ. Damit die Kumpel sahen: Auf Schalke wird hart gearbeitet. Ernst Middendorp ließ in Bielefeld den aufmüpfigen Spieler Rainer Rauffmann so viele Runden laufen "bis ich dich reinrufe". Das vergaß er dann wohl, Rauffmann brach zusammen und musste sich übergeben.

Automatisch kommt man dann auf Felix Magath, den Treuhänder der alten Trainerschule. Als er noch bei Bayern war, standen die Profis nach einem miesen Pokalspiel in Aue mal ab 3.40 Uhr auf dem Trainingsplatz, besorgte Anwohner riefen sogar die Polizei ob der ungewöhnlichen Ereignisse.

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Auch von seinem sonst so menschlichen Nachfolger Ottmar Hitzfeld (21.30 Uhr) und von Christoph Daum (2.05 Uhr) sind derartige Geschichten nach Pleiten überliefert. Beliebt ist bei Trainern auch das Streichen von gesellschaftlichen Großereignissen wie die Teilnahme am Kölner Rosenmontagstrubel (Daum 2007) oder der traditionellen Floßfahrt der Bayern-Mannschaft (Magath 2004).

Trapattonis Wutrede bleibt unvergessen

Unbequem wurde es zuweilen schon direkt nach Abpfiff. Als Schalke 1988 bei den Bayern 1:8 verlor, strich Trainer Horst Franz den Rückflug. Zur Strafe ging es mit dem Bus nach Hause, damit die Loser länger über die Leistung nachdenken konnten. So machte es auch Uwe Rapolder mit Koblenz nach einem 0:9 in der 2. Liga in Rostock. Mit der Extravaganz, dass sich die Spieler die Aufzeichnung noch dreimal in voller Länge ansehen mussten. Außerdem mussten die Spieler für die Kosten der Fans aufkommen, die fatalerweise mitgereist waren an die Ostsee. 

Die Tonlage verschärfen - das hatten auch die meisten drauf. Unvergessen bleibt die Wutrede von Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni vom März 1998, die vor allem dem angegriffenen Thomas Strunz ewig nachhängen wird. "Was erlauben Strunz?", tadelte der "Mister" einen seiner Kritiker. Seine Wutrede mit geschwollener Halsader war in einer Lautstärke vorgetragen, die allen Zuhörern Angst machen musste. Zum Glück für seine Spieler waren es nur Journalisten.

Ralf Rangnick war in Hannover trotzdem noch ein Stückchen lauter, da er sich Hilfsmitteln bediente. Er warf vor einem Spiel in Leverkusen einen Knallkörper in der Kabine, damit seine Spieler nicht schon wieder mal den Start verschliefen.

Der Leiseste war zweifellos Hannes Linßen, Trainer-Original von Fortuna Köln in den Neunzigern. Er war über die Leistung seines Teams so sauer, dass er sie fünf Tage anschwieg. Erst kurz vor dem nächsten Spiel sprach er wieder mit ihnen, um die Aufstellung zu verkünden. Linßen: "Sonst wären wir mit 15 Mann aufgelaufen."

Spieler als Umzugshelfer? Das ging zu weit

Gefürchtet bei Spielern ist ohne Frage der intellektuelle Ansatz. So ließ Max Merkels Landsmann Walter Schachner 2007 ebenfalls bei 1860 München die Profis nach einer 0:3-Pleite Hausaufgaben machen: "Jeder muss eine Analyse schreiben, die er in einem Kuvert am Mittwochmorgen abgeben muss." Alle gaben ab, doch mit welchem Erfolg? Sie verloren weiter, vier Wochen später war der Trainer seinen Job los.

Und wer Grenzen überschreitet, muss mit den Folgen leben. Frag nach bei Willi Kronhardt, Trainer der Wolfsburger Reserve.

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Der kam 2007 auf die Idee, die Kicker des damaligen Tabellenletzten für seinen privaten Umzug einzuspannen. Er habe sehen wollen, auf wen man sich eigentlich noch verlassen könne - privat wie auch sportlich, sagte er. Die Spieler fanden es nicht so toll: "Wir kamen uns vor wie unbezahlte Möbelpacker." Kronhardt wurde umgehend entlassen.

Alles in allem betrachtet sind die Leipziger doch wirklich noch gut davongekommen.

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