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München - Der SV Werder Bremen ist seit dieser Saison der letzte noch lebende Bundesliga-Dino - und befindet sich in Lebensgefahr. Eine Zeitreise ins Jahr 1980.

Seit dieser Saison sind sie der Dino der Bundesliga, 56 Jahre hat sonst keiner zu bieten.

Für viele ist es unvorstellbar, dass Werder Bremen absteigen kann, egal was die Tabelle (Platz 16) sagt. (SERVICE: Die Bundesliga-Tabelle)

Erst recht nach dem grandiosen 3:2-Sieg gegen Borussia Dortmund im Pokal.

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Dennoch: ein Naturgesetz ist es nicht. Auch Werder kann absteigen, es ist nur schon so lange her, dass es keiner mehr wahrhaben will, der es mit Werder hält, und dass selbst die daran Beteiligten es verdrängt haben. Eine Zeitreise in die Spielzeit 1979/80.

Röber: "Das war doch noch vor dem Krieg"

Jürgen Röber ist nicht sonderlich amüsiert, obwohl er erstmal lachen muss über den Grund des SPORT1-Anrufs.

"Das war doch noch vor dem Krieg", witzelt der spätere Erfolgstrainer von Hertha BSC, der heute offiziell Rentner ist, aber "noch so viel zu tun hat".

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Mit Immobilen und so, präziser wird er nicht. Leider auch nicht in der Angelegenheit, die uns interessiert: der Abstieg, vor genau 40 Jahren. Dafür sprechen die Quellen Bände.

Es war die 17. Bundesligasaison und es wimmelte damals noch vor "Dinos" in der Bundesliga. Auch der HSV, Kaiserslautern, Köln, Frankfurt und Duisburg waren immer dabei gewesen.

SV Werder als letzter verbleibender Dino

Werder war die Nummer sieben in der Ewigen Tabelle, 1965 sogar Meister geworden, kämpfte aber in den Siebzigern kontinuierlich ums Überleben.

"Einmal nicht an Abstieg denken!" betitelt das kicker-Sonderheft seinen Text über die Bremer. Er spiegelt die Sehnsucht von Jung-Manager Rudi Assauer, damals 36, der heute vor einem Jahr verstorben ist.

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Der träumt von Platz acht und mehr in den folgenden Jahren, endlich haben sie das Weser-Stadion ausgebaut, die 1978 fertiggestellte neue Tribüne bringt bessere und teurere Plätze. Die Eintrittskarte in Bremen kostet im Schnitt nun zehn D-Mark.

Noch aber drücken Werder 3,2 Millionen DM Schulden, und so kann Assauer im Sommer 1979 nur zwei Spieler einkaufen.

Einer weckt größte Erwartungen: Dave Watson, der Libero von Manchester City, den sich Werder damals exorbitante 397.000 DM kosten lässt. Mit ihm fangen die Probleme an.

Watson lässt den Star raushängen, will kein Deutsch lernen und kann sich nur mit Benno Möhlmann unterhalten. Schon vor dem zweiten Saisonspiel bei 1860 München herrscht dicke Luft, und eine Münchner Zeitung berichtet von einer Meuterei gegen ihn.

Trainer Weber und die Folgen der Presse-Beichte

Der unerfahrene Trainer Wolfgang Weber, in seiner zweiten Saison, begeht den Fehler, Watson den Vorabdruck übersetzen zu lassen. Entsprechend geladen geht Watson in die Partie, lässt sich provozieren und fliegt nach 35 Minuten wegen einer Tätlichkeit vom Platz.

Acht Spiele wird er gesperrt. Als er wieder spielen kann, verweigert er wegen einer angeblichen Verletzung 30 Minuten vor Busabfahrt seine Teilnahme und bekommt auch von Werder 5000 DM Strafe.

Es macht keinen Sinn mehr, der Vertrag wird aufgelöst, er kehrt zurück nach England.

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Assauer trägt Weber die Geschichte lange nach: "Ich kann dem Mann doch am Abend vor dem Spiel nicht erzählen, dass am nächsten Tag in der Zeitung stehen wird, die Mannschaft meutere gegen ihn. Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen. Der Platzverweis war eine logische Folge davon."

Er bezeichnet ihn rückblickend "als vielleicht entscheidend für uns in dieser Saison". Eine Saison, in der nach Watson noch fünf Liberos ausprobiert werden und nach Weber noch zwei Trainer.

Sie ist verkorkst, auch wenn es nach der Hinrunde (Platz 12) noch ein typisches Werder-Jahr zu werden scheint.

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Aber schon da haben sie die meisten Gegentore, obwohl mit Dieter Burdenski der Nachfolger von Sepp Maier in der Nationalelf den Kasten hütet.

Im neuen Jahr brechen alle Dämme. Werder startet mit vier Niederlagen in 1980, schon nach der zweiten, einem legendären 4:6 im Heimspiel gegen Konkurrent 1860 München, muss Weber gehen.

Assauer übernimmt Traineramt bei Werder

Bei der Videoanalyse dieses Spiels, seiner letzten im Amt, muss Weber "sogar selber lachen. Anders kann man das gar nicht ertragen."

Auf der Tribüne sitzt bei jenem Spiel, wie immer seit seinem Karriereende Ehrenspielführer Horst-Dieter Höttges, der bis zu seinem Abschied 1978 sein Wort gehalten hat: "Solange ich spiele, steigt Werder nicht ab."

Nun spielt er nicht mehr, nun leidet er von außen und nörgelt. "Wenn man auf dem Boden keine Schramme riskiert, kann man nicht erwarten zu gewinnen." Dauerkritiker Höttges erhält Kabinenverbot.

Der Trainer indes wird zum Bauernopfer, obwohl er "ein guter Typ war" (Röber). Manager Assauer übernimmt und startet mit einem 0:5 in Dortmund.

Die Werder-Schießbude hat nun beinahe wöchentlich geöffnet, das ändert sich auch unter Altmeister Fritz Langner nicht (damals 68), der schon zum dritten Mal bei Werder ist. Aber er hat den Trainerschein, der Assauer fehlt.

"Die Arbeit hat trotzdem der Rudi gemacht", erinnert sich Röber. Der drahtige Mittelfeldspieler wird einer der wenigen Gewinner der Saison, trotz Abstiegs schafft er es im Sommer zu den Bayern.

"Ich habe dort meine schönste Zeit erlebt und wäre nie weggegangen, wenn Werder drin geblieben wäre", versichert er, schon wegen des familiären Klimas. "Die Leute waren und sind alle so freundlich und lieb da."

SV Werder und der Abstiegsstrudel

Für das Vereinsleben unbezahlbar, für den Abstiegskampf fatal. Werder gerät in den Fahrstuhl nach unten, die Gegner haben ihre helle Freude daran.

"Ich habe noch nie so ein schlechtes Abwehrverhalten gesehen", sagt DFB-Beobachter Berti Vogts nach einem 1:4 in Duisburg. Auch Rückhalt Burdenski wankt, er verspielt während der Rückrunde sogar sein EM-Ticket.

Am Ende stehen sagenhafte 93 Gegentore, 53 davon in der zweiten Saisonhälfte. Der Tiefpunkt ist ein 0:7 bei den Bayern, auswärts gewinnen sie nur ein Spiel.

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Trotzdem stirbt die Hoffnung zuletzt. Assauer beziffert die Chancen nach dem 31. Spieltag, einem 2:4 gegen Kaiserslautern, noch auf 30:70. Sie sind nun Siebzehnter, das rettende Ufer zwei Zähler (damals einen Sieg) entfernt.

Röber und Möhlmann verkünden, dass sie nach dem letzten Spiel von Bochum nach Bremen zu Fuß laufen, wenn sie es noch schaffen.

Dann kommt der 32. Spieltag, die Partie bei Eintracht Frankfurt. Die Hessen stehen im UEFA-Pokalfinale, die Bundesliga läuft nur so nebenher.

Werder scheint die Chance zu nutzen, führt nach einer Stunde 2:1. Dann wechselt Eintracht-Coach Friedel Rausch zwei Amateure ein, die ihr Debüt geben. Sie heißen Peukert und Künast und erleben ihren größten Tag.

Beide schießen ein Tor, das letzte fällt nach einem krassen Fehler von Burdenski. Assauer schimpft: "Er wechselte innerhalb weniger Minuten von Weltklasse zur Kreisklasse", tadelt er seinen Keeper öffentlich.

Öffentlich werden nun auch die Pläne für die 2.Liga, für drei Millionen DM wolle Werder Spieler verkaufen um ohne Schulden abzusteigen. Denn im Unterhaus würde es gewiss neue geben.

Assauer ist der Buhmann in Bremen, er aber hat sich nichts vorzuwerfen. "Im Nachhinein würde ich jede Entscheidung mit dem damaligen Stand des Wissens genauso treffen. Ich werfe nicht hin, denn ich habe einen breiten Buckel." Er hat die Hoffnung, dass das letzte Heimspiel gegen Köln "ein gutes Spiel" werde, "denn meine Mannschaft kniet sich noch mal voll rein."

Woodcock schießt Werder in die 2. Liga

Es ist der letzte Irrtum der Saison. Vor nur 17.000 Zuschauern im Weser-Stadion unterliegt Werder am 25. Mai 1980 dem 1. FC Köln mit 0:5, der Millionenstar Tony Woodcock trifft viermal und setzt die Bremer Sargnägel.

Perfekt ist der Abstieg, der sich für Röber angebahnt hat. "Irgendwann fehlt dir dann halt mal die Klasse. Immer wieder gegen den Abstieg kämpfen – einmal ist es dann eben so weit." So wie jüngst beim HSV, den Werder als Dino abgelöst hat.

Nach Abpfiff fließen ein paar Tränen, tabula rasa aber wird nicht gemacht.

Assauer bleibt im Amt, fast alle Leistungsträger bleiben, sogar Burdenski, und Präsident Dr. Franz Böhmert verspricht: "Wir kommen wieder. Das ist ganz sicher!"

Auf den Abstieg folgt die Rehhagel-Ära

Und wie sie wieder kommen. 1981 beginnt die Rehhagel-Ära, die die Vitrinen des Vereins füllt und Werder Bremen ein neues Image verschafft.

Wäre das ohne den Abstieg möglich gewesen? Das ist hypothetisch und wenn, dann ist es kein Patentrezept. Dazu genügt ein Blick auf die Zweitligatabelle, in deren Keller sich die Absteiger Hannover und Nürnberg befinden.

Jürgen Röber sagt, was viele Fußballfans denken: "Ich hoffe nicht, dass es noch mal so kommt, Werder gehört in die Bundesliga."

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