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München - Welche Verantwortung hat die Liga beim Coronavirus? In einem Gastbeitrag fordert der frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig, gleiche Rahmenbedingungen für alle zu schaffen.

Von Andreas Rettig

Die tägliche Pressekonferenz aus dem Robert-Koch-Institut ist derzeit die spannendste und vor allem aufschlussreichste. Dabei schließe ich die Spieltags-Pressekonferenzen mit ein. Hier erfährt der Bürger im täglichen Update, wie der Stand in Sachen Coronavirus lautet.

Auch für den Profifußball sind diese täglichen Hiobsbotschaften nicht folgenlos geblieben. 1.139 bundesweite Infektionen (Stand Dienstag, 10 Uhr) mit steigender Tendenz.

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Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW liegt der Schwerpunkt der Epidemie. Hier spielen immerhin 13 der 56 Klubs der ersten 3 Ligen. Allein knapp 41.000 Zuschauer im Durchschnitt sind live bei den Bundesliga-Spielen im Stadion vor Ort.

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Verstecken hinter lokalen Behörden ist fahrlässig

Dass, wie nun geschehen, die ersten Spiele ohne Zuschauer ausgetragen werden, ist besonders für die um Einnahmen gebrachten Heimvereine und deren Fans, aber auch für die Spieler schmerzlich. Doch diese Entscheidung ist richtig, geht meines Erachtens aber nicht weit genug.

Einen wenn auch nur eine Empfehlung darstellenden Appell vom Bundesgesundheitsminister und des anerkannten Robert-Koch-Institutes ungehört zu lassen und sich hinter lokalen Behörden zu verstecken, ist meines Erachtens fahrlässig, sind doch bereits in allen Bundesländern Corona-Erkrankte gemeldet und die ersten Todesopfer zu beklagen.

Hier sollten die Verbände eine klare und konsequente Entscheidung treffen: Austragung aller Spiele der obersten und zuschauerträchtigsten Ligen ohne Zuschauer. Auch mein Lieblingsverein Rot-Weiss Essen in der 4. Liga wäre betroffen - und ich weiß um die finanziellen Auswirkungen bei einem Traditionsverein, der auf Zuschauereinnahmen angewiesen ist.

Bevölkerung muss geschützt werden

Die 'alternativlose' Priorisierung der Entscheidung im vorliegenden Fall kann nur lauten:

1. Schutz der Bevölkerung (und damit auch aller Fußballfans) und damit einen Beitrag zur Verlangsamung der Ausbreitung des Virus zu leisten.

2. Sicherstellung der Integrität der laufenden Wettbewerbe durch Schaffung nahezu gleicher Rahmenbedingungen.

3. Maßnahmen, die im Hinblick auf a) das aktuelle Lizenzierungsverfahren (Unterlagen müssen bis zum 15.3. eingereicht werden) und b) auf die neue veränderte wirtschaftliche Situation abheben, zu ergreifen.

4. Lösungen für die Fans und Partner zu finden.

Entscheidungen in Stuttgart und Leipzig werfen Fragen auf

Doch was bedeutet das konkret?

Auch wenn möglicherweise rechtliche Aspekte eine Rolle spielen, muss das 'Schwarze Peter'-Spiel zwischen Verbänden, Bundes- und Landesbehörden beendet werden, nur so gewinnt man Vertrauen in der Bevölkerung. Keine Spiele mit Zuschauern ist die einzig richtige Entscheidung. Hier werfen die Entscheidungen in Stuttgart, Leipzig und bei Union Berlin Fragen auf.

Dass einigen Klubs 'behördlicherseits' ein Heimvorteil eingeräumt wird, ist unverständlich. Eine Schadensminderungspflicht darf es im Zusammenhang mit der Gesundheit nicht geben. Für alle Klubs müssen besonders in der finalen Phase der Wettbewerbe gleiche Rahmenbedingungen herrschen. Acht Klubs der Bundesliga haben noch vier, neun hingegen noch fünf Heimspiele. Einen Sonderfall stellt Werder Bremen dar, die sogar noch sechs Heimspiele auszutragen haben.

Fußball hat die Kraft, es selbst zu lösen

Natürlich hat die DFL den Klubs bereits kulantere Auslegungen im Lizenzierungsverfahren im Hinblick auf die zu überprüfende Liquidität in Aussicht gestellt, zumal auch die Einnahmeverluste nicht durch die für alle Klubs abgeschlossene Spielausfallversicherung abgedeckt ist. Diese hilft lediglich bei den zusätzlich entstehenden Kosten bei einer etwaigen Neuansetzung eines nicht zur Austragung gekommenen Spiels.

Hier sind wir nun bei der vielbeschworenen Solidargemeinschaft. Einen Verein mit dem sportlichen und wirtschaftlichen Problem alleine zu lassen ist in höchstem Maße unsolidarisch. Hier könnte zumindest das wirtschaftliche Problem (größtenteils) gelöst werden. Anders als in der Realwirtschaft verbietet sich für mich der Ruf nach staatlicher Unterstützung, denn der Fußball hat die Kraft, das selbst zu regeln.

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Medienvertrag soll Zuschauerausfälle ausgleichen

Die DFL/DFB könnten die errechneten Zuschauerausfälle (hier liegen alle Zahlen vor) im Mai ausgleichen, wenn der neue Medienvertrag verabschiedet wird.

Im Vorgriff auf die zukünftigen Erlöse hier den Mitgliedern, im Prinzip eigenen Gesellschaftern des Ligaverbandes unter die Arme zu greifen, wäre eine pragmatische und faire Lösung, stärkt sie auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit in der im Sommer anstehenden Transferperiode durch Planungssicherheit.

Kurzfristige modifizierte Nutzung der Medienrechte

Hinsichtlich des Umgangs der Vereinsverantwortlichen mit dem wichtigsten Stakeholdern, den Fans und Partnern, bin ich sicher, dass auch hier fan-freundliche Angebote entstehen werden. Auch dem Geschäftsführer der DFL, Herrn Seifert, traue ich es zu, kurzfristig eine modifizierte Nutzung der Medienrechte - hin ins Free TV- zu erreichen. Denn volle Kneipen, um gemeinsam das Spiel seines Vereins im Bezahlfernsehen zu schauen, sind sicher keine Lösung.

Abschließend noch eine Frage, die mich umtreibt: Was passiert, wenn in der nächsten Runde eines internationalen Wettbewerbs eine deutsche Mannschaft auf eine italienische trifft? Das Auswärtige Amt hat soeben eine Reisewarnung für Italien ausgesprochen ...

ZUR PERSON

Andreas Rettig war von 2013 bis 2015 Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball-Liga. Zwischen 2015 und 2019 arbeitete er in verschiedenen Positionen für den FC St. Pauli, zuvor war er auch Manager beim SC Freiburg, 1. FC Köln und FC Augsburg. Für SPORT1 schreibt der 56-Jährige einen Gastbeitrag zum Thema Coronavirus.

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