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München - Der Präzedenzfall Hopp wird für die Bundesliga zur großen Gefahr. Einzelne können nun nach Belieben Einfluss auf das Geschehen auf dem Platz nehmen. Der SPORT1-Kommentar.

Niemand muss sich alles gefallen lassen. Niemand hat das Recht, jemanden zu beleidigen und sich dann darüber zu empören, dass es zu Konsequenzen kommt.

So viel Selbstverständlichkeit muss vorab formuliert werden. Denn die Diskussion über die bundesweit koordinierten Anfeindungen gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp laufen immer mehr aus dem Ruder.

Dabei gerät vollkommen aus dem Fokus, worum es hier eigentlich geht. Und das ist nicht Dietmar Hopp. Für den gilt wie oben beschrieben: Niemand muss sich alles gefallen lassen. Auch dann nicht, wenn er reich ist.

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Eigentlich geht es doch darum, in welcher Gesellschaft wir leben wollen? Im Stadion sei der Ton eben rau, da dürfe man nicht so empfindlich sein, liest man häufig. Aber ist das so? Muss das als Naturgesetz hingenommen werden?

Die Gesellschaft entwickelt sich weiter. Aussagen und Verhaltensweisen, die vor 20 Jahren als normal galten oder geduldet wurden, gelten heute als rassistisch oder sexistisch. Und das ist auch gut so. Warum soll gleiches nicht auch für Fan-Verhalten in Stadien gelten? Beleidigungen, die vor 20 Jahren noch normal waren, sollten heute nicht mehr so hingenommen werden.

Stefan Effenberg, als Spieler kein Kind von Traurigkeit, hat im CHECK24 Doppelpass seine Erinnerungen geteilt– und würde heute womöglich anders auf Pöbeleien reagieren. Bezeichnenderweise haben alle aktuellen Spieler, die sich an diesem Wochenende zu den Hopp-Plakaten geäußert haben, kein Verständnis für die Form der Proteste gezeigt. Die Spieler also, die seit Beginn ihrer Karriere damit leben müssen, nicht nur auf dem Platz, sondern auch in sozialen Netzwerken beleidigt zu werden.

So gesehen hätte dieser 24. Spieltag 2019/2020 als Wendepunkt zum Guten in die Bundesliga-Geschichte eingehen können. Am Ende ist er vor allem eine verpasste Chance.

Es hätte in den vergangenen Wochen und Monaten reichlich Möglichkeiten gegeben, eine harte Linie durchzuziehen. Wer hätte sich ernsthaft darüber beschwert, wenn das Pokalspiel zwischen Schalke 04 und Hertha BSC nach rassistischen Anfeindungen gegen Berlins Profi Jordan Torunarigha unterbrochen worden wäre?

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So wie jetzt der Fall Hopp gehandhabt wurde, können alle, die es wollen, DFB und DFL Doppelmoral vorwerfen. Jede Schmähgesänge, jede Banner, die nächste Woche nicht genauso hart geahndet werden wie die Anfeindungen gegen Hopp, werden Wasser sein auf die Mühlen derer, die sagen, dass bei Rassismus, Sexismus und Homophopie nicht der gleiche Maßstab gilt.

Mit dem Präzendenzfall Hopp geben die Verbände die Macht komplett in die Hand der kleinen, lauten Minderheit: Die können Klubs und Funktionäre jetzt an der Nase herumführen, wie sich schon am Sonntag in Berlin gezeigt hat. Einzelne haben es jetzt in der Hand, nach Belieben Einfluss auf das Geschehen auf dem Platz zu nehmen. Die Messlatte für die Schiedsrichter wurde ja klar definiert.

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Es droht komplettes Chaos. Was passiert, wenn kommende Woche in Gladbach beim Spiel gegen den BVB beide Fan-Gruppen Banner gegen Hopp zeigen? Bekommen dann beide null Punkte? Wird das Derby zwischen BVB und Schalke gar nicht erst angepfiffen, wenn sich die Fan-Gruppen schon vor dem Anpfiff beschimpfen?

Die wichtige Diskussion darüber, welcher Umgangston im Jahr 2020 in Stadien angemessen wäre, wird schnell in den Hintergrund gedrängt. Das ist das traurige Resultat dieses Skandal-Spieltags.

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