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München - Erich Rutemöller betreute Hansi Flick schon als Spieler beim 1. FC Köln und bildete ihn später zum Trainer aus. Bei SPORT1 beurteilt er Flicks Werdegang.

Eine große Überraschung war es letztendlich nicht mehr, eher der verdiente Lohn.

Am vergangenen Freitag gab der FC Bayern bekannt, dass Hansi Flick über den Sommer hinaus Cheftrainer beim Rekordmeister bleiben wird. Der 55-Jährige hat einen Vertrag bis 2023 unterschrieben.

Erich Rutemöller kennt Flick gut. Der 75-Jährige war 1990/91 dessen Cheftrainer beim 1. FC Köln und sein Ausbilder an der Deutschen Sporthochschule Köln, als der heutige Bayern-Coach 2003 seinen Trainerschein machte.

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Im SPORT1-Interview spricht Rutemöller über Flick und dessen Qualitäten.

SPORT1: Herr Rutemöller, waren Sie überrascht von dem Vertrauensvorschuss der Bayern-Bosse für Hansi Flick?

Erich Rutemöller: Zunächst war ich überrascht über die Dauer des Vertrages, dann aber fand ich es gut - im Sinne eines Vertrauensbeweises, eines langfristiger angelegten Konzeptes in der Entwicklung von Spielern und einer Festigung von Spielideen in der Mannschaft. Ich denke, die Entscheidung ist zielführend und der Sache dienlich.

Rutemöller: Flick-Verlängerung ist kein Wagnis

SPORT1: Also kein gewagtes Experiment?

Rutemöller: Ich halte es für kein Wagnis, sondern eher für ein planvolles Vorgehen in einem höchst professionellen Umfeld. Meines Erachtens war die Entscheidung abzusehen. Einmal als logische Folge der unter ihm erzielten Resultate, aber vor allem auch im Hinblick auf von ihm gezeigte Führungsstärke und die Fähigkeit, seine über viele Jahre erworbenen fachlichen Kenntnisse einzubringen und zu vermitteln.

Hansi Flick (3. Reihe, Mitte) war 2003 Teil des DFB-Trainerlehrgangs von Erich Rutemöller (hinten, 2.v.r.)
Hansi Flick (3. Reihe, Mitte) war 2003 Teil des DFB-Trainerlehrgangs von Erich Rutemöller (hinten, 2.v.r.) © Imago

SPORT1: Wie haben Sie ihn damals erlebt, als Sie 1990/91 beim 1. FC Köln sein Trainer waren?

Rutemöller: Er hat schon damals als Spieler oft wie ein Trainer gedacht, hat sich hinterfragt, hat Fragen gestellt, war positiv kritisch und hat als Spieler auf dem Platz vorbildlich immer versucht, sein Leistungsoptimum zu erreichen und der Mannschaft zu helfen. Er war ein Teamplayer.

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SPORT1: Wie sehen Sie ihn heute?

Rutemöller: Ich hatte aufgrund glücklicher Umstände das Glück und die Chance, ihn während des diesjährigen Wintertrainingslagers in Katar zu treffen und mir einige Trainingseinheiten anzuschauen. Abgesehen davon, dass er sich mir gegenüber sehr gastfreundlich zeigte, kann ich feststellen, dass seine Trainingseinheiten höchst professionell abliefen und mir vor allem gefiel, wie gezielt und korrigierend er sich immer wieder einbrachte. Das war kein bloßes Abspulen von Trainingsabläufen.

"Flick hat einen guten, geraden Weg genommen"

SPORT1: Wie beurteilen Sie seine Laufbahn? In Hoffenheim hat es als Geschäftsführer nicht geklappt ...

Rutemöller: Man muss jetzt nicht alles aufzählen, was er bisher gemacht hat. Fakt ist, dass er einen guten, geraden Weg genommen hat vom Spieler zum Trainer, und hier ein breites Spektrum an Aufgaben auf Vereins- und Verbandsebene mit der Krönung 2014 in Brasilien abzudecken weiß. Insgesamt kann er bereits eine Menge vorweisen, und ich glaube, dass er sich als Trainer auf dem Platz wesentlich wohler fühlt als in einer leitenden Funktion beispielsweise in einem Klubgremium.

SPORT1: Sie waren sein Ausbilder, was zeichnete Flick damals auf der Schulbank aus?

Rutemöller: Die Aussage "Die Voraussetzung für Wissen ist Neugier" trifft auf Hansi Flick ganz besonders zu. Er wollte lernen, sich Wissen aneignen, aktiv sein, und nicht den Lehrgang "aussitzen". Sein Weg war aus meiner Sicht schon vorgezeichnet.

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SPORT1: War Ihnen klar, dass Flick diesen Karriereschritt bei Bayern so nutzen wird?

Rutemöller: Man kann selbstverständlich eine Tätigkeit bei Bayern München nicht vorhersehen. Aber es ist für mich nicht sonderlich überraschend, dass er diese Gelegenheit "beim Schopf ergriffen" hat. Seine Erfahrungen als Vereinstrainer auf verschiedenen Ebenen, aber vor allem die Arbeit mit den Nationalspielern auf höchstem internationalen Niveau, helfen mit Sicherheit, der Aufgabe bei den Bayern gerecht zu werden. Aber natürlich ist auch er abhängig von den Unwägbarkeiten und Zufallsmomenten des Spiels, und gerade in der jetzigen Zeit von nicht planbaren Ereignissen des Weltgeschehens.

SPORT1: Bayern-Boss Karl Heinz Rummenigge sagte, Flick sei einer wie Jupp Heynckes. Stimmen Sie ihm zu?

Rutemöller: Es ist schwierig, Trainer miteinander zu vergleichen. Wenn man bestimmte Attribute eines Trainers einem anderen zuordnen will, so kann man sich sehr schnell verrennen. Jeder Trainer entwickelt sein eigenes Profil.

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