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Dortmund - Das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 steigt unter besonderen Bedingungen. Auch im Hinblick auf echte Ruhrpott-Originale hat sich viel verändert.

Dortmund gegen Schalke. Für viele ist das weit mehr als nur ein Fußballspiel.

Es ist die Mutter aller Derbys. Wenn Schwarzgelb auf Blauweiß trifft, knistert es gewaltig im Revier. Zum 96. Mal treffen Borussia und S04 am Samstag (Bundesliga: Borussia Dortmund - FC Schalke 04, Samstag ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) in der Bundesliga aufeinander. Doch nichts ist, wie es vorher einmal war.

In 177 Auflagen des Kohlenpott-Klassikers hat es so ziemlich alles gegeben: Vom Hundebiss, über Lehmanns Kopfballtor bis hin zu 3:3 nach 0:3 und 4:4 nach 0:4. Ein Geister-Derby gab es allerdings noch nie.

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BVB-Sportchef Zorc "blutet das Herz"

"Ein Derby ohne Zuschauer: da blutet einem das Herz", sagt BVB-Sportchef Michael Zorc, der selbst an 23 Revierderbys als Spieler aktiv mitgewirkt hat.

"Ohne Zuschauer zu spielen, das schmerzt uns wirklich sehr", findet auch BVB-Boss Hans-Joachim Watzke im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe. Und BVB-Lizenzspielerchef Sebastian Kehl, der als Profi selbst 18 Derbys bestritten hat: "Dieses Spiel lebt von den Fans, ihren Emotionen, von der Begeisterung im Stadion. Das alles werden wir nicht erleben."

Verkommt das 178. Revierderby also zu einem stinknormalen Fußballspiel? Eigentlich würden über 80.000 emotionsgeladene Fans die Spieler in die Pflicht nehmen.

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Kaum echte Derbystimmung bei den Fans

"Ich habe viele Derbys erlebt, viele Niederlagen, aber auch große Siege", sagt Schalke-Fan Klaus Herzmanatus, der 25 Jahre lang als Bergarbeiter in der "Zeche Hugo" malocht hat. "Die Derbys und die Spielertypen haben sich mit der Zeit aber stark verändert. Das ist ohnehin schon nicht mehr das, was es mal war. Wenn ich mir jetzt aber auch noch vorstelle, dass da am Wochenende ein leeres Stadion ist, hat das in meinen Augen mit Derby nichts zu tun."

Wie echt wird der ewige Schlager, der die strukturschwache Region jetzt schon über fast ein Jahrhundert hinweg elektrisiert hat, am Samstag wirklich?

BVB-Fan Bruno Reckers, der nach eigener Aussage 80 Derbys live gesehen hat, meint: "Früher konnte man tags vorher nicht schlafen. Das ist doch mittlerweile nur noch ein ganz normales Spiel. Das ganze Drumherum macht keinen Spaß mehr."

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Und Herzmanatus findet: "Es ist ruhiger geworden die letzten Jahre. Das 4:4 von 2017 mal ausgeklammert, das war grandios. Aber sonst fehlen die Blutgrätschen auf dem Rasen. Die schönsten Derbys waren die mit Rost, Asamoah, Bordon oder Böhme - das waren durchgeknallte Typen, die richtig Gas gegeben haben."

Echte Ruhrpott-Kerle? Schalke im Vorteil

Wie viele echte Ruhrpott-Kerle stecken überhaupt noch in diesem Spiel?

Auf Schalker Seite gibt es in Ahmed Kutucu und Timo Becker immerhin noch zwei waschechte "Königsblaue".

Der 20-jährige Kutucu wuchs als Sohn eines Bergmanns in Gelsenkirchen auf und wohnt heute noch bei den Eltern in Bismarck. Der 23-jährige Becker wuchs in Buer auf ("Ich bin als Schalker großgeworden. Mein Vater war auf der Zeche. Für uns gabs nie was anderes als Schalke").

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Levent Mercan (19, aus Recklinghausen) und Nassim Boujellab (20, aus Hagen) sind zumindest Ruhrpottler, die allesamt in der Schalke-Jugend groß wurden. Daher glaubt Schalke-Fan Thomas Wesselborg: "Wir haben viele Jungs aus der Jugend, die derbyerfahren sind. Die sind richtig heiß. Das sehe ich als Chance. Die Jugendspieler werden sogar die älteren, die das mit dem Derby vielleicht nicht so kennen, motivieren und sie impfen. Sie transportieren das Schalke-Feeling."

Beim BVB gibt es in Marco Reus (neun Derbys gespielt) nur einen gebürtigen Dortmunder. Der 30-Jährige ist allerdings verletzt und kann nicht auf dem Platz mitwirken. Derbyerfahren sind zumindest Mats Hummels (18 Derbys), Marcel Schmelzer (16), Lukasz Piszczek (16) und Mario Götze (12).

Rückblick: In der ersten Bundesliga-Saison 1963/1964 spielten noch zahlreiche Lokalgrößen mit. Auf Schalker Seite kickten in Hans-Jürgen Becher, Uwe Kleina, Manfred Kreuz, Hans Nowak, Willi Koslowski und Waldemar Gerhardt gleich sechs gebürtige Gelsenkirchener. Der legendäre Stan Libuda wuchs in Bismarck auf. Willi Schulz, Vize-Weltmeister von 1966, wuchs zwar in Wattenscheid auf, startete seine Karriere aber auf Schalke.

Thon: Derby "für die Region von großer Bedeutung"

Auf BVB-Seite spielten in Wilhelm Burgsmüller, Gerhard Cyliax, Helmut Bracht, Aki Schmidt, Lothar Geisler, Hoppy Kurrat und Lothar Emmerich sogar sieben gebürtige Dortmunder mit. Timo Konietzka (aus Lünen) startete seine Karriere bei der Borussia.

"Das hat sich sicherlich verändert", meint Schalke-Legende Olaf Thon mit Blick auf die damals hohe Dichte an Ruhrpott-Malochern. Der SPORT1-Experte ist selbst gebürtiger Gelsenkirchener und stand in 25 Derbys auf dem Rasen. "Früher kamen viele Spieler aus Gelsenkirchen oder Dortmund oder wuchsen zumindest in der Region auf."

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Der Weltmeister von 1990 glaubt aber: "Das Spiel ist nach wie vor für die Region von großer Bedeutung. Das wissen auch die Spieler, die nicht im Ruhrgebiet aufgewachsen sind. Einen Naldo zum Beispiel, der vor drei Jahren das 4:4 erzielt hat, wird man auf Schalke nie vergessen. Das ist ein Derbyheld!"

Daniel Caligiuri (vier Tore, drei Vorlagen) ist Schalkes letzter Derbyheld. Beim 4:2 im vergangenen Jahr machte der Mittelfeldspieler einen Doppelpack und gab eine Vorlage. Zu SPORT1 sagt er: "Jeder Schalker ist heiß auf das Spiel. Wir wollen Dortmund nicht die Meisterschaft versauen. Wir wollen selbst etwas für uns und unsere Fans erreichen und unseren Tabellenplatz verteidigen."

Thon abschließend: "Sicherlich fehlen die Fans bei diesem Derby. Das Derby ist aber trotzdem besonders, weil es ungewöhnlich ist. Man wird noch in 50 Jahren über dieses Spiel reden, weil es das erste Spiel nach Corona vor leeren Rängen gewesen sein wird. Es wird auch so ein Spiel für die Geschichtsbücher."

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