vergrößernverkleinern
Klaus Augenthaler (r.) war im Mai 1996 für ein Spiel Bayern-Trainer
Klaus Augenthaler (r.) war im Mai 1996 für ein Spiel Bayern-Trainer © imago
Lesedauer: 9 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Klaus Augenthaler unterläuft als Bayern-Trainer ein schwerwiegender Fehler gegen Fortuna Düsseldorf. Doch mit diesem Malheur ist er nicht allein.

Corona ändert vieles, auch die Fußballregeln.

Mitten in der Saison wurde den Trainern erlaubt, einen vierten und fünften Spieler einzuwechseln und als Paderborns Steffen Baumgart am 16. Mai in Düsseldorf als erster seinen vierten Joker brachte, war schnell vom historischen Novum die Rede.

Historisch schon, ein Novum war es nicht. Die Premiere gab es am 18. Mai 1996, als Bayern so wie heute Abend (Bundesliga: FC Bayern - Fortuna Düsseldorf ab 18.30 Uhr im LIVETICKER) auf die Düsseldorfer Fortuna traf. Und die ging ins Auge…

Anzeige

Die Saison 1995/96 war gelaufen für die Bayern, als der Aufsteiger am letzten Spieltag im Münchner Olympiastadion auftauchte. Nach einem auch für Bayern-Verhältnisse überaus turbulentem Jahr hatten sie drei Tage zuvor den UEFA-Pokal gewonnen, aber die Meisterschaft konnte selbst Aushilfstrainer und Präsident Franz Beckenbauer nicht mehr holen.

So übergab er das Kommando am 34. Spieltag seinem Assistenten Klaus Augenthaler, der 1990 in Rom schon sein Libero im Weltmeisterteam war. Als Trainer war "Auge" aber noch in der Ausbildung, das belanglose Spiel gegen die Fortunen, die den Klassenerhalt sicher hatten, eignete sich da als Praxistest.

Bayern agiert lustlos

Weniger wichtig als der Trainer nahmen die Spieler die Abschlusspartie, nach der ausnahmsweise keine Party folgte. Lustlos kickten die Bayern ihren Stiefel herunter, der Kicker tadelte: "Was die Bayern vor der Pause boten, war eine Zumutung."

Vor der anstehenden EM wollte sich auch keiner der sieben deutschen Nationalspieler mehr verletzen. Fortuna nutzte die Gunst der Stunde und führte zur Pause durch Treffer von Thorsten Judt und Richard Cyron mit 2:0. Vor ausverkauftem Haus (63.000) drohte den Bayern eine deftige Blamage. Da riss "Auge" der Geduldsfaden. Er beschloss, sein Wechselkontingent schon in der Halbzeit voll auszuschöpfen und wollte "auch anderen Spielern die Möglichkeit geben, die Promillegrenze runter zu schrauben".

Schließlich lägen "zwei Tage Feierlichkeiten" hinter der Mannschaft.  Typisch Augenthaler. Er brachte also drei Feldspieler: Alexander Zickler, Andreas Herzog und Marcel Witeczek. Lassen wir ihn das Weitere erzählen: "Doch auf dem Weg zum Platz informierte mich unser Doc, dass Oliver Kahn wegen einer Schulterverletzung nicht weiter spielen konnte. Da hab ich Probst gebracht und in der Hektik vergessen, einen der Feldspieler draußen zu lassen." Schiedsrichter Lutz Wagner fällt es auch nicht auf und Linienrichter Thorsten Bastian diktiert "Auge" nur drei Wechsel in den Block. Die, die er eigentlich vor hatte – ohne Achim Probst, den Ersatzkeeper.

Fortuna verzichtet auf Protest

Mit Wiederanpfiff realisiert er plötzlich, dass das Spiel für Bayern verloren ist – eigentlich. Bei einem Fortuna-Protest hätte es nur eine Möglichkeit gegeben, das Spiel zu werten: mit 2:0 für den Gegner. Das wussten die Bayern am besten, hatten sie doch im Vorjahr in Frankfurt zwar sportlich 5:2 gewonnen, aber wegen eines vierten Amateurs auf dem Felde (drei waren erlaubt), genauso ein Urteil bekommen.

Damals war Augenthaler schon Assistent - von Giovanni Trapattoni. Diesmal war er der Alleinschuldige und die Tatsache, dass sich mit Oliver Kreuzer auch nach der Wechselorgie noch ein Bayern-Spieler warm lief, diente nicht zu seiner Entlastung. Das Spiel lief trotz allem weiter, Jürgen Klinsmann verhinderte mit einem Doppelschlag eine sportliche Niederlage. Da es beim 2:2 blieb, gab es auch keine am grünen Tisch.

Denn Fortuna verzichtete generös auf einen Protest, die Einsätze aller Joker gingen offiziell in die Bundesligastatistiken ein – und Augenthaler machte noch eine passable Karriere als Bundesligatrainer in Nürnberg, Leverkusen und Wolfsburg. Übrigens ohne weibliche Unterstützung. Seine erste Reaktion auf das erneute Münchner Wechselchaos ließ zunächst anderes vermuten: "Amateure, Ausländer, neue Regeln – da brauchst' fast a Sekretärin."

Augenthaler mag sich trösten. Er war weder der erste noch der letzte Trainer im deutschen Fußball, dem so ein Missgeschick passierte. In der Liste finden sich große Namen, beinahe ist es eine Auszeichnung dort zu erscheinen.

Udo Lattek leistete sich ersten Wechselfehler

Den Anfang machte Rekordmeistertrainer Udo Lattek, der 1971 am letzten Spieltag in Duisburg dem 19-jährigen Günther Rybarczyk zu seinem Bundesligadebüt verhelfen wollte. Lattek wähnte sich im Recht, da er erst einen Feldspieler ausgetauscht hatte. Er vergaß jedoch – eine Parallele zu Augenthaler –, dass auch Torwart Sepp Maier nach Verletzung nicht mehr im Spiel war.

Das Publikum zeterte, die MSV-Spieler protestierten und da stornierte Lattek seinen Wechsel praktisch: Johnny Hansen kam nach zwei Minuten wieder zurück. Da Bayern ohnehin mit 0:2 Spiel (und Meisterschaft) verlor, hatte der Fauxpas keine Folgen. Offiziell aber hatte Rybarczyk nie gespielt.

Ähnliches widerfuhr dem jungen Otto Rehhagel, dem nach Spielen Rekordtrainer der Liga. Er brachte 1976 zum Saisonabschluss als Werder-Coach den ersten Afrikaner der Bundesliga, Ibrahim Sunday, nach der Pause im Spiel bei RW Essen. Dumm nur, dass schon zwei Ausländer auf dem Platz standen, mehr waren nicht erlaubt. Auch das blieb folgenlos, da Werder ebenfalls mit 0:2 verlor. Allerdings musste es eine Geldstrafe bezahlen. Dann erwischte es den großen Hennes Weisweiler. Im Januar 1977 setzte Kölns Trainer, der auf insgesamt fünf Meisterschaften kam, in Frankfurt mit Roger van Gool auch drei Ausländer zugleich ein. Wieder kein Protest, Köln verlor sowieso 0:4.

Opfer der Ausländerregelung, vor dem Bosman-Urteil eigentlich noch echt überschaubar, wurden auch der junge Helmut Schulte (St. Pauli), der 1990 gegen Kaiserslautern den Brasilianer Leo Manzi nicht mehr hätte bringen dürfen (Endstand 0:2, kein Protest), sowie ein gewisser Christoph Daum. Der war 1992 mit Stuttgart Meister geworden und brachte im Landesmeister-Cup bei Leeds United Jovica Simanic, der in der Bundesliga nie spielte.

Stadionsprecher will Fehler von Schäfer verhindern

Sein Einsatz führte zu einem Wiederholungsspiel, denn die Uefa wertete die Partie mit 3:0, genauso hoch hatte der VfB das Hinspiel gewonnen. Eigentlich wäre er trotz des 1:4 dank der Auswärtstorregel weiter gewesen, nun flog er im dritten Spiel raus. Es war der Anfang von Daums Ende in Stuttgart, das noch 14 Monate auf sich warten ließ. Aber Leeds brachte einen Knacks in die Beziehung. Auch in die zu Manager Dieter Hoeneß.

Im Mai 1993 wurde dann wieder mal ein Bundesligaergebnis annulliert. Zwar gewann Frankfurt in Uerdingen mit 5:2, aber der Slowake Marek Penksa hätte nichts dazu beitragen dürfen. Trainer Horst Heese wechselte ihn zwar schnell wieder aus, aber das half ihm ebenso wenig wie es Karlsruhes Winnie Schäfer half, als ihm 1995 Ähnliches passierte.

Dabei erhielt er gegen Leverkusen sogar Hilfe von oben. Als mit Sergej Kirjakov der dritte Ausländer noch an der Seitenlinie stand, rief der Stadionsprecher verzweifelt: "Winnie, zähl Deine Ausländer." Präsident Roland Schmider hastete von der Tribüne herunter, vergebens. Nie wäre ein Handy in der Bundesliga wichtiger gewesen als 1995.

Das sagten sich auch die Bayern, die in Frankfurt (s.o.) mit Dietmar Hamann einen vierten Amateur brachten. Das ging nur mit Sondergenehmigung, die hatten sie im Gegensatz zur Vorwoche nicht eingeholt. Auf der Tribüne sah Pressechef Markus Hörwick das Unglück zwar kommen, aber die Wege sind weit in Frankfurt.

Rehhagel mit Wechselpatzer

Bis er unten war, hatte sich Giovanni Trapattoni schon verwechselt und aus einem 5:2 wurde ein 0:2. Manager Uli Hoeneß plädierte auf menschliches Versagen: "Das ist wie bei einer Prüfung. Sie wissen, dass zwei mal zwei vier macht und schreiben trotzdem fünf." Fünf Bayern-Tore konnten die Journalisten zwar aufschreiben, aber keins ging in die Tabelle ein. Nur in die Torschützenstatistiken, dafür fühlte sich der DFB nicht zuständig.

Das letzte Wort hatte noch mal König Otto. Im September 1998 ließ Rehhagel in Kaiserslautern eine schmutzige Komödie aufführen, als er seinen Fehler im Spiel gegen Bochum merkte. Auch er versuchte zu korrigieren was nicht mehr zu korrigieren war nach der Einwechslung eines vierten Nicht-Europäers.

Es war aber auch kompliziert: Das Bosman-Urteil hatte 1995 zwar für den Einsatz von Europäer alle Schranken beseitigt, doch von fremden Kontinenten durften höchstens drei Spieler pro Team zeitgleich dabei sein. Mit zwei Ägyptern und einem Brasilianer war das Kontingent schon mit Anpfiff ausgeschöpft. Als sich der Däne Schjönberg das Schienbein brach, waren alle auf der Bank geschockt und übersahen, dass sie den Nigerianer Pascal Ojigwe nicht bringen durften.

Meistgelesene Artikel

Nach wenigen Minuten merkte er es und gab Hany Ramzy den Befehl, sich eine Verletzung zu nehmen. Ein von vornherein untauglicher Versuch, die Regeln waren eindeutig. Der Ägypter gehorchte trotzdem, spielte den sterbenden Pharao und lachte sich auf der Bank schlapp über das Pfälzer Bauerntheater. Bochum gewann gegen resignierende Lauterer sportlich 3:2 und gab sich damit zufrieden.

Manager Klaus Hilpert wollte zwar Protest einlegen und sich ein 2:0 holen, das Tor könne am Ende fehlen. Doch Trainer Klaus Toppmöller hinderte ihn daran. Nicht nur, weil er ein alter Lauterer war. Sondern auch aus Solidarität mit einem Kollegen, deren Geschäft mit jeder neuen Regelung immer schwerer wurde. Umso erstaunlicher, dass sich in der Bundesliga seit dem 26. September 1998 keiner mehr verwechselt hat. Höchstens fachlich.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image