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Gelsenkirchen - Der Widerstand gegen Schalke-Boss Clemens Tönnies wächst. Nicht nur in der Bevölkerung, auch bei den Königsblauen. Doch der Klub hängt an seinem Tropf.

"Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist auf Null."

Es ist der Satz, der in der aktuellen Krise um die zahlreichen Corona-Fälle im Schlachtbetrieb von Clemens Tönnies wohl am meisten in Erinnerung bleiben wird. Und das, was hinter diesen Worten des Gütersloher Krisenstabsleiters Thomas Kuhlbusch steckt, hat auch das Potenzial, den FC Schalke 04 massiv zu erschüttern. Noch massiver, als er ohnehin schon erschüttert ist.

Der Pott-Klub – sportlich (seit 15 Spielen sieglos), finanziell (198 Mio. Euro Schulden) und imagetechnisch (Rassismus-Affäre, Härtefallantrag, Entlassung von Nachwuchsfahrern) ohnehin schwer gebeutelt – steht nun auch noch vor der Frage, welche Konsequenzen die folgenschweren Entwicklungen in der Firma des Mannes prägen, der ihn in den vergangenen zwei Jahrzehnten wie kein anderer geprägt hat.

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Was passiert mit S04, wenn der starke Mann des Vereins über die Vorgänge in der Tönnies Holding in Rheda-Wiedenbrück stolpert? Mehr als 1500 nachweisliche Corona-Infizierte gibt es mittlerweile bei Tönnies, dem größten Fleischereikonzern in Deutschland – ein Desaster!

SPORT1 hat sich umgehört im Inneren des Revierklubs und mit aktuellen Mitarbeitern, ehemaligen Führungskräften und langjährigen Tönnies-Weggefährten unterhalten. Mit Namen zitiert werden möchte niemand, aber die Sorge ist spürbar.

Tönnies zittert um sein Lebenswerk

Der Zorn über die Rolle der Tönnies-Firma beim Corona-Ausbruch im Landkreis Gütersloh sei den Menschen in der Region anzumerken.

Vor Tönnies' Villa gab es in den letzten Tagen Bürgerproteste, weil Schulen und Kitas geschlossen wurden. Von einem "Absturz" spricht ein langjähriger Weggefährte. Die Situation nehme Tönnies total mit. Wohl auch, weil der 64-jährige Unternehmer sein Lebenswerk einreißen sieht. "Er braucht die Öffentlichkeit und die Anerkennung der Menschen", sagt ein Insider.

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Jenseits der Frage, wie man moralisch zu den Vorgängen und dem viel kritisierten Krisenmanagement der Firma steht: Wenig überraschend ist, dass sie Tönnies belasten.

Zusätzlich auch dadurch, dass sie eine persönliche Komponente haben: In dem Familienunternehmen streiten die Tönnies' auch untereinander, die aktuelle Krise hat den Konflikt mit Neffe Robert Tönnies (Firmen-Mitinhaber) zum Eskalieren gebracht. Es ist vor allem auch dieser Familien-Streit, der, so sagen Tönnies-Kenner, Spuren beim steinreichen Unternehmer hinterlassen hat.

Tönnies "hat sein dickes Fell verloren"

Die Schalker Verantwortlichen beschäftigt die Frage, welche Konsequenzen Tönnies aus dem Fleisch-Skandal zieht. Wirft er von sich aus hin? Die Frage stand schon im Raum nach dem Rassismus-Eklat im vergangenen Jahr

Dass Tönnies nach dem Wirbel um seine von ihm inzwischen selbst als Fehler bezeichneten Sätze über Afrika ("Dann hören die auf, Kinder zu produzieren") schadlos davongekommen ist mit einer dreimonatigen Ämterpause, ist der Eindruck seiner Kritiker.

Seine Vertrauten betonen, wie sehr ihn die Angelegenheit mitgenommen hat. "Er hat sein dickes Fell mittlerweile verloren", sagt ein Freund.

Schalke hängt am Tropf von Tönnies

Was Tönnies seinerzeit ebenfalls betonte: Der Rückhalt im Klub stimmte ihn um.

Ein Rückhalt, der auch damit zu tun hat, dass sich die wenigsten, die mit den internen Strukturen vertraut sind, vorstellen mögen, was ohne Tönnies wäre, der dem Pott-Klub in finanzieller Sicht mehrfach aus der Patsche geholfen hat – und damit tendenziell einen anderen Schwerpunkt haben als diejenigen Fans, die damals Tönnies' Rücktritt forderten.

Die direkten finanziellen Verflechtungen mit dem milliardenschweren Unternehmer sind das eine, dessen geschäftliches Netzwerk das andere. Der umstrittene Sponsoring-Deal mit dem russischen Staatsunternehmen Gazprom im Jahr 2007 kam in entscheidendem Maße zustande über Tönnies' gutes Verhältnis zu Wladimir Putin.

Schalke-Fans verlieren die Geduld

Wie geht die Sache diesmal aus? Sollte Tönnies nicht das Heft des Handelns aus der Hand genommen werden – gegen seine Firma sind mehrere Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft eingegangen – wird es wieder um die Frage gehen, wie viel Rückhalt er im Klub noch spürt.

Auf SPORT1-Nachfrage wollte sich der FC Schalke 04 nicht zu den Vorkommnissen um seinen mächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden äußern. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass der Revierklub wegen Tönnies mal wieder einen enormen Imageverlust erleidet.

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Allmählich wird auch die Kritik im Fanlager lauter. Wer am Dienstagvormittag an der Schalker Veltins Arena vorbeifuhr, sah weiße Banner mit blauen Aufschriften wie "Kein Kumpel, kein Malocher – Tönnies raus!" oder "Leitbild leben, statt Werte schlachten". Vor der altehrwürdigen Glückauf-Kampfbahn hängt in großen Lettern ein Plakat mit folgender Aufschrift: "Keine Ausbeute bei S04 – Tönnies raus!"

Der Gegenwind wird größer. Der Klub und seine Fans drohen sich immer mehr zu entzweien. Die Ultras Gelsenkirchen gingen am Montag schon in einem offiziellen Schreiben mit der Vereinsführung hart ins Gericht. "So unglaublich es derzeit scheint, die elementaren Probleme unseres Vereins liegen nicht auf dem Platz", heißt es darin: "Die gesamte Saison ist eine moralische Bankrotterklärung. Ein Ausverkauf der Schalker Werte, die zu Marketing-Zwecken zwar gern benutzt werden, ansonsten aber mit Füßen getreten werden."

Mehrere Fanorganisationen kündigten parallel zum letzten Saisonspiel am Samstag beim SC Freiburg für 15.30 Uhr eine Demonstration rund um das Vereinsgelände auf dem Berger Feld an.

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Schneider und Jobst mit Verständnis für wütende Fans

Die Schalker Führung reagierte am Dienstagnachmittag. "Wir haben Verständnis für Fans und Mitglieder, die aktuell ihren Unmut über die Situation beim FC Schalke 04 äußern", erklärten Jochen Schneider und Marketingchef Alexander Jobst.

"Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist eine Selbstverständlichkeit, wir sehen die Kritik und setzen uns damit auseinander. Wir glauben, nur im Dialog lässt sich das notwendige Vertrauen für eine bessere Zukunft zurückgewinnen und sind dazu jederzeit bereit."

Die Tönnies-Krise trifft den Klub zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Der Schulden-Klub braucht zwingend Geld und visiert deshalb eine Ausgliederung der Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft an.

Für dieses Unterfangen muss Boss Tönnies potenzielle Investoren und vor allem auch die Fans überzeugen. Nur: Das Vertrauen der Anhänger in ihren Patron ist stark gesunken. Schwer vorstellbar, dass es auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Herbst (für die im Übrigen noch kein Termin feststeht) zu einer Zwei-Drittel-Mehrheit der rund 130.000 stimmberechtigten Mitglieder kommen wird. Der Fleisch-Skandal könnte also auch die Zukunft bei den Königsblauen erheblich beeinflussen.

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"Das Verhältnis zwischen Klub und Fans ist so zerrüttet wie noch nie", sagt Schalke-Experte und Blogger Torsten Wieland zu SPORT1.

"Das Ausgliederung-Thema wird vom Großteil der aktiven Fans sehr kritisch gesehen. Das hängt damit zusammen, dass man den aktuell handelnden Personen im Vorstand eine Ausgliederung gar nicht zutraut. Schalke gehört zu den umsatzstärksten Klubs in Europa und trotzdem hat der Verein Schulden. Die Kohle wird nicht zusammengehalten. Das hängt mit vielen Fehlinvestitionen zusammen. Daran sind auch Leute beteiligt, die seit 20 Jahren das Sagen haben."

Die Entwicklungen der letzten Jahre haben laut Wieland zu einem enormen Imageverlust geführt. "Das kann nicht gut für das Geschäft sein", sagt der 48-Jährige. "Mit solchen Schlagzeilen bekommst du sicher keine Sponsoren."

"Die Krise hat sich angedeutet"

Ähnlich sieht es auch Raphael Brinkert. Der 42-Jährige ist Schalke-Mitglied und einer der führenden Sportmarketing-Unternehmer in Deutschland.

"Die wirtschaftliche, sportliche und kommunikative Krise hat sich seit einiger Zeit angekündigt", meint der gebürtige Halterner. "Werte, die über hundert Jahre das Fundament für Zusammenhalt und sportlichem Erfolg waren, werden leider seit geraumer Zeit von immer mehr Menschen mit Füßen getreten, für die Schalke nicht ein Leben lang, sondern nur eine Karrierestation ist."

Die Verfehlungen auf Führungsebene könne man nicht einfach so durch die Flucht in eine andere Rechtsform kitten, meint Brinkert. "Die Folgeschäden aus Verfehlungen und falschen Entscheidungen treffen bis heute jeden Fan im Mark und den Verein als Ganzes in Euro."

Welche Auswirkungen wird der Fleisch-Skandal auf Schalke 04 haben und wie groß ist der Rückhalt gegenüber Tönnies noch?

Fragen, die komplexer sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen. So oft sich die Schalker an Tönnies gerieben haben, nicht nur wegen des Rassismus-Eklats, sondern auch wegen diverser umstrittener Entscheidungen: Ein gewisser Grundrespekt für den als Macher geltenden Klub-Boss war immer vorhanden. Oft auch dort, wo er nicht ausgesprochen wird.

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