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Gelsenkirchen - Weston McKennie setzt bei Schalke 04 ein Zeichen gegen Rassismus. Bei SPORT1 erklärt er, wie es dazu kam, spricht über seine Erfahrungen und seine Hoffnungen.

Als erster Bundesliga-Profi zeigte Weston McKennie am vergangenen Wochenende mit seiner Botschaft seine Solidarität mit dem bei einem Polizeieinsatz getöteten Afro-Amerikaner George Floyd.

Im SPORT1-Interview spricht der 21 Jahre alte Schalke-Profi über seine Armband-Aktion, seine Erfahrungen mit Rassismus und die sportliche Krise auf Schalke.

SPORT1: Sie sind am vergangenen Wochenende im Heimspiel gegen Werder Bremen (0:1) mit einem Armband mit der Aufschrift "Justice for George" aufgelaufen. Wie kam es dazu?

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Weston McKennie: Ich hatte mit niemandem darüber gesprochen - weder mit dem Verein, noch mit meinen Mitspielern. Es war eine spontane Aktion. Ich habe kurz vor dem Spiel in der Umkleidekabine ein Tapeverband und einen Stift gesucht und dann meine Gefühle aufgeschrieben. Rabbi Matondo wollte das eigentlich auch noch machen. Aber es war zu kurzfristig. Wir waren quasi schon auf dem Weg zum Einlaufen.

"Justice for George": McKennies Botschaft auf einem Armband war eindeutig
"Justice for George": McKennies Botschaft auf einem Armband war eindeutig © Getty Images

SPORT1: Was hat Sie zu dieser Aktion bewegt?

McKennie: Ich wollte die große Aufmerksamkeit unbedingt nutzen. Die Bundesliga ist die einzige Liga, die gerade spielt. Alle Augen sind auf Deutschland gerichtet. Die Aufmerksamkeit ist riesig. Ich hatte das Gefühl, dass dies die beste und größte Plattform ist. Es ist noch besser, als wenn ich nur etwas auf meinen Sozialen Kanälen gepostet hätte.

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McKennie freut sich über Unterstützung

SPORT1: Marcus Thuram, Jadon Sancho und Achraf Hakimi haben mit ähnlichen Botschaften nachgezogen. Haben Sie sich eigentlich abgesprochen?

McKennie: Das hat mich total gefreut. Wir haben uns aber nicht abgesprochen, nein.

Jadon Sancho und Achraf Hakimi trugen beim BVB-Sieg in Paderborn eine klare Botschaft unter dem Trikot
Jadon Sancho und Achraf Hakimi trugen beim BVB-Sieg in Paderborn eine klare Botschaft unter dem Trikot © Imago

SPORT1: Mit dieser starken Botschaft haben Sie Ihre Solidarität mit dem in Minneapolis bei einem Polizeieinsatz getöteten George Floyd dokumentiert. Wie kam das an?

McKennie: Der Schiedsrichter (Felix Zwayer, Anm. d. Red.) hat mich vor dem Spiel aufgefordert, das Armband auszuziehen. Er meinte zu mir, dass politische Botschaften nicht erlaubt seien. Ich konnte und wollte das aber einfach nicht verstehen. Wir haben in den letzten Spielen doch auch Armbänder getragen zu Ehren der Corona-Opfer. Warum also nicht jetzt und vor allem zu diesem wichtigen Anlass? Ich habe ihm gesagt: "Da kannst du machen, was du willst, ich werde das Ding nicht ausziehen!" Meine Mitspieler und auch der Verein standen hinter mir.

SPORT1: Es gibt in der Tat die Regel 4 zur Ausrüstung der Spieler, die besagt: "Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen." Wie finden Sie das?

McKennie: Ich verstehe diese Regel schon in gewissen Teilen. Ich würde zum Beispiel kein Armband tragen auf dem steht: "Wählt nicht Trump!" Das wäre mir auch zu politisch. Aber das hier ist keine politische Botschaft. Es ist mehr als das. Das ist etwas, wofür ich mit jeder Faser meines Körpers einstehe, woran ich tief und fest glaube. Ich habe einfach nur meine Gefühle geäußert. Als Amerikaner fühlte ich mich besonders dazu verpflichtet. Ich glaube, dass die FIFA und der DFB diesen Gedanken auch unterstützen. Die Liga und die Verbände weisen ja immer auf solche Aktionen hin: "Nein zu Rassismus." Jeder sollte jetzt hinter unserer Botschaft stehen. Es braucht die ganze Welt, um Änderungen herbeizuführen. Das hier ist größer als Fußball. Es geht um ein globales Problem: Rassismus.

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"Gibt immer noch zu viele ignorante Idioten"

SPORT1: Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus?

McKennie: Ich bin oft genug rassistisch beleidigt worden. Ich habe das mit meiner Familie immer wieder erlebt. Ich bin in Texas aufgewachsen. Dort ist es für einen Schwarzen nicht einfach. Ich habe Rassismus aber auch im Fußball erlebt. Wir hatten am Anfang der Saison ein Spiel im DFB-Pokal bei Drochtersen/Assel. Dort wurde ich von einigen Zuschauer als "Scheiß-Affe" bezeichnet und von Affengeräuschen begleitet. Ich habe meine Erfahrungen damit gemacht. Es gibt leider immer noch zu viele ignorante Idioten, die das machen. Es ist kein Spaß, wenn man jemanden als "Scheiß-Schwarzer" bezeichnet. Das ist schockierend. Wissen Sie was?

SPORT1: Bitte ...

McKennie: Ich saß letztens auf der Couch und habe mir die Frage gestellt: Entwickelt sich unsere Gesellschaft gerade eigentlich zurück? Wir haben so viele gute Dinge in den letzten Jahrzehnten gemacht. Es gab die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King, wir hatten einen schwarzen Präsidenten. Aber zurzeit bin ich ein wenig ratlos. Das, was ich sehe und erlebe, macht mich traurig. Umso besser, dass die Menschen jetzt auf die Straßen gehen und protestieren. Über die Art des Protests kann man an mancher Stelle sicher streiten.

SPORT1: Formel-1-Star Lewis Hamilton kritisierte, dass zu wenig weiße Menschen im Kampf gegen Rassismus mitmachen. Wie sehen Sie das?

McKennie: Ich weiß nicht, ob weiße Menschen denken, dass es nicht ihr Kampf ist. Ich möchte niemanden verurteilen. Aber klar ist: Jede Stimme hilft uns in diesem Kampf. Wir haben viel zu lange weggeguckt. Es wäre großartig zu sehen, wenn auch weiße Fußballer demnächst mitmachen und auf dem Feld ein Zeichen setzen. Niemand sollte sich davor scheuen, seine Stimme zu erheben. Es ist nämlich völlig egal, ob Weißer oder Schwarzer - die Botschaft bleibt die gleiche.

Schalke-Krise? "Wir müssen jetzt liefern"

SPORT1: Planen Sie demnächst eine erneute Aktion?

McKennie: Ich werde ganz bestimmt nicht müde, darauf hinzuweisen. Vielleicht lasse ich mir bei unserem nächsten Heimspiel gegen Leverkusen etwas einfallen. Ich könnte eine Botschaft auf meine Schuhe schreiben. Es gibt genügend Möglichkeiten. Ich möchte die Aufmerksamkeit nutzen und das Bewusstsein dafür in Europa schärfen. Es ist nicht nur ein Problem in den USA, sondern ein globales.

SPORT1: Nach der 0:1-Pleite gegen Bremen sind Sie mit Schalke jetzt schon seit elf Spielen sieglos. Wie kommen Sie aus dieser Mega-Krise raus?
McKennie: Wir spielen am Wochenende bei Union Berlin. Dort wollen wir endlich den Bock umstoßen. Leider bin ich für dieses Spiel gesperrt. Es begleiten uns ähnliche Probleme wie auch schon in der letzten Saison. Wir müssen diesen Negativtrend abwenden und endlich wieder einen Sieg einfahren. Natürlich haben wir viele verletzte Spieler. Aber das darf keine Ausrede sein. Das müssen wir akzeptieren. Wir spielen für Schalke, einen großen und tollen Klub, und müssen nun unseren Job machen. Wir als Mannschaft sind gefragt. Wir müssen jetzt liefern!

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