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München - Bundesliga-Rückkehrer Benjamin Henrichs setzt sich aktiv für die Black-Lives-Matter-Bewegung ein. Im Interview erklärt er, was man gegen Rassismus tun kann.

Seit Mittwochabend steht es fest: Nationalspieler Benjamin Henrichs kehrt von AS Monaco zurück in die Bundesliga und trägt künftig das Trikot von RB Leipzig.

In den vergangenen Monaten engagierte sich der 24-Jährige aktiv im Kampf gegen Rassismus.

Kurz vor der Bekanntgabe seines Wechsels nach Leipzig sprach Henrichs mit SPORT1 über eigene Negativerfahrungen, Rassismus im Fußball und sein persönliches Engagement.

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SPORT1: Sie bringen sich sehr stark in der Black-Lives-Matter-Bewegung ein, waren auch auf einer Demonstration in Düsseldorf. Warum zeigen Sie dort Ihr Gesicht, woher kommt dieser Antrieb? 

Benjamin Henrichs: Ich möchte zeigen, dass ich wirklich dafür einstehe. Ich habe auch Rassismus erlebt. Ich weiß, was für ein scheiß Gefühl das ist. Du wirst erniedrigt für die Art und Weise, wie du aussiehst. Ich bin Fußballprofi und komme wahrscheinlich weniger häufig in solche Situationen. Aber ich wollte zeigen, dass ich trotzdem auf die Straße gehe und für Gleichberechtigung kämpfe. Dass ich dafür kämpfe, dass schwarze Leben auch zählen. Man fordert nicht, dass sie mehr zählen, dass sie mehr wert sind, sondern nur, dass sie zählen. Dafür gehe ich auf die Straße und erhebe meine Stimme.

SPORT1: Sie sprachen davon, selbst Rassismus erlebt zu haben. In welcher Form? 

Henrichs: Als ich noch in Köln gewohnt habe, war ich mit meinen Freunden auf dem Spielplatz, als eine Gruppe älterer Jungs ankam. Sie schrien aus 100 Metern Entfernung: "Du N****, geh zurück in dein Land." Ich war jung, ich war klein, ich war hilflos. Heute bin ich in einem Alter, in dem ich sage: Egal wann und wo ich Rassismus erlebe, gehe ich dazwischen.  

Henrichs berichtet von Rassismuserfahrungen

SPORT1: Wann mussten Sie zuletzt eingreifen? 

Henrichs: Erst vor ein paar Tagen habe ich das in Monaco erlebt. Ich bin mit einer Gruppe von Deutschen ins Gespräch gekommen. Während des Gesprächs hat einer der Jungs von einem anderen verlangt, dass er ihm irgendwas rübergibt. Der hat sich dann auf die Stirn getippt und meinte nur: "Steht hier N**** drauf, oder was?" Ich habe ihn natürlich direkt angesprochen, was der Mist soll. Er hat sich tausend Mal bei mir entschuldigt und gesagt, dass es ihm leid tut. Aber da sage ich dann ganz klar: "Es reicht mir. Das ist kein Scherz, wach endlich auf!"

SPORT1: Ihr Vater ist Deutscher, Ihre Mutter kommt aus Ghana. Konnten sie Sie auf solche Vorfälle vorbereiten, ist das schon als Kind ein Thema? 

Henrichs: Ganz extrem war das bei meiner Mutter, als sie versucht hat, in Deutschland Arbeit zu finden. Sie musste immer wieder Rückschläge und Kritik hinnehmen, einfach aufgrund der Tatsache, dass sie schwarz ist. Ich habe das als kleiner Junge noch nicht richtig verstanden, aber mitbekommen, wie meine Mutter zuhause sitzt und leidet. Meine Schwester und ich sind jetzt aber in einem Alter, in dem wir dazwischengehen und sagen, dass so etwas nicht geht. 

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SPORT1: Wie wichtig ist es, das Thema eben auch deutlich anzusprechen? 

Henrichs: Es reicht nicht aus, zu sagen, man sei kein Rassist. Man muss Anti-Rassist sein. Wenn man Beleidigungen dieser Art mitbekommt, muss man dazwischen gehen. Wenn jemand beispielsweise im Bus rassistisch beleidigt wird, und alle anderen Fahrgäste gucken einfach nur hin und sagen nichts, dann fühlt sich derjenige wahrscheinlich sogar noch bestätigt und denkt: "Es sagt keiner was dagegen, die haben alle dieselbe Meinung wie ich." Dadurch werden Rassisten bestärkt und ihre Meinung steigert sich sogar noch mehr in das Extreme. Wenn niemand sich dagegenstemmt, wird das eine noch negativere Entwicklung nehmen, als es jetzt schon der Fall ist. 

SPORT1: Wo beginnt für Sie Rassismus? 

Henrichs: Rassismus gibt es nicht nur gegen Schwarze. Das beginnt bei mir generell, wenn sich jemand aufgrund der Hautfarbe, Herkunft oder Religion über einen anderen Menschen stellt. Er sieht sich als wertvoller an, weil er aus seiner Sicht normal ist und jemand mit einem Kopftuch, einer anderen Hautfarbe oder einer anderen Kultur nicht. 

SPORT1: Müssten sich in der Bundesliga und allgemein im Profifußball nicht auch viel mehr weiße Spieler aktiv gegen Rassismus einsetzen? 

Henrichs: Das ist das, was ich meine, wenn ich sage: Man muss Anti-Rassist sein. Auf der Demo in Düsseldorf habe ich wirklich jede Hautfarbe und Nation gesehen. Und alle haben für das Gleiche gekämpft. Alle sind dafür auf die Straße gegangen. Auf den Fußball oder auch die Bundesliga bezogen: Jeder Spieler, der im Sinne von George Floyd und der Black-Lives-Matter-Bewegung gejubelt hat, hat volle Unterstützung von seinen Mannschaftskollegen und den Klubs bekommen. Alle standen dahinter. Bei Gladbach habe ich beispielsweise ein Statement gesehen, auch bei Mainz. Dass dort ein Vereinsmitglied rausgeschmissen wurde, das sich über zu viele schwarze Spieler auf dem Feld beschwert hat, war vorbildlich. Davon braucht man mehr. 

"Man muss immer wieder einen Reminder setzen"

SPORT1: Wie kann man verhindern, dass das Thema wieder einschläft, weil es von anderen Dingen überlagert wird? 

Henrichs: Man muss immer wieder einen Reminder setzen. Das Thema Rassismus ist nicht von heute auf morgen weg, nur weil es jetzt schon ein paar Wochen länger her ist, dass George Floyd gestorben ist, und plötzlich Gras über die Thematik gewachsen ist. Rassismus ist ein alltägliches tiefes Problem, täglich gibt es Opfer. Man kann gar nicht genug darauf aufmerksam machen. Für Leute, die das noch nie erfahren haben, ist das schwer einzuschätzen. Aber ich kann sagen, jeder der Rassismus erfahren hat, ist müde, enttäuscht, sauer und hat keinen Bock mehr darauf. Man muss diejenigen, die Rassismus erlebt haben, versuchen zu verstehen und ihnen zur Seite stehen.   

SPORT1: Gibt es eine Diskrepanz zwischen dem gefeierten Fußballer und dem dunkelhäutigen Menschen, den man nicht kennt? 

Henrichs: Ich glaube schon, dass ich als Fußballer da in einer besseren Position bin als der vermeintliche Normalbürger. Bei mir ist es eher so, dass ich erkannt und auf ein Foto angesprochen als rassistisch angegangen werde. Freunde im Stadion erzählen mir aber manchmal, was Fans auf der Tribüne so schreien. Natürlich ist die Mehrheit der Bevölkerung friedlich und nicht rassistisch eingestellt. Aber es gibt einige Idioten, die genau das eben nicht sind - und die muss man auf die andere Seite holen. Man muss versuchen, ihnen klar zu machen, dass rassistische Äußerungen oder Angriffe einfach keinen Platz in der Gesellschaft haben. Ich bin auch ein gläubiger Mensch. Hinsichtlich dieses Themas habe ich sehr viel gebetet. 

Henrichs: "Rassismus lebt"

SPORT1: Welche Rückmeldungen bekommen Sie dafür, wie Sie sich einbringen?

Henrichs: Ich bekomme viele Nachrichten von Leuten, die sich freuen, wenn eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, quasi für die anderen spricht. Ich habe auch eine Anfrage bekommen, ob ich auf einer Demo sprechen will. Ich mache das gerne und möchte zeigen, dass es wichtig ist, dass sich auch vermeintlich bekanntere Menschen mit ihrer Reichweite einbringen. Ich stehe genauso da drin wie alle anderen und kämpfe für das Gleiche. Es gibt natürlich auch negative Rückmeldungen oder sogar Anfeindungen. Es gibt Leute, die sagen: "Es reicht jetzt, wir haben es verstanden." Aber es reicht nicht, denn Rassismus lebt. Und wenn jemandem nicht gefällt, was ich poste, ist das für mich kein Problem, wenn derjenige mir entfolgt. Das Thema darf einfach nicht einschlafen. 

SPORT1: Gegen Rassismus aktiv einzuschreiten kann auch gefährlich werden.

Henrichs: Ja, natürlich kann es gefährlich werden. Man kann aber immer die Polizei rufen oder andere Leute ansprechen und dann zusammen einschreiten. Du musst dir überlegen: Wenn du schon Angst hast, dazwischenzugehen, wie muss sich dann erst derjenige fühlen, der rassistisch angegangen wird. Vielleicht ist das ein kleiner Denkanstoß.

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SPORT1: George Floyd ist Ende Mai getötet worden. Ist die Sensibilität Anfang Juli noch dieselbe? 

Henrichs: Ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass das Thema viel offener angesprochen wird, dass viel mehr Leute für Gleichberechtigung kämpfen. Als ich das Video von George Floyd gesehen habe, habe ich mich einfach nur hilflos gefühlt. Ich sehe es mehrere Minuten und kann einfach nichts machen. Ein Mann kämpft und weint um sein Leben, kann nicht atmen, und mit jeder Minute wirst du trauriger und wütender. Als ich auf der Demo war, habe ich dann das erste Mal so richtig gespürt, dass Weiße und Schwarze zusammengekommen sind und für das Gleiche gekämpft haben. Das war das erste Mal, dass ich gemerkt habe: Man kann wirklich einiges erreichen, wenn man sich zusammentut! Dieser Zusammenhalt ist jetzt das Wichtigste.

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