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Ben Redelings blickt zurück auf Bodo Illgners (r.) kuriosen Enthüllungsroman
Ben Redelings blickt zurück auf Bodo Illgners (r.) kuriosen Enthüllungsroman © SPORT1-Grafik/Imago
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Best of Bundesliga! Unser Kolumnist Ben Redelings blickt wöchentlich auf die kuriosesten, lustigsten und unterhaltsamsten Highlights der Ligageschichte zurück.

Seit Torwart Bodo Illgner 1996 den 1. FC Köln über Nacht Richtung Spanien verlassen hatte, war es ruhig um das schillernde Ehepaar Illgner geworden.

Doch dann kam die Saison 2005/06 und der ehemalige Nationaltorhüter stellte zusammen mit seiner Frau Bianca den fiktiven Tatsachenroman "Alles" vor.

Ein fälschlicherweise viel zu wenig beachtetes Jahrhundert-Werk der Literaturgeschichte, das jede Menge Geheimnisse der Bundesliga und der Nationalmannschaft auf ungewöhnliche Art und Weise enthüllte.

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Illgners verwenden Decknamen 

Das Buch haben die Illgners damals tatsächlich "vollkommen ohne den sonst obligatorischen Ghostwriter" geschrieben. Wahrscheinlich auch deshalb ist dabei einer der ehrlichsten und authentischsten Blicke hinter die Kulissen des Fußballs entstanden.

Und der Clou an der Story: Alle Figuren im Buch heißen nicht wie im wahren Leben, sondern tragen "Tarnnamen". So heißt ein Bundestrainer beispielsweise Hans Eckenhauer, der danach Peter Wadenbein. Allzu schwierig zu entschlüsseln, sollte das nicht sein.

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Die beiden Hauptcharaktere nennen sich übrigens Kevin (Bodo) und Jasmin (Bianca). Und der Trainer von Kevin beim FC wird nur Josch gerufen.

Der Beschreibung nach schien der Mann ein lustiger und lebensfroher Zeitgenosse mit zwei Gesichtern zu sein. Und jemand, der mit seinen Spielern auch durchaus abseits des grünen Rasens Spaß haben konnte, wie eine äußerst lebensfrohe Geschichte des Buches offenbart.

Kleine Mannschaftsfeier nimmt große Wende

Bei einer kleinen Mannschaftsfeier in einem Etablissement stieg Josch überraschend aus einer großen Torte und entledigte sich anschließend seiner Kleidung, bis er von Kevin "abgeführt" und in seinem Wagen nach Hause gefahren wurde: "Ich packte mir den Trainer und trug, oder besser gesagt, schleifte ihn zu seinem Mercedes. Als ich den Motor anließ, betätigte er einen Knopf und öffnete das Schiebedach. Gut! Ein bisschen frische Luft konnte ihm wirklich nicht schaden. Als ich auf der Hauptstraße auf 80 km/h beschleunigte, stand er plötzlich auf, sein Oberkörper ragte aus dem Wagen heraus. 'FC vor, noch ein Tor', grölte er immer wieder. Ich beschwor ihn, sich wieder zu setzen, als eine Ladung von Undefinierbarem auf die Windschutzscheibe klatschte."

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Am nächsten Morgen holte Kevin den wie ausgewechselt wirkenden Coach mit dessen Wagen zu Hause ab. Gemeinsam fuhr man zum Training.

Kurz vor dem FC-Gelände stoppte Josch abrupt: "Was gestern passiert ist, streichst du am besten aus deinem Gedächtnis! So, jetzt steig hier aus und geh die letzten Meter zu Fuß. Nun mach schon, meinst du, ich will gesehen werden, wie ich mit einem Spieler zum Training fahre!?"

Köln entlässt Christoph Daum und verheimlicht wahren Grund

Kurz darauf wurde Josch Dorn beim FC völlig überraschend entlassen. Die Spieler standen vor einem Rätsel: "Die Presse wird diese Entscheidung auch nicht nachvollziehen können, außer Josch hat 'ne Leiche im Keller versteckt und die wissen alle mehr als wir."

Doch auch der Präsident rückte bei gemeinsamen Treffen mit dem Spielerrat nicht mit dem wahren Grund für die Entlassung des Trainers heraus. Kevin notierte deshalb in Bodo und Bianca Illgners Buch: "Gerüchte machen die Runde, die von Ungereimtheiten bei verschiedenen Transfers über Prostituierte bis hin zu Rauschgiftkonsum reichten. Klarheit bekamen wir allerdings nicht. Zugegeben, ein Kind von Traurigkeit war Josch nie gewesen und seine Stoffeligkeit am Morgen im Vergleich zu seiner Redseligkeit des Abends war auch seltsam ... Vielleicht war er aber auch nur ein Nachtmensch und deshalb ein absoluter Morgenmuffel."

Jürgen Klopp aka Harry Potter

Zehn Jahre später gab es, wie wir alle wissen, in der Bundesliga tatsächlich einen sehr, sehr ähnlichen Fall mit einem Trainer von Bayer Leverkusen in der Hauptrolle - der 1990 zudem bei einem Klub entlassen worden war, der auch ein FC im Vereinsnamen trägt. Wer mag dieser "Josch Dorn" wohl sein? Wie gesagt: Der "fiktive Tatsachenroman" der Illgners ist ein Buch, das völlig zu Unrecht im Jahr 2005 viel zu wenig Beachtung fand.  

Aber wo ein alt eingesessener Trainer strauchelt, bildet sich Platz für einen neuen. Und für was für einen! In Mainz erarbeitete sich in der Saison 2005/06 Trainer Jürgen "Harry Potter" Klopp ("Harry Potter ist mir lieber, als wenn sie mich Kermit getauft hätten") nach Anfangsschwierigkeiten langsam, aber sicher seinen Status als talentierter Bundesliga-Coach.

Wache über Klopp: "Nummer eins an der Wurstbude"

Seine Methoden waren jedoch nicht immer so ganz nach dem Geschmack seiner Spieler - vor allem nicht derer, die noch mit ihm zusammen auf dem Platz gestanden hatten, wie Torwart Dino Wache: "Früher war er nach Testspielen immer die Nummer eins an der Wurstbude. Heute bevorzugt er diese merkwürdige Trennkost."

Ob es in ein paar Jahren ein ehemaliger Spieler von Jürgen Klopp wagen wird, ein Buch über die gemeinsame Zeit mit diesem außergewöhnlichen Coach zu schreiben? Man wird sehen. In jedem Fall würde man diesem Nachwuchsautor empfehlen - falls es denn wieder Tarnnamen sein sollten - andere zu nehmen als ausgerechnet "Kevin" und "Jasmin". Vermutlich würde das die Erfolgschancen des Werkes deutlich erhöhen.

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktuelles Werk "Das neue Buch der Fußballsprüche" verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".

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