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München und Gelsenkirchen - Sportlicher Absturz, Kritik an Heidel und Tönnies, fehlende Identifikationsfiguren - bei SPORT1 berichten Fans von Schalke 04, wie sie die Krise erleben.

Fünf Spiele, ein Punkt, ein Trainerwechsel, eine 0:3-Klatsche im Revierderby gegen Borussia Dortmund, ein Torverhältnis von 2:19. Die blanken Zahlen sprechen beim FC Schalke 04 schon nach fünf Spieltagen eine deutliche Sprache. 

Saisonübergreifend konnten die Schalker nun 21 Bundesligaspiele hintereinander nicht gewinnen. In der Historie des deutschen Oberhauses hat nur ein Team eine noch schlimmere Horror-Statistik zu bieten: Tasmania Berlin brachte es in der Spielzeit 1965/66 fertig, 31 Spiele am Stück nicht zu gewinnen. 

Noch nie musste die königsblaue Fanseele so leiden wie jetzt. Wie ist die Stimmung? SPORT1 hat mit S04-Anhängern gesprochen, die ihr Leid klagen - aber auch Optimismus zeigen.

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Schalke 04 lässt seine Fans leiden

"Es ist teilweise wirklich so, dass man es über sich ergehen lässt und irgendwie erträgt, was uns geboten wird", beschreibt Richterin Kornelia Toporzysek, die bis 2019 im Schalker Ehrenrat saß, ihre aktuelle Sicht auf den Klub: "Man hat schon Mühe, sich überhaupt noch an gute Spiele der Mannschaft zu erinnern. Mir fällt da die erste Hinrunde unter Herrn Wagner ein, aber dann kommt lange nichts mehr. Ich schaue es mir noch an, aber da steht eher die Geselligkeit im Vordergrund."

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"Es ist ein lustloses Gekicke momentan, man könnte fast meinen, die Spieler reißen nur die Zeit ab", stimmt Edelfan Stefan Barta, ehemaliges Mitglied des Wahlausschusses, zu.

Die Gemeinschaft fehlt vielen Schalke-Fans aktuell, um durch die diversen Krisen zu kommen, glaubt Torsten Wieland, der seit 2007 den koenigsblog schreibt: "Natürlich schaut man die Spiele. Durch Corona ist alles wahnsinnig reduziert auf den Fußball. Es gibt das Nebenher im Stadion nicht mehr. Wenn das Spiel mal schlecht ist, lebt sonst alles davon, dass man eben mit seinen Kumpels zusammen im Stadion ist, ein Bier trinkt und Leute trifft. Man identifiziert sich als Gruppe. Das fehlt und jetzt geht es nur ums Spiel. Und das zu sehen, macht im Moment wenig Spaß. Sportlich bietet Schalke gar nichts - schon lange."

Dauer-Krise auf Schalke: "Viele Fans haben Existenzangst"

Die gegenwärtige Situation stellt den (vorläufigen) Tiefpunkt einer Entwicklung dar, die sich nun schon seit vielen Monaten hinzieht - kommt es sogar noch schlimmer?

"Viele Fans haben die Existenzangst", verrät Wieland: "Dafür braucht es auch keine große Fantasie. Bei einem Schuldenberg, der 300 Millionen Euro betragen wird, wenn das nächste Geschäftsjahr an die Tapete kommt, kann man sich die 2. Liga kaum leisten. Beim Abstieg wäre die Existenz ganz klar gefährdet. Ich glaube aber nicht, dass Schalke in diese sportliche Brisanz kommt und absteigt."

Auch Toporzysek ist guter Hoffnung, dass dieser Albtraum der Schalke-Fans nicht zur Realität wird: "Das hört sich zwar naiv an, aber es sprengt meine Vorstellungskraft, dass Schalke absteigt."

Wer trägt die Schuld an der Misere?

Wenngleich Barta ebenfalls optimistisch ist, dass sich die Knappen in dieser Saison noch retten, sieht er langfristig schwarz. Das liege an den "Altlasten", die der Klub mit sich herumschleppt.

"Die finanzielle Situation ist seit dem Stadionbau so und nicht neu. Seitdem gibt es diese 200 Millionen Euro Schulden, weil immer etwas war", erklärt Wieland. Barta sieht durchaus Parallelen zum HSV, da es sich auch bei Schalke um einen Verein handelt, der seit Jahren unter schlechtem Management leide. 

Doch wer trägt daran die Schuld?

"Einzelnen Menschen würde ich nicht die Verantwortung zuschieben", sagt Toporzysek, Barta gibt ihr da Recht: "Wir hatten nie Konstanz in der Führungsebene, haben lange von teilweise guten Transfers von Felix Magath gezehrt - und ob man Horst Heldt hätte entlassen müssen, weiß ich auch nicht. Jochen Schneider kann man eigentlich nur eine Teilschuld geben, er muss viele Altlasten verwalten."

"Heidel hat viel verbrannte Erde hinterlassen"

Wenn man Schalke-Fans nach einem Schuldigen fragt, dann fällt oftmals auch der Name Christian Heidel.

Er bekleidete von 2016 bis 2019 den Posten als Sportvorstand auf Schalke, der Vorwurf: Er statte viele Spieler mit lukrativen Verträgen aus, die nie liefern konnten, teilweise allerdings bist heute im Kader stehen. 

"Heidel hat viel verbrannte Erde hinterlassen und den Sprung aus Mainz zu uns nicht geschafft. Er war aber auch nur Teil des System Tönnies", erklärt Barta und spricht das kontroverseste Thema der jüngeren Schalke-Geschichte an: den langjährigen Boss Clemens Tönnies.  

Welche Rolle spielt Tönnies?

"Immer über den eigenen Verhältnissen zu leben" sei lange Jahre das Credo gewesen, sagt Blogger Wieland, dessen Einträge in Hochzeiten bis zu 10.000 Menschen lesen: "Ich sehe Tönnies deshalb in der Verantwortung."

Toporzysek verließ nach der Rassismus-Affäre um den langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden sogar aus den Schalker Ehrenrat. Tönnies selbst trat im Juni auf gewaltigen Druck der Fans letztlich zurück, in seinen 19 Jahren beim Klub war er selten unumstritten. 

Oftmals wurde der Fleischfabrikant allerdings auch als Gönner der Königsblauen tituliert, was Toporzysek allerdings nicht so wirklich verstehen kann: "Ich würde gern wissen, welches Geld von Tönnies persönlich im Verein steckt. Das wird immer erzählt, aber konkrete Zahlen hat mir noch keiner genannt."

Wieland zeigt sich ebenfalls kritisch. "Clemens Tönnies ist kein Geldgeber und hat dem Verein auch nie einfach so Geld gegeben", meint der Blogger: "Er ist kein Mäzen wie Dietmar Hopp oder Dietrich Matteschitz. Er hat auch mal einen Kredit gegen, aber sich den verzinst zurückzahlen lassen. Das Problem ist: die jetzige Führung distanziert sich von der Vergangenheit gar nicht. Die machen weiter wie bisher und sind der alte Klüngel. Der Vorstand ist zum Großteil noch bestückt mit den gleichen Köpfen. Es braucht frischen Wind. Aber die Frage ist: Wie geht das?"

Eine Antwort auf diese Frage zu finden scheint derzeit mit die dringlichste Aufgabe auf Schalke zu sein. "Tönnies hat ein riesiges Machtvakuum hinterlassen und man kann bis jetzt nicht erkennen, wer auf Schalke das ausfüllen kann. Man hat den Eindruck, dass wir führungslos dahinschlingern. Das macht mir am meisten Sorge", verrät Toporzysek. 

Fehlen Schalke Identifikationsfiguren?

Neben den Fehlern der sportlichen Führung spricht die frühere Ehrenrätin ein weiteres Problem an, das viele Schalke-Fans umtreibt: "Es fehlen echte Identifikationsfiguren in der Mannschaft."

Bei den Königsblauen - die seit jeher das Malocher-Image pflegen - sind gerade sie für viele Anhänger aber besonders wichtig. Dabei sei aber die Parole "Wir brauchen diese Schalker Kampfspieler von vor Ort" allerdings nur "halb Marketing und halb Folklore", wie Wieland betont: "Natürlich müssen die nicht aus der Jugend kommen. Die Leute mochten auch Andi Möller und Rául sehr, sehr gerne, weil die sich mit dem Können und ihrer Technik beliebt gemacht haben und man das Gefühl hatte: Die haben Bock! Natürlich müssen das nicht nur Kämpfer und Treter bei uns sein."

Die Nationalität sei dabei sowieso nicht so wichtig. "90 Prozent sind völlig fein damit, wenn zum Beispiel ein Spanier herkommt und hier dann viel gibt", meint der Schalke-Blogger und dürfte dabei vor allem an den legendären Rául gedacht haben. In der jetzigen Mannschaft nennt er den Franzosen Benjamin Stambouli als Aushängeschild - und Ahmed Kutucu, der die komplette Jugendabteilung auf Schalke durchlaufen hat.

"Ein idealer Schalker Spieler muss Fußball spielen können! Völlig egal von wo er kommt. Und er sollte bodenständig sein", pflichtet auch Barta bei: "Leidenschaft gehört aber dazu. Wenn man das merkt, dann werden sie hier alle geliebt und die Herkunft ist völlig egal. Da Ruhrgebiet steht doch allgemein auch absolut für Integration. So viele Leute aus Polen oder der Türkei sind hier mal hergezogen."

Toporzysek glaubt ebenfalls nicht, dass die Nationalität der Spieler eine Rolle spielt. Sie sagt allerdings klar:

Einmal Schalker, immer Schalker?

Trotz all der Krisenherde halten die Schalker Fans ihrem Klub aber die Treue.

"Ich kann es mir nicht vorstellen, dass ich mich mal abkehre - aus sportlichen Gründen niemals", stellt Wieland klar: "Es gehört einfach zum Leben. Es geht um das Drumherum und die Identifikation. Erst wenn Schalke mal einen Investor haben sollte, der alles umkrempelt und nichts mehr im Verein so passt, dann kann man sich auch nicht mehr identifizieren."

Barta schwwört sogar: "Ich werde dem Verein nie den Rücken kehren. Ich bin schon dreimal mit Schalke abgestiegen. Ich schäme mich eher für unsere Außendarstellung als für den Fußball. In so einer Situation beschäftigt man sich ja noch mehr mit seinem Verein. Das geht einem nah."

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