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Zwei Teams dürfen sich ernsthafte Hoffnungen auf einen Coup machen: Bayer Leverkusen und RB Leipzig könnten die Bayern knacken, meint SPORT1-Kolumnist Tobias Holtkamp.

Während sie beim BVB das Erreichen der Saisonziele "stark gefährdet" sehen, wie es Sportdirektor Michael Zorc im Zuge der Favre-Trennung formulierte, sind zwei andere Klubs voll in der Spur, was sowohl die eigene Leistung, aber eben auch das Erreichen der Ziele betrifft. Oder sogar das Übertreffen?

Sollte es Bayer Leverkusen gelingen, im letzten Topspiel vor Weihnachten am 19. Dezember die Bayern zu schlagen, dann darf der neue Tabellenführer nicht mehr nur von der ersten Meisterschaft träumen - dann muss er sie auch offiziell ins Visier nehmen.

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Rein fußballerisch hat die Mannschaft von Peter Bosz auf jeden Fall das Zeug, gegen die aktuellen Bayern zu gewinnen. Die größere Herausforderung wird der Kopf. Ob sie dem Kracher gewöhnten FCB in Fokus, Präsenz und Ausstrahlung auf Augenhöhe begegnen können. Da ist der Champions-League-Sieger herausragend.

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Auch RB mit Chancen

Was sowohl Leverkusen als auch dem zweiten L-Klub, der die Bayern in dieser Saison ernsthaft herausfordert, RB Leipzig, voll in die Karten spielt, ist die im Grunde nicht vorhandene Erwartungshaltung - was den Gewinn der Meisterschaft betrifft. Ganz Fußball-Deutschland scheint einig, und zwar einiger denn je, dass die Schale sowieso nur den Bayern gehört. Man kann sich auch kaum mehr dran erinnern, dass mal ein anderer das glänzende Stück in den Himmel recken durfte (2012 war es, Borussia Dortmund).

Seitdem: Bayern, Bayern, Bayern, Bayern, Bayern, Bayern, Bayern und Bayern. Und dieses Mal? Bescheren uns die besonderen Zeiten, Stichwort Corona, keine Fans im Stadion und ein sehr enger Terminkalender, auch einen besonderen Meister? Die Chance darauf ist da - und sie ist gar nicht mal so klein.

Die Bayern sind nach einem Wahnsinnsjahr, mit super Fußball und fünf Titeln, zum Winterbeginn ein wenig aus dem Rhythmus gekommen.

Leverkusen und Leipzig wirken frischer

Die vielen Herausforderungen der vergangenen Monaten, körperlich wie mental, zehren auch an ihnen. Verletzte Leistungsträger, Stammspieler, die im Sommer den Verein wechseln, dazu Neuzugänge, die im Stress der eng getakteten Saison noch nicht wie erhofft integriert werden konnten. Und vor allem keine Zeit, sich der (noch) kleinen Probleme wunschgemäß annehmen zu können.

Das nächste Spiel, die nächste Aufgabe steht immer direkt bevor. Dass die Winterpause in dieser Saison ausfällt, wird den gestressten Bayern eher Nach- als Vorteil sein.

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Leverkusen und auch Leipzig wirken frischer im Moment, auf dem Platz schneller, spiel- und entscheidungsfreudiger. Leverkusen ist noch ungeschlagen. Und natürlich: Den Platz ganz vorne zu erobern und dann auch zu verteidigen, das ist eine riesige Motivation für sie. Für die Bayern ist es Gewohnheit.

RB und Bayer können nur gewinnen

Während die L-Klubs im Titelkampf nur gewinnen können, haben die Bayern etwas zu verlieren - ihr sicher geglaubtes Abo auf die Schale. Sie haben sich das erarbeitet, aber: Wird der FC Bayern nicht Meister, ist dort etwas schiefgelaufen. Dann ist Krise. Werden Leverkusen, Leipzig oder auch Dortmund, ganz vergessen wollen wir die ja noch nicht, nicht Meister - dann ist alles wie immer. Nicht schlimm.

Vielleicht kommen in dieser außergewöhnlichen Saison ein paar Faktoren zusammen, die den Bayern-Gegnern Aufwind geben. Und vielleicht steht ausgerechnet zum Ende dieser Spielzeit eine andere Mannschaft vorne, jetzt, wo niemand damit rechnet. Es wäre den Herausforderern zu wünschen - denn es wäre ein wichtiges Signal für die Bundesliga. Mag verrückt klingen, aber es geht um mehr als nur Platz zwei.

Tobias Holtkamp, der Autor dieses Textes, war in der Chefredaktion von Sport Bild und Chefredakteur von transfermarkt.de. Heute berät er Sportler und Marken in ihrer inhaltlichen und strategischen Ausrichtung. Für SPORT1 schreibt Holtkamp als Chef-Kolumnist die wöchentliche "Bundesliga-Kolumne".

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