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München - Die Zeit von Lucien Favre beim BVB ist vorbei. Der Schweizer hatte in Dortmund durchaus Erfolg, für den ganz großen Wurf reicht es jedoch nicht. Kritiker gibt es viele.

Seine Zeit bei Borussia Dortmund endete nach einer "Katastrophe".

So bewertete Lucien Favre selbst den Auftritt seines Teams bei der 1:5-Klatsche gegen den VfB Stuttgart. Auch Kapitän Marco Reus sprach Klartext: "Wir sind keine Mannschaft, die gut verteidigen kann." (Die Reaktionen zum Debakel gegen Stuttgart)

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Nach dem blutleeren Auftritt der Mannschaft zogen die Verantwortlichen am Sonntag die Konsequenzen und stellten Favre sowie Co-Trainer Manfred Stefes mit sofortiger Wirkung frei. Der bisherige Co-Trainer Edin Terzic übernimmt die Mannschaft bis zum Saisonende.

"Es fällt uns schwer, diesen Schritt zu gehen. Gleichwohl sind wir der Meinung, dass das Erreichen unserer Saisonziele aufgrund der zuletzt negativen Entwicklung in der gegenwärtigen Konstellation stark gefährdet ist und wir deshalb handeln müssen", begründete Sportdirektor Michael Zorc den Schritt. Als Fachmann und Mensch sei Favre über jeden Zweifel erhaben.

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Sieben Punkte Rückstand auf Bayern

Das Hauptsaisonziel der Schwarzgelben in dieser Saison ist die Qualifikation für die Champions League. Aus eben diesen Plätzen rutschte Dortmund durch die bereits vierte Niederlage im elften Saisonspiel heraus. Aktuell belegt der BVB nur Rang fünf, zum FC Bayern München sind es bereits sieben Zähler Rückstand.

Mit dem Aus des Schweizers endete eine äußerst erfolgreiche Ära – zumindest statistisch gesehen. In seinen 79 Bundesligaspielen seit seinem Beginn zum Start der Saison 2018/19 erreichte Favre beim BVB einen Punkteschnitt von 2,08 pro Spiel – nur Thomas Tuchel hatte mit 2,09 einen minimal höheren als BVB-Übungsleiter. Zweimal wurde Dortmund unter Favre Vizemeister.

Außerhalb der Bundesliga sah es allerdings nicht so rosig aus. Sowohl in Champions League als auch in DFB-Pokal war für Favres Dortmunder jeweils im Achtelfinale Endstation, bis auf einen Sieg im Supercup sprang kein Titel heraus.

Vor allem der verpassten Meisterschaft in der Saison 2018/19 trauern sie in Dortmund immer noch nach. In seiner Debüt-Saison kassierte Favres BVB in der Hinrunde nur eine Niederlage, wurde souverän Herbstmeister. Nach dem 15. Spieltag betrug der Vorsprung auf die Bayern sogar neun Punkte.

Kritiker: Favre kann keine Titel gewinnen

Doch in der Rückrunde brach Dortmund ein und warf den Titel regelrecht weg. Dass am Ende mit 76 Punkten dennoch die drittbeste Saison der Vereinsgeschichte zu Buche stand, dürfte kaum jemanden getröstet haben.

Favre und der BVB – so ganz gepasst hat es nie. Er könne keine Titel gewinnen, hieß es. Der 63-Jährige musste sich von den Fans immer wieder anhören, nicht emotional genug für das Amt des BVB-Trainers zu sein. Wie bei seinen Vorgängern wurde hier schnell der Vergleich zu Jürgen Klopp gezogen, der in seiner BVB-Ära Klub und Fans mit seiner Art gleichermaßen in seinen Bann zog.

Favre gab sich da distanzierter. Nach außen hin ließ er sich meist wenig anmerken, gegenüber den Medien gab er sich verschlossen, ließ sich auf Pressekonferenz vor den Spielen selten etwas zur taktischen Ausrichtung seines Teams oder zur Aufstellung entlocken. Dass er durchaus emotional sein konnte, bewies er unter anderem nach dem Remis in der Königsklasse gegen Lazio Rom. "Das ist Theater, er ist im Schwimmbad", schimpfte Favre nach einer Römer Flugeinlage und dem folgenden umstrittenen Elfmeter für die Italiener.

Hohes Ansehen in Gladbach

Fachlich genoss und genießt er jedoch hohes Ansehen. "Wenn ich mich umhöre, auch bei unseren Fans, die sprechen alle überragend über Lucien Favre. Daher finde ich es etwas anmaßend, dass man ihm in den Medien unterstellt, dass er den Erwartungen nicht gerecht wird", brach Hans Meyer, Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach, im CHECK24 Doppelpass eine Lanze für den Schweizer – wenige Stunden vor Bekanntgabe des Abschieds beim BVB.

Favre rettete die Fohlen 2011 vor dem Abstieg und führte sie ein Jahr später in die Champions League. Nach einem verpatzten Saisonstart in die Saison 2014/15 sah sich Favre nicht mehr in der Lage, die Gladbacher zu trainieren und trat zurück. Vergleichbares passierte übrigens auch bei seiner Zeit bei Hertha BSC, auch dort zog Favre von sich aus die Reißleine.

Eine der Stärken Favres: Er macht junge Spieler besser. Jadon Sancho entwickelte sich unter seiner Regie zu einem der begehrtesten Spieler Europas. "Wenn man Favre wegschickt und einen anderen holt, muss er gute Spieler genauso besser machen, wie Favre es macht", erklärte SPORT1-Experte Marcel Reif Ende November im CHECK24 Doppelpass.

Wer langfristig die Favre-Nachfolge in Dortmund antritt, steht noch nicht fest. Er wird sich aber ebenfalls an seinen Vorgängern messen lassen müssen. Auch an Favre.

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