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München - Vor dem Hauptstadt-Derby zwischen Hertha BSC und Union Berlin sprechen bei SPORT1 zwei Klub-Ikonen über das Duell. Über ein Trainer-Gerücht wird Klartext gesprochen.

Berliner Olympiastadion. Freitagabend. Flutlichtspiel. Derby. Die Eckdaten für ein tolles Fußballspiel stehen. (Service: Spielplan der Bundesliga)

Aufgrund der Corona-Pandemie müssen nur die Zuschauer weiter draußen bleiben, wenn Hertha BSC den Stadtrivalen Union Berlin empfängt (Bundesliga: Hertha BSC - Union Berlin, ab 20.30Uhr Im LIVETICKER). Es ist das dritte Aufeinandertreffen in der Bundesliga. Doch die tabellarischen Vorzeichen sind dieses Mal anders, als man es erwartet hätte. Hertha belegt Platz 13, Union als Aufsteiger von 2019 kommt als Sechster daher. (Service: Tabelle der Bundesliga)
 
"Union geht mit einer breiten Brust in das Derby, weil bei der Hertha in dieser Saison noch nicht so viel lief. Man hat einen anderen Anspruch als den aktuellen Tabellenplatz", sagt Union-Legende Torsten Mattuschka, der von 2005 bis 2014 das Trikot der Eisernen trug, im Gespräch mit SPORT1. "Im Normalfall wären 74000 dabei. Jeder freut sich auf dieses Spiel. Du machst in diesen 90 Minuten die Fans ein halbes Jahr glücklich - unabhängig wie die Spiele danach ausgehen."  Seit 2019 ist er Co-Trainer beim Berliner Regionalligisten VSG Altglienicke.

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"Überragend, was die Truppe abrockt"

Der 40-Jährige ist schon vor dem Hauptstadt-Duell glücklich über den bisherigen Saisonverlauf seiner Unioner. "Es ist überragend, was die Truppe Woche für Woche abrockt." Man habe sich fußballerisch weiterentwickelt. "Jetzt wird ein anderer Fußball gespielt, weil sich die Spielertypen verändert haben", erklärt Mattuschka und ergänzt: "In der vergangenen Saison wurden viele lange Bälle auf Andersson (Sebastian Andersson wechselte zum 1. FC Köln, d. Red.) gespielt, weil man wusste, dass er die Bälle festmacht oder sie verlängert. Riesen-Kompliment an die Jungs, im Moment klappt es bombe."
 
Es werde "sicher auch Phasen geben, in denen es nicht so gut läuft", aber gerade sei das Momentum auf der Seite von Union, "die Leichtigkeit ist da und es klappen viele Dinge, weil man erfolgreich ist".

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Auch Fabian Lustenberger, der von 2007 bis 2019 das Trikot der Alten Dame trug und seit vergangener Saison für BSC Young Boys aus Bern spielt, freut sich auf das Derby. "Ich bin als Herthaner natürlich überzeugt, dass die Alte Dame das packen kann und auch wird. Das Schlimmste für beide Teams ist, dass es wieder ohne Zuschauer sein wird. Das nimmt dem Match seine einzigartige Atmosphäre", sagt der 32-Jährige zu SPORT1.

"Aber die Situation kennen die Spieler nun seit einigen Wochen und schlussendlich haben beide Mannschaften nur ein Ziel, nämlich den Derbysieg und sich Selbstvertrauen holen für die letzten Spiele vor der Winterpause."

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Mattuschka tritt auf Euphoriebremse

Viele Union-Fans beginnen schon zu träumen, was das Saisonziel betrifft. Mattuschka tritt da noch auf die Euphoriebremse. "Es ist erst ein Viertel gespielt."
 
Max Kruse, der vor der Saison von Fenerbahce Istanbul nach Köpenick gewechselt war und gerade wohl wieder bei Bundestrainer Joachim Löw ein Thema ist, hat sich in diesem ersten Saison-Viertel zum Topscorer von Union entwickelt, erzielte sechs Tore und lieferte fünf Assists. Keine Frage, für die Fans ist der 32-Jährige das Gesicht des Erfolgs.
 
Mattuschka sieht das nicht so. "Das Gesicht dieses Erfolgs ist nicht Max Kruse, denn er gewinnt die Spiele nicht alleine. Urs Fischer sagte mal ganz richtig: 'Max Kruse braucht die Mannschaft und die Mannschaft braucht Max Kruse'."
 
Natürlich sei ein gesunder Kruse für Union "ein Unterschied-Spieler", aber da gebe es noch einige Andere. "Der Fokus auf Max ist gerade extrem, weil er Tore vorbereitet und schießt. Aber es funktioniert im ganzen Team überragend."

"Bestimmt nicht zufrieden"

Bei der Hertha dagegen ist noch Sand im Getriebe. "Ich denke, dass Hertha bestimmt nicht zufrieden ist mit der aktuellen Situation. Es ist aber auch eine spezielle Zeit und in jeder Liga gibt es Mannschaften, die sich mehr erhofft haben, aber noch nicht ihren Rhythmus gefunden haben", glaubt Lustenberger.
 
Die Mannschaft müsse sich noch finden, dies sei "ganz normal bei so einem großen Umbruch". Der frühere Hertha-Profi sieht es weiter positiv und glaubt daran, "dass die Automatismen immer besser greifen werden".
 
Hat Union aber gerade am Freitagabend die Favoritenrolle inne? "Wenn man nur auf die Tabelle schaut, könnte man zu dem Schluss kommen. Ich glaube aber, dass ein Derby immer seine eigenen Gesetze und Motivation besitzt und beide Mannschaften extrem heiß auf das Match sein werden", meint der Ex-Herthaner. "Da ist es nicht entscheidend, wer auf dem Papier möglicherweise als Favorit gilt, sondern wer die 'Stadtmeisterschaft' mehr will."

Union der Favorit?

"Wenn man sich die Tabelle anschaut, ist Union der Favorit", betont Mattuschka. Aber beim Blick auf Herthas Etat und die Investitionen müsse man nicht über die Favoritenrolle reden. Außerdem zähle im Derby nicht, was vorher war.
 
Die aktuelle Situation bei der Hertha verwundert "Tusche", wie er genannt wird. "Trotz des Tabellen-Standes ist das eine richtig gute Truppe mit einer tollen Altersstruktur. Wenn man den jungen Spielern und Labbadia (Herthas Cheftrainer Bruno Labbadia, d. Red.) Zeit gibt, kann da etwas Gutes entstehen. Es ist mit dem Geld des Investors natürlich alles etwas einfacher als bei Union."
 
Lustenberger sieht es genauso: "Herthas Kader ist wirklich stark und ambitioniert aufgestellt und sollte gut genug sein, auch wieder in der oberen Tabellenhälfte mitzuspielen."

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Stadtmeisterschaft statt Machtwechsel

An einen Machtwechsel will Mattuschka nicht denken. "Wir Unioner freuen uns, dass wir vor der Hertha stehen und hoffen, dass wir uns die Stadtmeisterschaft zurückholen. Bei vielen Fans sind diese beiden Spiele wichtiger als die gesamte Saison. Am Ende vor der Hertha zu stehen, das wäre überragend."
 
Lustenberger meint: "Von Machtwechsel zu sprechen, wäre völlig falsch. Klar, Union hat eine super Phase und macht das wirklich gut." Aber die Hertha habe schon noch "ein paar mehr Bundesligajahre auf dem Buckel" und "einen klasse Kader". Außerdem sei die Saison noch nicht vorbei und im vergangenen Jahr habe man gesehen, "wer am Ende weiter vorne platziert war".

Das Primärziel bei Union bleibe weiterhin der Klassenerhalt. „Und wenn am Ende Platz sieben bis neun rauskommt, wehrt sich keiner dagegen“, meint Mattuschka.

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Urs Fischer vor Abschied?

Zuletzt gab es das Gerücht, dass Unions Erfolgstrainer Urs Fischer den Verein im Sommer womöglich verlassen würde, um eine neue Herausforderung zu suchen. Diese würde bei Schalke 04 liegen, meinte Andreas Böni, Fußball-Chef der Schweizer Zeitung Blick.

"Aktuell würde sich Urs Fischer verschlechtern", sagt Mattuschka und lacht. "Ich glaube nicht, dass Urs das machen würde. Was er für Union geleistet hat, ist unfassbar, phänomenal. Man hört nichts Schlechtes über ihn und er macht aus den vorhandenen Mitteln das Maximum."
 
Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: "Vielleicht geht er auch zu Arsenal. Urs wird sich seine Gedanken machen. Vielleicht macht er weiter, weil er noch Bock hat auf Union oder er sagt 'Das war’s, das kann mir keiner mehr nehmen.' und keiner würde es ihm verübeln, wenn er ginge. Ich glaube Schalke würde er sich aktuell nicht antun. Da bekommst du nicht so viel Zeit für einen Neuaufbau wie bei Union."

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