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Es brodelt bei Borussia Dortmund. Ausgerechnet jetzt kommt der FC Augsburg und das ist kein gutes Omen. Im Februar 2015 war die Lage allerdings ungleich ernster.

Er hätte nie gedacht, dass er das noch einmal erleben würde.

Jürgen Klopp, der Meistermacher, auf dem letzten Platz. Mit Mainz war ihm das in seiner dritten und letzten Bundesligasaison mal passiert, am Ende stand der Abstieg. Das war 2007. 2008 ging er nach Dortmund, wo er eine einzigartige Erfolgsgeschichte schrieb mit zwei Meisterschaften und dem Erreichen des Champions League-Finals.

Und wenn sie nicht Erster wurden, dann eben Zweiter. Dann kam die WM 2014, an der gleich zehn Spieler teilnahmen, die ebenso verspätet in die Vorbereitung einstiegen wie Marco Reus, der sich kurz vor dem Abflug gen Brasilien schwer verletzte. Das allein konnte die verheerende Hinrunde nicht erklären, spielte aber mit hinein um Klopp intern nicht infrage zu stellen.

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Zwei Wochen vor dem Start der Rückrunde, in die der BVB als Siebzehnter ging, sagte der beliebte Trainer: "Jetzt haben wir in gut einer Woche des neuen Jahres schon häufiger zusammen trainiert als in der siebenwöchigen Sommervorbereitung. Wir können jetzt das machen, was wir vorher nicht tun konnten - mit einer großen Gruppe an unseren Abläufen arbeiten."

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Er wollte nicht mal Verstärkungen: "Alles ist gut so, wie es ist." Kurzum, der Optimist in Klopp lebte noch und die Zuversicht die Saison zu retten, überwog. Übrigens auch im Umfeld, daran änderte auch das Abrutschen auf den letzten Platz nach einem passablen 0:0 zum Rückrundenstart in Leverkusen nichts.

Hochkarätig besetzte BVB-Elf

So kam es am 4. Februar 2015 zu der kuriosen Situation, dass der Tabellenletzte die Zuschauerwertung anführte, denn in das einstige Westfalenstadion pilgerten auch in der Krise unentwegt 80.000 Getreue. Selbst an einem Mittwochabend im Februar wurden 80.667 Zahlende gezählt.

Doch auch die ungebrochene Unterstützung von den steilen Rängen verhinderte den Tiefpunkt in der Bundesligakarriere des Trainers Jürgen Klopp nicht. Der in jener Saison außerordentliche erfolgreiche Underdog FC Augsburg, als Fünfter angereist, stand nach der Partie dort wo der BVB noch hinwollte: auf Platz vier.

Der garantierte damals noch nicht die Champions League, aber die Chance darauf mittels zweier Qualifikationsspiele. Für die Dortmunder war die liebgewonnene Gewohnheit dagegen in weite Ferne gerückt.

Der traurige Abend aus Dortmunder Sicht begann mit einer Gedenkminute für ihren verstorbenen Ex-Trainer Udo Lattek. Dann wurde es auch auf dem Platz trist. "Zu viele Fehlpässe standen auf beiden Seiten einen geordneten Aufbau entgegen", tadelte die FAZ.

Die unverändert hochkarätig besetzte BVB-Elf, die im Sturm mit Reus, Pierre-Emerick Aubamayeng und Italiens Nationalspieler Ciro Immobile antrat, konnte in keiner Phase der Partie Dominanz ausstrahlen, ein Außenpfostenschuss von Reus war der einzige Höhepunkt vor der Pause.

Nach Ballbesitz (52 %) war man nur knapp überlegen, die meisten Zweikämpfe gewannen die von Markus Weinzierl gecoachten Gäste. Der hatte zuvor bescheiden gesagt: "Der BVB ist Favorit, auch wenn es sich komisch anhört."

Dortmund spielt wie ein Absteiger

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wiederum hatte die Erwartungen im Stadionmagazin gesenkt: "Wer von uns gegenwärtig prickelnden Champagner-Fußball fordert, der hat den Abstiegskampf nicht verinnerlicht."

Das traf an jenem Mittwoch wohl auf etliche Spieler zu, der Kicker verteilte dreimal die Note 5 und stellte fest: "Gegen Augsburg lieferte die Elf von Jürgen Klopp Kampf und Krampf sowie wenig Erbauliches - und trat auf wie ein Absteiger."

Drei Spieler sind übrigens heute noch oder wieder im Kader: Hummels, Reus und Marcel Schmelzer. Bei Augsburg findet sich nur Rafal Framberger noch im aktuellen Aufgebot, vor sechs Jahren saß er allerdings 90 Minuten auf der Bank.

Dort erlebte er nach 50 Minuten das Tor des Tages durch den Argentinier Raúl Bobadilla, das er mit links machte und das ihm nicht allzu schwer fiel nach Halil Altintops Vorarbeit und Marcel Schmelzers unfreiwilliger Vorlage.

Die Pfiffe auf den Rängen wurden lauter, aber am BVB-Spiel verbesserte sich nichts. Nicht mal, als FCA-Verteidiger Christoph Janker vom Platz flog (64.) und auch nicht, als Klopp Henrykh Mkhitaryan und Shinji Kagawa in die Schlacht warf.

Dortmunds 500. Niederlage in der Bundesliga

Dem Armenier und Immobile boten sich noch Chancen zum Ausgleich, aber beide scheiterten an Ersatztorwart Alex Manninger und schließlich blieb es bei der historischen BVB-Blamage, die weitere Meilensteine setzte: der erste Augsburger Bundesligasieg überhaupt gegen die Borussia war auch deren 500. Niederlage im Oberhaus.

Historisch laut war auch das Pfeifkonzert, das über das überraschendste Schlusslicht der Bundesliga niederging. Der Spiegel deutete das in Anspielung auf das Vereinsmotto "Echte Liebe" süffisant in "Echte Wut" um.

Die Spieler eilten zur Südkurve, um es ebenso gestenreich wie vergeblich einzudämmen. Torwart Roman Weidenfeller konnte die Wut "absolut nachvollziehen". Nun galt es, die Scherben zusammenzukehren.

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Ein tief geknickter Klopp haderte auf der Pressekonferenz: "Das Ergebnis tut weh. Das Gegentor hätten wir fünf, sechsmal verteidigen können, dann steht einer frei und macht ihn rein - und wir machen aus den großen Gelegenheiten gar nichts. Ich hab auch kein Bock mehr, jetzt über Ansätze zu sprechen und bin nicht so drauf, noch etwas Positives zu suchen. Wir müssen uns straffen, das ist klar. Wir werden nicht aufgeben!"

Dortmund beendet Saison auf Platz sieben

Mats Hummels wurde deutlich: "Zu 98 Prozent ist jetzt Kampf angesagt, dazu vielleicht zu zwei Prozent Lockerheit." Der verletzt zusehende BVB-Kapitän Sebastian Kehl übte sich schon damals darin, was er als Sportdirektor heute wieder tun muss - in Durchhalteparolen: "Ich bin sicher, dass wir die nötige Qualität und Mentalität haben, da unten rauszukommen."

Damit sollte er sogar Recht bekommen. Der BVB rappelte sich auf, wurde noch Siebter, was gerade so für die Europa League reichte, und kam ins Pokalfinale (1:3 gegen Wolfsburg). Aber im Verhältnis zu Jürgen Klopp war bei aller gegenseitigen Sympathie etwas zerbrochen und der Trainer erklärte am 15. April 2015 seinen Abschied zum Saisonende, da er "nicht mehr der perfekte Trainer für diesen Verein" sei.

Kollege Weinzierl dagegen war der Beste, den sie in Augsburg je hatten, schließlich führte er den FCA zum ersten und bis dato einzigen Mal in den Europapokal - wo er dann gegen Klopps neuen Klub FC Liverpool ausschied. Möglich wurde das denkwürdige Aufeinandertreffen auch durch den historischen Sieg bei Borussia Dortmund, das um genau jene drei Punkte hinter dem FCA im Ziel einlief.

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