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Patrik Andersson und Michael Klinkert - lange Gesichter bei Gladbach
Patrik Andersson und Michael Klinkert - lange Gesichter bei Gladbach © Imago
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München - 1998 geht Borussia Mönchengladbach mit 2:8 gegen Bayer Leverkusen unter und erleidet so eine ihrer höchsten Niederlagen der Vereinsgeschichte.

In vielen deutschen Büros wurde es nicht nur in der Mittagspause gespielt: das lustige, natürlich rein virtuelle, Abschießen von Moorhühnern war um die Jahrtausendwende der Computerspielhit für Jung und Alt.

Moorhühner wurden zum Synonym für leichte Opfer und die gibt es zuweilen auch im Fußball.

Eines von ihnen war die einst so stolze Gladbacher Borussia, die in der "Moorhuhn-Zeit" eine ihrer höchsten Niederlagen erlitt.

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Im Herbst 1998 wurden auch die "Fohlen" zu Moorhühnern, regelrecht abgeschossen von Bayer Leverkusen. Von der Anzeigetafel des Bökelbergs leuchtete ein 2:8, mehr Gegentore hatte die Borussia zuhause nie kassiert. Bei der 39. Auflage dieses Spiels ist am Samstag (ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) wohl nicht mit einem solchen Schützenfest zu rechnen, denn so weit auseinander wie damals werden die Klubs so schnell kaum noch liegen.

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Für die Statistiker war die Paarung stets von Interesse. Nie gab es eine längere Unentschiedenserie, gleich neun Mal in Folge teilten sich Borussia und Bayer auf dem Bökelberg die Punkte (1989-1997). Von daher lag ein Unentschieden in der Luft, als man sich am 30. Oktober 1998 wieder sah. Doch es kam anders, ganz anders – und doch nicht so überraschend.

Erstes Tor von Bayer Leverkusen nach 10 Minuten

Seit 1965 spielte die Borussia ununterbrochen in der Bundesliga und war zu einer Fußballmacht geworden. Die glanzvollen Meisterjahre aber waren längst Geschichte, als sich das Jahrtausend dem Ende neigte. 1998 rettete sie sich am letzten Spieltag vor dem Abstieg, in der neuen Saison ging es wieder in den Keller.

In jene Freitagabendpartie gegen Bayer Leverkusen, das ihr längst den Rang abgelaufen hatte und damals rein sportlich die Nummer 1 im Westen war, ging sie als Schlusslicht.

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Immerhin gab der Pokalsieg in Bochum unter der Woche neue Zuversicht, bezahlt allerdings mit den Verletzungen von Marcel Witeczek und Peter Wynhoff. Auch Stürmer Jörgen Pettersson fehlte, weshalb Trainer Friedel Rausch fatalistisch davon sprach, sich eben "zur Not einen Stürmer stricken" zu wollen.

Er zauberte den jungen Marco Villa (20) aus dem Hut, dessen Einsatz an diesem schwarzen Freitag allerdings schon nach elf Minuten beendet war (Innenbandriss im Knie). Es kam der unerfahrene Brasilianer Chiquinho. Vor dem Wechsel hatte der Stadionsprecher schon das erste Tor vermeldet, Ulf Kirsten überwand Robert Enke mit links - 0:1 (10.).

Die Moorhuhnjagd war eröffnet und Kirstens Torhunger noch lange nicht gestillt. Sein 0:2 (15.) führte zu ersten Auflösungserscheinungen beim Gastgeber, dem 25.500 abzüglich des Gästeblocks die Daumen drückten.

Ulf Kirsten (Bayer) - der dreifache Torschütze im Jubellauf ©

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Kirsten erinnerte sich noch zwei Jahrzehnte später gut an jene Partie: "An diesem Tag hat bei uns einfach alles gepasst. Wir sind schnell in Führung gegangen und haben das zweite und dritte nachgelegt, das Ding war früh gelaufen. Und die Gladbacher hatten damals einfach nicht so eine gefestigte Mannschaft. In der Woche drauf haben sie in Wolfsburg ja nochmal sieben Stück gekriegt." Nach dem 1:7 verlor Friedel Rausch seinen Job, besser wurde es nicht. Am Ende stand der erste Abstieg aus der Bundesliga.

Es war eben die desolateste Borussia der Bundesligageschichte, besonders an jenem Reformationstag 1998, als die Abwehr einem wilder (Moor-) Hühnerhaufen glich.

Kirsten und Co. nehmen Borussia Mönchengladbach auseinander

"Eine Mannschaft als solche war spätestens nach den ersten beiden Gegentoren nicht mehr erkennbar", analysierte der Kicker. Zumal sie immer weiter zerfiel, nach 17 Minuten humpelte auch Abwehrchef Patrick Andersson mit Knieprellung vom Platz, ersetzt vom jungen Marcel Ketelaer (20).

Nun spielte nur noch Bayer, das damals auf Platz drei hinter den beiden (!) Münchner Mannschaften FC Bayern und TSV 1860 lag. Der Brasilianer Zé Roberto (34.) und Kirsten per Elfmeter (39.), den Jungspund Sebastian Deisler verursachte, stellten den Pausenstand von 0:4 her. Das taktische Mittel, in der Pause einen frischen Mann zu bringen, war Rausch wegen der Verletzungen schon versagt, dann hätte er gar keine Option mehr gehabt. Andererseits war es an diesem Tag egal, die frisch kombinierenden Schützlinge von Kollege Christoph Daum spielten ohnehin in einer anderen Liga.

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Trotzdem: zwei Minuten nach Wiederanpfiff verkürzte Toni Polster auf 1:4. Wer da wieder hoffte, der hoffte nicht allzu lang. Bayer-Libero Jens Nowotny, der kurz mal überlegt hatte, mit der Borussia "Mitleid zu haben", entschied sich um und stellte die Anzeige per Kopfballtor auf 1:5 (52.). Dann kamen die Minuten des Jokers Thomas Reichenberger, seit der 53. für Kirsten im Spiel. Binnen 60 Sekunden erhöhte er auf 1:7 (59., 60.).

Bis heute zehrt Reichenberger von jenen für ihn bedeutenden Sekunden. Als er Kirsten neulich wieder mal traf, fing er gleich davon an: "Weißt Du noch, damals in Gladbach?" Es waren ja seine ersten von letztlich zwölf Bundesligatoren, ermöglicht von einer auseinanderfallenden Elf, gegen die jeder mal treffen durfte, der da wollte.

Robert Enke sitzt enttäuscht und fassungslos auf dem Rasen ©

Schließlich wagte sich sogar Sechser Niko Kovac mal nach vorne und erhöhte auf 1:8 (64.). Wo sollte das enden? Borussia hat in der Ligahistorie für vier zweistellige Resultate gesorgt, stets war sie Täter und nie Opfer. Würde es diesmal anders herum sein? Zum Glück aber hatte Bayer genug von der Moorhuhnjagd. "Hätte Leverkusen ernst gemacht, dann hätten wir noch fünf weitere Dinger kassiert", gab der bemitleidenswerte Torwart Robert Enke zu.

Einzigartiges Ergebnis zwischen Borussia und Bayer

Es war und ist trotzdem Rekord für den Bökelberg, auf dem die Bayern und Werder Bremen immerhin mal sieben Tore geschossen hatten. Während Bayer sich schonte, durfte Chiquinho noch ein Tor erzielen (68.).

Das machte den Fußballabend des 30. Oktober 1998 noch besonderer: in 17.591 Bundesligaspielen hat es bis zum heutigen Tag 74 verschiedene Ergebnisse gegeben, aber nur ein 2:8. Das erfanden Borussia und Bayer vor 22 Jahren und es ist immer noch einzigartig.

Zahlen lügen nicht: Leverkusen bezwingt Gladbach mit 8:2 auf des Gegners Platz
Zahlen lügen nicht: Leverkusen bezwingt Gladbach mit 8:2 auf des Gegners Platz © Imago

Für Friedel Rausch indes war es "die schlimmste und höchste Niederlage seit ich Trainer bin." Schlimm war auch die Borussen-Serie, die sich 1998 fortsetzte und erst 2015 (!) im neuen Stadion endete: 22 Spiele gab es kein Heimsieg gegen Leverkusen, auch das ist Bundesligarekord. Ulf Kirsten hat den Respekt vor den Fohlen aber nie verloren: "Also zu meiner Zeit waren das immer heiße Kämpfe, noch am alten Bökelberg - und es gab sehr viele Unentschieden und viele Tore. So ein 8:2 war für uns natürlich eine tolle Sache, aber es war die absolute Ausnahme."

In dieser Paarung schon, aber in der Saison darauf bei Aufsteiger Ulm gewann Bayer gar mit 9:1. Der Spitzname der Ulmer lautete "Die Spatzen" und nur wenige Beobachter konnten dem reizvollen Vergleich mit den Moorhühnern widerstehen.

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