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München - Borussia Dortmund droht in der Saison 1999/2000 der Abstieg. Udo Lattek und ein wichtiges Tor von Jürgen Kohler verhindern aber die Katastrophe.

Im Frühjahr 2000 brodelt es heftig bei Borussia Dortmund. Der Champions League-Gewinner von 1997 hat zwar noch fast alle Champions in seinen Reihen, spielt aber eine Saison zum Vergessen.

Nach Michael Skibbe im Januar muss Anfang April auch Bernd Krauss gehen und mit Udo Lattek, damals bereits 65, sitzt schon der dritte Trainer auf der Bank. Assistiert vom 32-jährigen Matthias Sammer.

Auch das Duo kann die längste Sieglosserie der Klubgeschichte (14 Spiele) zunächst nicht bremsen und so reist der BVB am 32. Spieltag als Fünfzehnter nach Stuttgart.

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Möller streitet sich mit Stevic

Waren es die Borussen es all die Jahre gewohnt, sich an den Bayern oder Leverkusen zu orientieren, schielen sie nun auf Aufsteiger SSV Ulm 46, der den ersten Abstiegsplatz belegt – mit einem Punkt Rückstand auf den BVB. In der Mannschaft hat die Katastrophensaison Spuren hinterlassen, Weltmeister Andy Möller streitet sich auf offener Bühne mit Miki Stevic um die Spielmacherrolle und in der Halbzeit des Bayern-Spiels (0:1) in der Vorwoche brüllt er: "Wenn ihr so weiter spielen wollt, dann wollt ihr sicher in die 2. Liga!" 

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Später entschuldigte er sich, er habe ja "niemanden persönlich gemeint".  

Kohler erinnert sich an "linke Typen"

Jürgen Kohler (55) erinnert sich im SPORT1-Gespräch an eine "brutale Saison" und an "linke Typen in der Mannschaft, von denen ich mir den einen oder anderen auch mal gepackt habe. Da wurde gelogen und es kamen auch viele Interna an die Öffentlichkeit".

Auch habe der Verein mit einigen Verpflichtungen daneben gelegen. Sauhaufen BVB! In dieser Gemengelage geht es also am 29. April 2000 zum VfB, der im Jahr zwei unter Ralf Rangnick selbst keine gute Saison spielt. 1998 noch Europacupfinalist, ist man nun Neunter mit minimalen Aussichten auf das internationale Geschäft.  

Kohler über Tor: "Lass den laufen, den Blindfisch"

Das Neckarstadion ist dennoch zu drei Vierteln gefüllt, 45.000 säumen die Ränge. Der VfB beginnt besser, Ioan Viorel Ganea vergibt schon nach drei Minuten die Führungschance, die Jürgen Kohler zunichte macht. Nach 27 Minuten ist Kohler dann auf der anderen Seite der Hauptdarsteller.

Als Manndecker 1990 Weltmeister geworden und der Prototyp dieser Fußballerspezies, schnappt er sich in der eigenen Hälfte den Ball. Er erzählt selbst: "Ich habe da einfach erkannt, dass viel Platz ist und die Stuttgarter haben sich wohl gedacht: 'Lass den laufen, den Blindfisch.' Nach Doppelpass mit Sergej Barbarez kam ich in den Strafraum, hab noch ein Zuspiel angetäuscht, wollte aber gleich in die kurze Ecke schießen und so kam es dann auch." Der Ball ist drin, und das noch mit dem schwächeren linken Fuß.

BVB belohnt sich für mutigen Auftritt

"Es war das wichtigste Tor meiner Bundesligakarriere", sagt er 21 Jahre danach nach kurzem Nachdenken. In dieser Karriere gab es immerhin 28 Tore, zuvor für Waldhof Mannheim, Köln und die Bayern. Aber nie musste er eine Mannschaft vor dem Abstieg retten. Bis zu jenem Tag in Stuttgart.

Zwar ist es nicht das entscheidende Tor, denn der VfB gleicht nach 47 Minuten durch Pablo Thiam aus. Aber ohne das Tor hätte Dortmund auch nicht gewonnen und allein schon, dass sie nach dieser langen Durststrecke wieder mal auf die Siegerstraße geraten sind, gibt der Lattek-Elf einen großen Schub.

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Sie verzeichnen ein Plus nach Ecken (9:3) und spielen nach dem Ausgleich keineswegs auf Unentschieden. Lattek wechselt zwei Stürmer ein: Heiko Herrlich und Giuseppe Reina. In den letzten 20 Minuten verzeichnet der kicker "eine deutliche Überlegenheit" der Gäste. Sie wird belohnt.

Lattek spricht vom "Urknall"

Der aktuelle Augsburg-Trainer Herrlich erweist sich als Glücksgriff und köpft in letzter Minute das 2:1. Dann pfeift Schiedsrichter Lutz-Michael Fröhlich ab und alle liegen sich in den Armen. Lattek spricht von "einem Urknall", der damalige Präsident Gerd Niebaum von einer "kleinen Reise durch die Hölle". Die nun glücklich beendet scheint, weil Ulm verloren hat.

Niebaum verweist noch auf letzte theoretische Zweifel, die der BVB schon in der Woche darauf (1:1 gegen Schalke) beseitigen wird.

Für Kohler ist schon damals alles klar, weshalb er seinem Tor nach 21 Jahren noch diese Bedeutung gibt. Am Spieltag selbst, erzählt er den Reportern, widmet er es Torwart Jens Lehmann, der in Verein und Nationalmannschaft gerade heftig in er Kritik steht. Lehmann ist gerührt: "Dafür muss ich mich bedanken." Kohler erklärt heute: "Da wollte ich ihm ein bisschen Auftrieb geben. Der Jens hatte eine schwierige Zeit hinter sich und war nicht überall beliebt. Er ist eben ein direkter Typ, einer wie ich. Ich mochte ihn."

Lattek rettet Dortmund

Direkt war auch der 2015 verstorbene Meistertrainer Lattek, dem Kohler ein gutes Zeugnis für seine mit einer Million DM entlohnte Rettungsmission ausstellt.

"Er hat medial den ganzen Druck von uns genommen, mit seiner ganzen Erfahrung. Er war weniger wichtiger auf dem Trainingsplatz, es war seine Art, mit jedem zu sprechen. Seine ganz besondere Aura."

So nimmt das Experiment, einen bereits seit acht Jahren im Ruhestand befindlichen Trainer als Feuerwehrmann einzusetzen, ein glückliches Ende. Übrigens an dem Ort, an dem der bisher einzige Dortmunder Abstieg perfekt gemacht worden ist. 1972 ging es nach einem 0:2 im Neckarstadion in die Regionalliga West, 4000 Zuschauer waren Zeuge des Trauerspiels. Aber damals hatten die Borussen auch keinen Lattek – und keinen Kohler. 

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