"Bizarre Diskussion!" Tuchel genervt von Journalist
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In der Ligue 1 läuft es für PSG und Thomas Tuchel nach Belieben. Nach dem enttäuschenden Start in der Champions League steht er trotzdem schon unter Druck.

Es lief bereits die 93. Spielminute. Ein letzter, verzweifelter Angriff der Hausherren gegen tief stehende Neapolitaner. Der Ball gelangt zu Julian Draxler, dann zu Angel Di Maria. Kurzer Kontakt mit dem rechten Fuß, unnachahmlicher Schlenzer mit dem linken ins lange Eck. Unhaltbar!

Erleichterung ja, Euphorie nein.

Der 2:2-Ausgleich in der wirklich allerletzten Spielminute ist eigentlich zu wenig für die gigantischen Ambitionen des Scheich-Klubs. Und auch zu wenig für den deutschen Trainer Thomas Tuchel.

Denn dieser wurde nur aus einem Grund in die glitzernde Weltmetropole geholt: Er soll die Franzosen endlich krönen. Mit dem Pokal, für den dieses Team um Neymar und Kylian Mbappe zusammengestellt wurde. Die Champions-League-Trophäe soll her. Am besten schon diese Saison.

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Das Problem mit der Ligue 1

Die französische Ligue 1 ist für PSG längst nur Zubrot, eine Art Pflichtaufgabe. Bei Fans, Verantwortlichen und den französischen Medien erreicht sie in der öffentlichen Wahrnehmung mittlerweile maximal den Stellenwert eines Warm-ups. Eine verschärfte Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen.

Fünf Mal in den letzten sechs Jahren konnten die Hauptstädter am Ende der Saison die Schale in die Höhe strecken, lediglich in der Spielzeit 2016/17 düpierte der AS Monaco mit einer Horde Youngster um Mbappe die Pariser Star-Truppe. Das französische Wunderkind wechselte anschließend zu Paris. Für 180 Millionen Euro.

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Auch in dieser Saison grüßt der Serienmeister wieder von ganz oben. Und das mit einer makellosen Bilanz: zehn Spiele, zehn Siege, bei 37 geschossenen Toren und lediglich sechs Gegentreffern - Startrekord! Es läuft sogar so gut, dass sich die Medien und Tuchel mit Nebenschaukriegsplätzen seines divenhaften Sturm-Trios auseinandersetzen können. PSG dominiert Frankreich nach Belieben. Im Vorbeigehen.

Problem für Thomas Tuchel: Das haben sie auch schon vor seiner Ankunft getan.

Tuchels Gradmesser ist die Champions League

Der klare Fokus der PSG-Verantwortlichen lautet Europa. Zu enttäuschend verliefen die letzten Spielzeiten in der Königsklasse. Zu kostspielig ist der Luxus-Kader. Und zu groß die Erwartungen der Marketing-Maschine PSG. Für die Champions League wurde sogar ein eigens designtes Trikot entworfen und mit ordentlich Tamtam vorgestellt.

Im vergangen Jahr war bereits im Achtelfinale Schluss, überhaupt überstand Paris Saint-Germain unter der Regie der katarischen Scheichs noch nie das Viertelfinale. Dass es die Auslosung dabei oft nicht sehr glücklich mit ihrem "Spielzeug" meinte, interessiert die Verantwortlichen dabei wohl kaum.

"Wir haben den besten Trainer der Welt", sagte Klub-Boss Nasser el Khelaifi nach dem fulminanten 5:0 gegen Amiens am fünften Spieltag. Der PSG-Boss gilt zwar als großer Befürworter des Deutschen, muss ihm aber auch öffentlich den Rücken stärken. Als international relativ unbeschriebenes Blatt wurde Tuchel im Sommer den erfolgshungrigen Fans präsentiert.

Sein Standing in der Öffentlichkeit scheint hervorragend. Schnell lernte er die Sprache und gibt sich als kommunikativer Stimmungsmacher im Umgang mit seinen Superstars. Noch!

Stimmung in den französischen Medien kippt

Denn der Gradmesser, das weiß der 45-Jährige selbst am besten, ist das erfolgreiche Abschneiden in der Champions Leauge. Und da kommt die Tuchel-Elf in den ersten drei Spielen sehr irdisch daher. Wenn man es wohlwollend ausdrücken möchte. "Teilweise blamabel" befand etwa die Zeitung Ouest France das Auftreten der Franzosen gegen Neapel.

"Nach diesem dritten Spieltag kann Paris sich glücklich schätzen, noch eine Chance auf das Achtelfinale zu haben", titelte die renommierte L'Equipe und attestierte dem Team "beunruhigende Schwächen" in der Defensive.

"Wir müssen uns taktisch verbessern, aber auch im Kopf", forderte Tuchel nach dem Spiel, fand aber auch keine passende Erklärung für den teilweise blutleeren Auftritt gegen ein gut eingestelltes Neapel.

Und der Druck ist ihm bereits anzumerken. Der zu Beginn noch bestens gelaunte Trainer reagierte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel durchaus dünnhäutig auf die Fragen der Journalisten. Und überraschte mit der Aussage, dass sein Team "nicht der Favorit" sei gegen die Mannschaft von Carlo Ancelotti. 

Endspiel im Hexenkessel San Paolo

Durch den Last-Minute-Ausgleichstreffer gegen Ancelottis Neapel wurde zumindest der GAU abgewendet. PSG steht trotzdem nur auf dem dritten Tabellenplatz der viel beschriebenen Todesgruppe C. Nach drei Spieltagen ist die Messe natürlich längst noch nicht gelesen, die Aufgaben werden dennoch nicht leichter. (SERVICE: Champions-League-Tabelle)

Bereits am nächsten Spieltag reist Tuchels Mannschaft nach Neapel. In den Hexenkessel von San Paolo. Es wird das erste Endspiel für den ehemaligen BVB-Trainer. Verliert seine Mannschaft auch das Gastspiel beim SSC, dürfte die Luft immer dünner werden. Und wie unangenehm ein Auswärtsspiel in Neapel ist, kann Tuchel bei Mainz-Buddy Jürgen Klopp erfragen. Dessen hoch favorisierter FC Liverpool musste am 2. Spieltag auch mit leeren Händen die Heimreise auf die Insel antreten.

Ein Aus in der Champions-League-Vorrunde wird für die ambitionierten Klub-Besitzer aus Katar schlichtweg nicht akzeptabel sein.

Dann wird sich auch "der beste Trainer der Welt" bald wieder einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen.

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