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Amsterdam - Gegen Ajax Amsterdam offenbart der FC Bayern erneut eklatante Defensiv-Schwächen, die nicht mehr höchsten Ansprüchen genügen. Niko Kovac muss Lösungen finden.

Ein oft zitiertes Fußballer-Sprichwort besagt: "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften."

Da die Defensive des FC Bayern in dieser Saison aber nicht mehr höchsten Ansprüchen zu genügen scheint, wird man in München - Stand jetzt - wohl weder den Meistertitel feiern, noch allzu weit in Europa kommen.  

Die Münchner haben durch das 3:3 bei Ajax Amsterdam zwar das Achtelfinale der Königsklasse erreicht - vor allem die Abwehrleistung der Münchner war aber alles andere als titelreif. (DATENCENTER Champions League)

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In der Offensive sind die Bayern mittlerweile deutlich kreativer, den Abwehrverbund bekommt Trainer Niko Kovac aber nicht in den Griff. Noch immer ist er in den entscheidenden Momenten schlichtweg zu passiv und fehlerhaft. 

"Es waren dumme Gegentore, die wir hätten vermeiden müssen”, erklärte Niklas Süle am Mittwochabend folgerichtig. 

Bayern kassiert drei unnötige Gegentore 

Wie das 1:1 durch Dusan Tadic (61.): Jerome Boateng rückte unnötig und obendrein zum falschen Zeitpunkt aus der Viererkette heraus, Süle verschränkte hinter dem Rücken die Arme und blieb gegen Danny van de Beek viel zu passiv. Manuel Neuer konnte den Pass in der Mitte nicht abfangen und Tadic musste nur noch einschieben, weil Rafinha nur Zuschauer blieb. 

Ähnlich das 2:1 für Ajax: Der eingewechselte Kasper Dolberg kam halblinks im Strafraum an den Ball, bewegte sich aber vom Tor weg und nicht in Richtung Manuel Neuer. Boateng rauschte dennoch heran und fällte den Ajax-Stürmer. Den folgerichtigen Elfmeter verwandelte Tadic staubtrocken (82.) - Neuer blieb nahezu regungslos auf der Linie stehen. Boateng hinterher selbstkritisch: "Beim Elfmeter komme ich einen Schritt zu spät. Das geht auf mich. Danach kommen wir sehr gut zurück, aber das 3:3 darf am Ende so nicht fallen."

Allerdings war Boateng auch an diesem Gegentreffer beteiligt. Einen hoch geschlagenen Freistoß in den Strafraum schätzte er falsch ein, sprang unter dem Ball durch, dieser gelangte dadurch erst zu Klaas-Jan Huntelaar. Pass in die Mitte, Neuer erwischte den Ball erneut nicht und Süle grätschte bedrängt von Nicolas Tagliafico ins eigene Tor (90.+5). "Das letzte Tor war vollkommen unnötig. Das ist klar", klagte Süle.

Die erschreckende Bayern-Bilanz: Elf Gegentore in den vergangenen sechs Spielen. Dabei betont Kovac regelmäßig, dass das Verteidigen "das Einfachste" sei.  

Boateng: "Niki und ich verstehen uns gut"

Auffällig: In fünf dieser sechs Partien hieß das Innenverteidiger-Duo Süle/Boateng. Den erneuten Verzicht auf Mats Hummels, der nunmehr seit vier Spielen ohne Einsatz ist, begründete Kovac vor dem Ajax-Spiel damit, dass dessen Kontrahenten zuletzt hinten "gut" agiert und sich ergänzt hätten - sie ebenso gut verschoben und gut miteinander gesprochen hätten. Deswegen wollte der Trainer in der Innenverteidigung "erst mal nichts ändern". Nun aber sah das Duo erneut alles andere als glücklich aus. 

"Niki (Niklas Süle, Anm. d. Red.) und ich verstehen uns gut auf dem Platz. Aber insgesamt ist es egal, ob Mats oder ich oder Niki spielen. Wir alle drei können gut zusammenspielen", betonte Boateng später. Der Nationalspieler musste aber auch einsehen, dass die drei Gegentore "natürlich nicht positiv" seien. Jedoch stellte der 30-Jährige auch klar, dass man vorne "sechs Tore" hätte schießen können. Damit hatte er zwar nicht ganz Unrecht - die Defensiv-Probleme löst das aber nicht.

Fakt ist, dass die Qualität in der Bayern-Defensive höchsten Ansprüchen nicht (mehr) genügt. Drei Gegentore gegen Borussia Dortmund, drei gegen Fortuna Düsseldorf und nun auch drei gegen Amsterdam. Gegen die Holländer rannte die Kovac-Elf im Vergleich jedoch nicht ins offene Verderben oder ließ sich auskontern. Die Bayern agierten tiefer gegen die pfeilschnelle Ajax-Offensive. Besser wurde es dadurch aber auch nicht. 

Auch Rechtsverteidiger Rafinha, der seit vier Spielen davon profitiert, dass Joshua Kimmich im defensiven Mittelfeld spielt, war gegen Ajax ein Unsicherheitsfaktor (SPORT1-Note 5).

Für die Bundesliga mag es gegen Gegner wie den 1. FC Nürnberg reichen, gegen Amsterdam aber bekam der 33-Jährige, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, seine Grenzen aufgezeigt. Auch die linke Seite von David Alaba wirkte alles andere als sattelfest. 

Süle: "Herr Kovac belohnt Leistung"

Stellt Kovac nun um? "Man muss jede Woche seine Leistung bringen. Vor allem auch im Training", sagte Süle zur Personal-Entscheidung seines Trainers. "Herr Kovac ist auch ein Mann, der das mit Leistung belohnt. Wir haben das die letzten Spiele sehr gut gemacht, deswegen haben wir auch wenig bis gar nicht gewechselt. Man muss bei Bayern aber jede Woche seine Leistung bringen, sonst bist du ganz schnell wieder auf der Bank oder auf der Tribüne, weil wir 21 Topspieler haben."

Kovac erklärte die Rotation zwar vorerst für beendet und kündigte an, nur noch im Notfall größere Veränderungen vornehmen zu wollen. Bewertet er nach dem erneuten Defensiv-Desaster jedoch gemäß dem Leistungsprinzip, müsste er bereits beim kommenden Auswärtsspiel in Hannover Änderungen vornehmen.

Eine Option: Kimmich statt Rafinha hinten rechts, wodurch Thiago zurück ins Mittelfeldzentrum rücken könnte. In der Innenverteidigung könnte Boateng für Hummels weichen. 

Bayern auf der Suche nach Verstärkungen

Bekannt ist zudem, dass die Bayern sich längst auf dem Transfermarkt nach Verstärkungen umschauen - auch in der Defensive. Kovac betonte zwar erst am Dienstag, dass für ihn ein vorzeitiger Kauf von Verteidiger Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart keinen Sinn ergebe, weil mit Süle, Boateng und Hummels bereits drei Innenverteidiger im Kader stünden, und der derzeit nicht beachtete Javi Martinez für die Position ebenfalls in Frage käme.

Schafft es Kovac allerdings nicht, sein Team mit dem vorhandenen Personal defensiv endlich sattelfest zu machen, könnte zumindest in der Champions League schneller Schluss sein, als den Bayern lieb ist. Schließlich drohen im Achtelfinale Offensiv-Kaliber wie Liverpool, Atletico Madrid oder Tottenham Hotspur.

"Im Achtelfinale gibt es keine Gurkentruppen mehr", erklärte Süle auf SPORT1-Nachfrage und fügte hinzu: "Jetzt kommt vielleicht ein schwieriger Gegner. Aber ich glaube, wir schaffen das."

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