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München - Nach Niko Kovac stärken die Bayern-Bosse nun auch Hasan Salihamidzic zunehmend. Der Sportdirektor wird mittlerweile anders wahrgenommen - dank bewusster Maßnahmen.

Im Rücken von Uli Hoeneß stahl sich Hasan Salihamidzic davon, als der Präsident gerade dabei war, seinen FC Bayern in Alarmbereitschaft zu versetzen. Wenige Minuten zuvor hatten die Münchner beim 3:3 gegen Düsseldorf eine gefühlte Niederlage erlebt. Sie befanden sich auf dem Höhepunkt ihrer sportlichen Krise.

Während Hoeneß ankündigte, alles auf den "Prüfstand" stellen zu wollen und auch Trainer Niko Kovac indirekt anschoss, war vom Sportdirektor nichts zu hören. Die erste Reihe nahm Hoeneß für sich ein.

Nun aber, rund drei Wochen später, ist die Rollenverteilung bei den Münchnern eine andere: Fortan steht Salihamidzic an vorderster Front.

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Fast schon plakativ überließ ihm Karl-Heinz Rummenigge am Dienstagmorgen vor der Reise zum letzten Gruppenspiel in der Champions League bei Ajax Amsterdam die große Bühne. Salihamidzic sprach erstmals am Flughafen vor den rund 30 anwesenden Journalisten, während der Bayern-Boss einen Termin in der Allianz Arena wahrnahm. (Champions League: Ajax Amsterdam - FC Bayern, Mittwoch ab 21 Uhr im LIVETICKER)

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Rummenigge: "Er soll sich profilieren"

"Karl-Heinz Rummenigge hat mir gesagt, dass er mir die Rolle übertragen möchte. Dieser stelle ich mich gern", erklärte Salihamidzic auf SPORT1-Nachfrage und fügte hinzu, dass dies wohl auch zukünftig der Fall sei.

Was wie eine inszenierte Beförderung des Sportdirektors wirkte, ist vielmehr eine längst notwendige Maßnahme, um ihn zu stärken. Nicht umsonst erklärte Rummenigge diese Maßnahme damit, dass sich Salihamidzic zukünftig ein "Stück profilieren soll und auch muss".

Vielfach wurde er in der Vergangenheit ob seiner nicht vorhandenen medialen Präsenz kritisiert. Hoeneß und Rummenigge entging das nicht. Aber sie müssen sich ankreiden lassen, selbst einiges dafür getan zu haben, dass der 41-Jährige derart schwach wahrgenommen wird. Etwa auf ihrer legendären Krawall-PK, als die Bosse mit Medien und Kritikern abrechneten, Salihamidzic indes neben ihnen saß und wie eine Randfigur wirkte - aber nicht wie ein starker Sportdirektor.

Das soll sich fortan ändern. Sein Auftritt am Dienstagmorgen ist dafür stellvertretend. Salihamidzic traf klare Aussagen und verzichtete weitgehend auf leere Worthülsen. Er wirkte schlichtweg sicherer, selbstbewusster und besser vorbereitet als sonst.

Salihamidzic gibt selbstbewusstes Interview

Bereits am Wochenende hatte er mit einem Interview in der Welt am Sonntag aufhorchen lassen.

"In meiner bisherigen Arbeit habe ich wahrscheinlich mehr bewegt als meine Vorgänger in ihrer gesamten Amtszeit beim FC Bayern", hatte Salihamidzic darin erklärt, um auf SPORT1-Nachfrage klarzustellen, dass er damit niemanden habe angreifen wollen - also weder seinen direkten Vorgänger Matthias Sammer, der 2016 aus gesundheitlichen Gründen als Sportvorstand zurücktrat, noch Christian Nerlinger, die er beide "sehr schätze".

Vielmehr habe er darauf hinweisen wollen, um "wie viel umfangreicher" seine Aufgaben im Vergleich zu seinen Vorgängern seien.

"Ich habe das Bewusstsein wecken wollen, dass die Leistung eines Managers nicht nur an der Anzahl der Worte, die er nach außen sagt, bemessen werden soll. Sondern daran, wie er nach innen arbeitet, was er im Verein macht, wie viele Verträge er verhandelt, welche Trainer er verpflichtet, und welche Strukturen er schafft, die der Mannschaft und dem Verein helfen", erklärte er am Dienstag in München.

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"Brazzo" plant den Umbruch

Was aber genau sind die Aufgaben von Salihamidzic?

Er soll als Bindeglied zwischen Mannschaft, Trainer und den Bossen agieren, dazu die Jugendarbeit fördern. Als Sportdirektor ist er auch hauptverantwortlich für die Kaderplanung der Bayern. Regelmäßig tauscht er sich daher mit Chefscout Marco Neppe aus und hält Rücksprache mit den Bossen.

Schließlich steht bei den Bayern spätestens im Sommer der große Umbruch an. Rummenigge traut ihm diese Mammutaufgabe zu: "Die Dinge, die er vorbereitet, sind sehr klug und lassen uns ziemlich entspannt in die Zukunft schauen. Unser Sportdirektor arbeitet im Moment mit Volldampf an der Zukunft."

Salihamidzic wird sich an den nächsten Personalentscheidungen messen lassen müssen. Winter-Neuzugang und Kanada-Talent Alphonso Davies (18) verpflichtete er nahezu in Eigenregie - für rund 19 Millionen Euro inklusive möglicher Bonuszahlungen. Was Davies wirklich drauf hat, wird sich aber erst noch herausstellen.

Zwei Spieler, die er auch im Blick hat, sieht Salihamidzic am Mittwochabend live: Die Ajax-Juwele Frenkie de Jong (21) und Matthijs de Ligt (19). Mindestens einen davon will er im Sommer zum Rekordmeister lotsen.

Auch mit seiner persönlichen Zukunft sieht sich der frühere Mittelfeldspieler zunehmend konfrontiert. Nicht wenige rechneten damit, dass auch sein Schicksal hätte besiegelt sein können, wäre Kovac nach dem Düsseldorf-Remis nicht wieder in die Erfolgsspur gelangt.

Salihamidzic ließ sich davon öffentlich nicht beirren, ebenso wenig wie von Hoeneß' Bestätigung, sich mit Oliver Kahn als möglicher Besetzung eines Vorstandspostens auseinandersetzen zu wollen.

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"Mit Olli zusammenzuarbeiten, kann ich mir natürlich vorstellen. Aber für mich kommt es überhaupt nicht infrage, unter einem Sportvorstand zu arbeiten", sagte Salihamidzic in der Welt am Sonntag deutlich. Soll heißen: "Brazzo" (das Bürschchen) bedient sich fortan auch der "Abteilung Attacke".

Hoeneß: "Er ist der richtige Mann"

Seine Ansage lässt durchblicken, dass Salihamidzic seine eigene Beförderung nicht als utopisch ansieht, denn für eben jene Rolle als Sportvorstand sei er "offen". Zumal Kahn vor allem als möglicher Nachfolger für den Posten des Vorstandsvorsitzenden in Frage käme, sollte Rummenigge in dieser Position vielleicht schon 2019, spätestens 2021 aufhören.

Dass Hoeneß und Rummenigge nach dem Vertrauensvorschuss für Niko Kovac nun auch Salihamidzic zunehmend stärken, ist nicht zu übersehen. Im Gespräch mit SPORT1 bestätigt Hoeneß diesen Eindruck: "Wir haben immer gesagt, dass er der richtige Mann ist - und daran hat sich nichts geändert."

Kurz zuvor hatte Hoeneß übrigens als erster das Flughafen-Terminal 2 erreicht. Den Medien ging er aus dem Weg, indem er schnellen Schrittes hinter der Interview-Wand entlangging. Die erste Reihe war diesmal Salihamidzic vorbehalten.

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