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München - Vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League zwischen dem FC Bayern und dem FC Liverpool spricht Ex-Reds-Profi Karl-Heinz Riedle bei SPORT1 über das Duell.

Karl-Heinz Riedle weiß, wovon er spricht, wenn es um die Champions League geht.

1997 gewann er den Henkelpott mit Borussia Dortmund. Es war der krönende Abschluss seiner Zeit bei den Schwarz-Gelben (1993 bis 1997). Danach wechselte der heute 53-Jährige zum FC Liverpool

Vor dem Achtelfinal-Rückspiel zwischen dem FC Bayern und den Reds (Champions-League-Achtelfinale: FC Bayern - FC Liverpool, Mi., ab 21 Uhr im LIVETICKERalle Infos dazu auch ab 20 Uhr im Fantalk im TV auf SPORT1) spricht Riedle im SPORT1-Interview über Liverpool, Jürgen Klopp, Roberto Firmino - und die Tor-Blockade von Robert Lewandowski in K.o.-Spielen.

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"Liverpool ist immer in der Lage, auswärts ein Tor zu erzielen"

SPORT1: Herr Riedle, wie sehr schauen Sie noch auf die Reds und wie ist Ihre emotionale Bindung zum Klub?

Karl-Heinz Riedle: Eine Verbundenheit besteht natürlich. Seit Jürgen Klopp dort übernommen hat, habe ich den Klub wieder intensiver verfolgt. Ich hatte immer wieder Kontakt zum Verein, vor allem auch bei Auswärtsspielen. Ich bin natürlich nicht so involviert wie bei meinem anderen Ex-Klub Borussia Dortmund, da schaue ich mir immer alle Spiele an. Und da bin ich noch sehr nah dran. Aber die Reds sind für mich schon immer noch sehr wichtig. Ich erinnere mich gerne an meine Zeit dort zurück.

SPORT1: Wie sehen Sie die Machtverhältnisse vor dem Rückspiel am Mittwoch?

Riedle: Ich denke, es ist völlig ausgeglichen. 50:50 für beide Mannschaften. Liverpool ist definitiv nicht in der besseren Position. Die Bayern sind in der Liga zurück in der Spur und spielen wieder stark. Aber Liverpool ist immer in der Lage, auswärts ein Tor zu erzielen. Obwohl die internationale Statistik dieses Jahr nicht berauschend war. Aber bei K.o.-Spielen bedeutet das nicht unbedingt viel. Sie haben mit Sicherheit eine tolle Mannschaft und können sehr gefährlich werden. Auch in Auswärtsspielen. Es wird ein offenes und sehr interessantes Duell.

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SPORT1: Drücken Sie den Reds mehr die Daumen, weil Sie dort gespielt haben?

Riedle: (schmunzelt) Schwierig. Für Bayern ist es für die Fünfjahreswertung schon wichtig, als deutscher Verein im Turnier zu bleiben. Natürlich schlägt mein Herz für Liverpool, dort hatte ich zwei schöne Jahre. Ich freue mich auf das Spiel.

SPORT1: Liverpool kann aufgrund der gezeigten Leistungen in den vergangenen Wochen nicht unbedingt euphorisiert nach München fahren.

Riedle: Das stimmt. Sie haben auch am Wochenende gegen Burnley wieder zwei Gegentore kassiert. In der Vorrunde war Liverpool viel stärker. Da war man schon sehr stabil. Auch im vergangenen Jahr war der eine oder andere Spieler noch in besserer Verfassung. So etwas ist aber relativ schnell vergessen, wenn es dann an die ganz großen Spiele geht. Da entscheidet einfach die Tagesform. Die Spieler sind gut genug und können auch in einem Spiel, bei dem es darauf ankommt, den Schalter umlegen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir ein anderes Liverpool sehen werden, wie zuletzt in der Champions League gegen Belgrad oder Neapel.

SPORT1: Liverpool hatte nun einen Tag weniger Pause als die Bayern. Darüber war Klopp nicht erfreut. Können Sie ihn da verstehen?

Riedle: Absolut. Das ist natürlich ein Manko. Ein ganzer Tag macht heute im Profifußball natürlich viel aus. Die Regeneration ist enorm wichtig, gerade in diesen Wochen. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, dass Jürgen Klopp da sauer ist, wenn die Bayern einen Tag mehr an Vorbereitung haben.

"Wenn Jürgen wählen könnte ...": Riedle über Klopp

SPORT1: Das Hinspiel zwischen beiden Mannschaften endete 0:0. Klopp bezeichnete das als gar kein so schlechtes Ergebnis. Wie beurteilen Sie es?

Riedle: Das kann ich nur bestätigen, es ist ein gutes Ergebnis. Egal wie das Spiel am Mittwoch läuft, die Bayern müssen auf alle Fälle mehr machen als im Hinspiel, wenn Sie weiterkommen wollen. Sie müssen ein Tor machen. In Liverpool haben sie alles daran gesetzt, kein Tor zu bekommen. Das ist ihnen gelungen. Liverpool weiß aber auch, wenn man weiterkommen will, dass irgendwann im Spiel auch ein Tor her muss. Eine hochspannende Situation. Die Reds sind stark genug und haben mit die beste Offensive, die es gibt auf der Welt. Und sie sind immer für ein Auswärtstor gut. Und wenn sie ein Tor erzielen sollten, dann sind sie weiter. Deshalb ist die Einschätzung von Jürgen Klopp absolut richtig. Aber natürlich hat Bayern den Heimvorteil. Wenn man die Statistik in den vergangenen Jahren anschaut, sind die Bayern die letzten acht bis neun Jahre nie gegen eine englische Mannschaft ausgeschieden. Das spricht wieder für sie.

SPORT1: Ist es für Jürgen Klopp eines der wichtigsten Spiele in seiner Trainerkarriere?

Riedle: Mit Sicherheit. Das Champions-League-Finale, das er mit dem BVB gegen die Bayern leider verloren hat, war das wichtigste Spiel für ihn. Diese Partie am Mittwoch ist auch extrem wichtig für Klopp. Champions League ist die Königsdisziplin, das ist ganz klar. Aber ich glaube, wenn Jürgen wählen könnte zwischen dem Gewinn des Henkelpotts und dem englischen Titel, dann würde er immer die Premier League wählen. Das hat für die Engländer einfach immer noch einen höheren Stellenwert.

SPORT1: Die Bayern sind seit dem Wochenende wieder Tabellenführer in der Bundesliga, wenn auch nur aufgrund des Torverhältnisses. Ist es momentan gefährlich gegen sie zu spielen, da sie wieder aus der Krise sind und auch durch Joachim Löw angestachelt wurden?

Riedle: Ich weiß nicht, ob die Leistungssteigerung durch Jogi Löw kam. Fakt ist, dass Bayern seit Wochen wieder in der Spur ist und kein Spiel verloren hat. Sie haben die Stärke und in den zurückliegenden Jahren sieben Mal die Meisterschaft gewonnen. Auch auf internationalem Parkett waren Sie eigentlich immer stark. Man muss mit den Münchnern definitiv wieder rechnen. Anders als in der Vorrunde, in der viele Leute sie bereits abgeschrieben hatten. Das war auch nicht das Bayern der letzten Jahre!

Riedle: "Es war verdammt eng für Kovac"

SPORT1: Wie beurteilen Sie Niko Kovac nach seiner ersten Krise im Herbst?

Riedle: Er hat das sehr gut gemacht, ist immer ruhig geblieben. Es war auch für ihn eine kritische Zeit und er wusste, dass er nicht mehr viel verlieren durfte. Es war verdammt eng für Kovac. Aber er hat das sehr souverän gemacht. Und jetzt im Moment schaut es wieder sehr gut aus für Bayern. Die alte Souveränität ist zurück. Auch das Selbstverständnis, Spiele zu gewinnen. Liverpool muss höllisch aufpassen.

SPORT1: Robert Lewandowski ist der beste Torschütze der Champions League. Allerdings traf er zuletzt in K.o.-Spielen nicht. Gibt es dafür eine Erklärung?

Riedle: Die gibt es nicht. Es ist mir auch ein Rätsel. Lewandowski ist unbestritten der beste Stürmer auf der Welt. Da macht ihm keiner etwas vor. Da gibt es auch keine gegenteilige Meinung. Es liegt definitiv nicht an seiner Qualität, dass er in K.o.-Spielen nicht trifft, es ist eher Zufall. Vielleicht straft er uns jetzt alle Lügen.

SPORT1: Liverpools Zentrale ist zu ungefährlich, nur sechs der 68 Ligatreffer gehen auf das Konto von Mittelfeldspielern. Sind die Reds zu berechenbar?

Riedle: Das werden wir nach dem Spiel wissen. Ich glaube das nicht. Sie leben von ihrer Offensive mit Sadio Mane, Roberto Firmino und Mohamed Salah, das ist schon die Königsdisziplin. Die Drei sind richtig stark. Sie sind schon variabel genug. Sie dominieren das Spiel der Reds, denn Jordan Henderson ist kein Spieler, der jetzt unbedingt torgefährlich ist, aber natürlich viel abläuft.

SPORT1: Wie sehen Sie Roberto Firmino?

Riedle: Er ist ein grandioser Spieler, hat bei den Reds auf jeden Fall noch mal einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Er war schon in Hoffenheim sehr stark, aber seit er in England spielt, zeigt er nicht nur, dass er torgefährlich ist, sondern ist auch spielerisch absolut top. Firmino bringt seine Mitspieler in beste Positionen mit sehr kreativen und intelligenten Laufwegen. Er ist ein sehr kompletter Spieler, den Bayern nicht aus den Augen verlieren darf.

SPORT1: Wäre ein Ausscheiden aus der Champions League für Klopp zu verkraften?

Riedle: Gegen die Bayern ein Spiel im Achtelfinale zu verlieren, ist immer möglich. Es ist wirklich schwer zu sagen, ob sich Klopp da einen Kratzer holen würde. Klopp will und braucht einen Titel mit den Reds. Wenn er das Spiel am Mittwoch verlieren sollte und dann aber englischer Meister werden würde, wäre das gar kein Problem. Wenn er aber am Mittwoch verlieren würde und dann auch die Meisterschaft bei diesem komfortablen Punkte-Vorsprung, den sie schon hatten, dann wäre es sicher eine große Enttäuschung für alle Fans von LFC. Mein Tipp: 1:1. Damit wären die Bayern leider raus.

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