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Die Champions-League-Reform soll mehr Spiele und damit mehr Geld bringen: Pit Gottschalk beleuchtet in seiner Kolumne, wie der Fußball ausgepresst wird.

Alle Fußballfans, die eine Rückkehr zur guten alten Bundesliga-Berichterstattung mit festen Anstoßzeiten und Sportschau-Atmosphäre fordern, können ihren Protest einstellen. Die junge Generation liebt das zersplitterte Fußball-Angebot: 4,52 Stunden pro Spieltag schauen die 10- bis 22-Jährigen, wie die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in ihrer jüngsten Studie ermittelte.

Fans aus der Generation Z konsumieren den Spieltag damit fast eine Stunde länger als diejenigen, die zwischen 1965 und 1980 (Generation X) sowie zwischen 1946 und 1964 (Baby-Boomer) geboren sind. Apps, Fernsehen, Websites - und am besten alles gleichzeitig: So schauen die Teenager und Twens heutzutage Fußball. Jeder zehnte nutzt zum Bundesliga-Gucken ein Handy.

Als 50-Jähriger kann man sich über das aufkommende Nutzungsverhalten mokieren. Hilft nur nichts: Was beim Generationswechsel gerade passiert, ist erstens Realität und zweitens wichtig zu wissen, wenn man die Top-Funktionäre des Weltfußballs über ihre Reformpläne zur Champions League diskutieren hört. Die interessiert nicht, was den Fußball groß gemacht hat.

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Lieber Neymar als der FC Porto

Ihre Pläne zielen auf die Zukunft, genauer: auf die Geldvermehrung in der Zukunft. Weltweit dürfte das Nutzerverhalten noch radikaler auf das Smartphone ausgerichtet sein als im konservativen Deutschland, wo noch immer 350 Tageszeitungen Fußballresultate ins Haus bringen und der Videotext im Fernsehgerät eine geschätzte Nachrichtenquelle bleibt.

Die Bundesliga-Studie weckt eine Vorahnung, wohin die Reise geht:

• Die jüngeren Fußballfans wollen kürzere und kurzweilige Medienformate.
• Ein ganzes Fußballspiel von An- bis Schlusspfiff wird seltener geschaut.
• Konferenz-Reportagen werden gegenüber Einzelübertragungen bevorzugt.
• Der Schwerpunkt liegt auf persönliche Interessen, zum Beispiel auf Stars.
• Erwartet werden Zusatzinformationen wie Extra-Spielszenen und Spieldaten.

Mit diesem Hintergrundwissen ergibt es plötzlich einen Sinn, wenn Uefa-Präsident Aleksander Ceferin ein Europacup-System entwickeln lässt, das die Dramatik eines K.o.-Spiels ausschaltet und Gruppenspiele en masse produziert. The new Kids on the Blog brauchen ständig und am besten pausenlos Augenfutter aufs Handy. Und lieber Neymar als FC Porto.

Top-Teams sollen am Start sein

An Neymar kann man die Uefa-Haltung wunderbar darstellen. Dass der Brasilianer mit Paris Saint-Germain im Achtelfinale rausflog, ist eine Katastrophe für die Champions League. Die nächsten drei Runden finden ohne den Weltstar statt. In einer Gruppenphase wäre das nicht passiert: Nach seiner Genesung wäre Neymar noch ein paar Mal übertragen worden.

Der Wertverlust bei internationalen Spielen ohne Superstar lässt sich konkret in Zahlen ausdrücken. Marokko wollte Argentinien das Honorar um eine halbe Mio. Euro kürzen, weil das Gastspiel diese Woche ohne den verletzten Lionel Messi stattfand. Ein Champions-League-Viertelfinale mit Porto statt Neymar verliert in noch größerer Dimension an Attraktivität.

Längst geht es nicht mehr um den einen magischen Moment, der einen Underdog zum Heldentag gegen Favoriten führt. Die Serienproduktion von Spielen schickt die besten Spieler auf die Bühne, damit die Dauerbespielung des Handys maximale Reichweite aufrechterhält. Fifa-Präsident Infantino will sein Sommerloch stopfen, der Uefa-Kollege Stars im Wettbewerb halten.

Man kann überall beobachten, wie das Rad beim Fußball überdreht wird. Erweiterung auf 48 WM-Teilnehmer. Längere Gruppenphase im Europacup. Klub-WM mit 24 Mannschaften. Erschließung neuer Fußballmärkte im Mittleren und Fernen Osten. 60 Pflichtspiele hat Thomas Müller jährlich seit 2009 absolviert. Ein Dutzend mehr als Franz Beckenbauer zu seiner Zeit.

Endlosschleife mit Weltstars

Die neue Champions League muss nicht Super League heißen, um das Gebilde durch Auf- und Abstiegsregelungen, Bevorzugung mittels Uefa-Ranking und Setzlisten sowie mit ausgeweiteten Gruppenphasen zunächst prominent zu besetzen und danach gegen Betriebsunfälle, wie sie häufiger in einem K.o.-System passieren können, zu schützen.

Andrea Agnelli, Präsident der Klubvereinigung ECA, erlebt bei seinem Klub Juventus Turin, worauf es ankommt: Er muss alle Geldquellen erschließen, um die Betriebskosten, die sein größter Spieler Cristiano Ronaldo verursacht, zu refinanzieren. Darum geht’s: um eine betriebswirtschaftliche Betrachtung von Konsumverhalten in veränderter Marktsituation.

Der Fußball, wie man ihn kennt, verliert dadurch sein Unkalkulierbares und kommt der Playstation-Systematik ein Stück näher: Drücken wir halt auf Neustart, wenn das eine Spiel verloren geht - Neymar bekommt dann seine neue Chance. Die Endlosschleife mit Weltstars, Spieldaten und Torszenen kommt dem Nutzungsverhalten der jungen Generation entgegen.

Dass der Sport Schaden nimmt: Sei's drum.

ZUR PERSON

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Ehemals Chefredakteur von Sport Bild in Hamburg und bei Funke Sport in Essen. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hierhttp://newsletter.pitgottschalk.de

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