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Madrid und München - Real Madrid scheitert krachend im Achtelfinale der Champions League, es war auch der Abgesang auf eine goldene Generation. Ein Neuanfang wird schwierig.

Wie in Bronze gegossen erstarrte Santiago Solari nach dem Schlusspfiff im Estadio Santiago Bernabeu.

Minutenlang verharrte der Coach von Real Madrid, die linke Hand in die Hüfte gestemmt, regungslos vor der Trainerbank und beobachtete die ausgelassen feiernden Youngster von Ajax Amsterdam. Ein surreales Bild - fast so unbegreiflich wie das, was Solaris Mannschaft in den gut 96 Minuten zuvor abgeliefert hatte.

Doch das Resultat von 1:4 auf der Anzeigetafel führte allen Madridistas die bittere Realität vor Augen: Real ist raus! Der Titelverteidiger verabschiedet sich krachend aus der Königsklasse. Im Achtelfinale. Seit 2010 kamen die Königlichen immer mindestens bis ins Halbfinale, viermal holten sie seither den Henkelpott. Europas Triumphator ist nach 1011 Tagen entthront.

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Vom "demütigenden Ende eines unwiederholbaren Zyklus'", schrieb die Marca - und kündigte bereits die Folgen der Götterdämmerung an: "Nach dem Fehlschlag des Jahrhunderts werden Köpfe rollen."

Solari denkt nicht an Aufgabe

Solari, der schließlich doch irgendwann seine regungslose Haltung am Spielfeldrand aufgab, schloss später auf der Pressekonferenz einen eigenen Rücktritt aus.

"Ich bin nicht hierhergekommen und habe den Klub in einer schwierigen Phase übernommen, um aufzugeben", sagte der 42-Jährige.

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Der Nachfolger des Ende Oktober entlassenen Julen Lopetegui hatte die Mannschaft zwar zwischenzeitlich stabilisiert, doch das Aus in der Königsklasse hat letztlich er mit zu verantworten. Zumal es in eine für Real fatale Woche fällt, in der in den Clasicos in der Copa del Rey und La Liga gegen den Erzrivalen FC Barcelona praktisch alle Titelchancen verspielt wurden.

Solaris Zukunft über die Saison hinaus ist nicht erst seit dem Scheitern am Dienstagabend ungewiss. Zuletzt hatte Ex-Trainer Jose Mourinho öffentlich seine Hilfe angeboten, sein Verhältnis zu Klub-Boss Florentino Perez gilt nach wie vor als gut.

Fans fordern Perez' Rücktritt

Aber wie steht es um den Präsidenten selbst? Als sich das Debakel gegen Ajax Amsterdam immer deutlicher abzeichnete und sich das Bernabeu sichtlich leerte, schallten "Florentino, demision!"-Sprechchöre durch die Arena. Ob Präsident Perez, dessen Amtszeit noch bis 2021 läuft, die Fans mit ihrer Rücktrittsaufforderung beim Wort nimmt, ist allerdings fraglich.

Doch die Unzufriedenheit der Anhänger ist offensichtlich. Sie entlud sich hörbar schon in der ersten Halbzeit. Als Gareth Bale nach etwa einer halben Stunde den verletzten Lucas Vazquez ersetzte, wurde er mit Pfiffen von den Rängen empfangen.

Es war die Quittung für die massive Kritik seines Beraters an den Fans. Der 2013 für die damalige Rekordsumme von 100,8 Millionen Euro verpflichtete Waliser ist zum Sündenbock und Sinnbild des Niedergangs geworden, neun Monate nachdem er Real mit einem Doppelpack im Finale zum Titel-Hattrick in der Champions League geführt hatte.

Und so bleibt die letzte, kläglich vergebene Großchance von diesem Abschied aus der Königsklasse in Erinnerung, als Luka Modric, Karim Benzema und eben Bale in der 84. Minute auf Ajax-Keeper Andre Onana zuliefen und das Kunststück fertig brachten, den Ball nicht ins Tor zu befördern.

Für manch alternden Real-Star dürfte es auch eine Abschiedsvorstellung im Bernabeu gewesen sein. Bale steht ohnehin vor einem Abgang im Sommer.

"Dieseltraktor" Kroos erneut in der Kritik

Die Zukunft gehört Spielern wie dem brasilianischen Supertalent Vinicius Junior, unter Tränen noch vor der Pause verletzt ausgewechselt. Dem zuletzt von Bernd Schuster als "Dieseltraktor" bezeichneten Toni Kroos droht trotz Vertrag bis 2022 hingegen das Nachsehen.

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Nach seinem Patzer vor dem ersten Gegentor schoss sich die Presse auch auf ihn ein. "Seine Batterien sind leer. Er hat keine Beine mehr, um wirkungsvoll zu erscheinen", schrieb Sport.  

Real steht im Sommer vor einem großen Umbruch und einer ebenso großen Herausforderung. Schließlich ging der Plan, Cristiano Ronaldos Abgang im Kollektiv aufzufangen, in dieser Saison bereits schief.

Horror-Heimbilanz für Real

Was fürs Erste bleibt, ist die höchste Heimniederlage für Real Madrid in der Champions League zu Buche, keine drei Monate nach dem peinlichen 0:3 im letzten Gruppenspiel gegen ZSKA Moskau.

Es war wettbewerbsübergreifend die vierte Heimpleite in Folge, das gab es zuletzt 2004. Insgesamt kassierte Real schon die 14. Niederlage in der laufenden Spielzeit - so viele wie Zinedine Zidane in seinen letzten beiden Spielzeiten zusammen verkraften musste.

Der Erfolgscoach war im Sommer überraschend zurückgetreten, hatte sich mit dem dritten Triumph in der Königsklasse aber ohnehin sein eigenes Denkmal gebaut.

Eines, gegen das Solaris Pose am Dienstagabend wie eine traurige Kopie wirkt.

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