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Mounir Zitouni erklärt in seiner Kolumne, was es braucht, um in Lissabon am Ende den Henkelpott zu gewinnen. Und er prophezeit, auf wen es besonders ankommt.

Wenn Ende der Woche der Startschuss für die Entscheidung in der Champions League fällt, könnten die Startbedingungen zwischen den einzelnen Teams nicht unterschiedlicher sein.

Das Einzige, was alle Klubs eint: Keiner hat jemals Erfahrung mit solch einer Situation gemacht. Das heißt, dass es für keinen der Vereine mögliche Erfahrungswerte gibt, oder Blaupausen, die man aus der Schublade zieht.

Für alle Teams gilt es, sich auf Unbekanntes einzulassen, zu prognostizieren, wie Dinge laufen könnten, um dann eventuell festzustellen, dass man Planänderungen vornehmen muss. Das gilt für den FC Bayern genauso wie für Manchester City oder Barcelona.

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"Wir können nichts Falsches machen" ist deshalb eine bessere Überschrift für die "Expedition Lissabon" als "Wir müssen alles richtig machen".

Das heißt: Jene Mannschaften sind im Vorteil, die eine explorative Herangehensweise an den Tag legen. Die Mannschaft, die am 23. August auf dem Siegertreppchen stehen will, muss bereit und fähig sein, mit Unwägbarkeiten flexibel umzugehen, sei es auf dem Feld in punkto Spielereignissen oder mit den äußeren Gegebenheiten.

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Die meisten Expeditionen scheitern, weil die Crew auf ein bestimmtes Ereignis nicht richtig vorbereitet ist, sei es eine extreme Wettersituation, unwägbares Gelände, unerwartete Gegner oder technische Probleme.

Der Weg zum Erfolg ist immer mit Anstrengungen und Widerständen verbunden. Was Gruppen hilft, Schwierigkeiten zu überwinden, ist eine große Teamfähigkeit, flexibel zu reagieren. Es gilt, die Dinge anzunehmen, wie sie sind, und das Beste daraus zu machen.

Lamentieren ob des neuen Modus? Keine Hin- und Rückspiele sowie fehlende Fan-Unterstützung? Dafür kann man ab dem Viertelfinale mit drei Siegen den Henkelpott gewinnen!

Mounir Zitouni - Autor dieses Textes - arbeitet als Business-Coach für Veränderung, Entwicklung und Persönlichkeit (www.mounir-zitouni.de). Als Ex-Profifußballer (unter anderem Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt) und ehemaliger Sportjournalist (kicker Sportmagazin) weiß er genau um die Anforderungen und den Druck in einem spannungsgeladenen und leistungsausgerichteten Umfeld.

Bergamo schweißt die Tragik zusammen

Bergamo war im Zentrum eine der am schlimmsten betroffenen Corona-Krisenregionen in Europa. 6000 Menschen starben an der Pandemie. Doch die Mannschaft von Atalanta schweißte diese Tragik zusammen, sie gewann Kraft daraus und flog zuletzt durch die Serie A.

Auch aus Paris hört man, dass die Spieler aufgrund der schwierigen Situation zusammenwuchsen und sich erstmals so etwas wie ein echter Teamgeist bildete.

Menschen und Gruppen, die fähig sind, aus vermeintlichen Rückschlägen Positives zu ziehen, bilden die Grundlage für gemeinsamen Erfolg.

Viele sagen, dass es dem FC Bayern eher geschadet habe, dass man den erfolgreichen Rhythmus nach Meisterschaft und Pokalsieg unterbrochen hat. Nach 17 Siegen in Folge schickte Trainer Hansi Flick sein Team in den 13-tägigen Urlaub, um Ende Juli wieder mit dem Training anzufangen. Für ihn stand im Vordergrund, dass die Spieler nach kräftezehrenden Wochen vor allem wieder "mental" fit werden. Ein gutes Argument.

Vielleicht fehlen den Spielern von Juventus nach einer Saison, die erst am 1. August endete, ein paar Prozentchen an Kraft und Konzentration, die den Bayern-Spielern zur Verfügung stehen. Oder kommt Flicks Team aufgrund der längeren Pflichtspielpause weniger gut in den Spielrhythmus?

Zeigt das zuletzt so enttäuschende und zerstrittene Team aus Barcelona eine Trotzreaktion und spielt alles in Grund und Boden? Gelingt Real mit dem Rückenwind der gewonnenen Meisterschaft die Überraschung in Manchester? Alles Spekulationen. Fragen, die heute keiner ernsthaft beantworten kann.

Auf die Anführer kommt es umso mehr an

Grundsätzlich ist es so, dass jene Expeditionen am erfolgreichsten sind, die über eine gut ausgewählte Crew verfügen, eine Top-Ausrüstung mitbringen (beim Fußball wäre das die Fitness), das richtige Vorgehen zeigen (hier Taktik, Auswechslungen) und die stärkste Vision besitzen.

Aufgrund der Aufzählung erkennt man bereits, dass gerade bei einem solchen Endturnier mit Entscheidungsspielen dem Kapitän und Anführer, also hier dem Trainer, eine herausragende Rolle zukommt. Er entscheidet über die Auswahl der Crew, er ist verantwortlich dafür, wie fit das Team ist, mit welcher Taktik vorgegangen wird und wie sehr die Spieler an eine echte Vision glauben.

Deshalb werden jene Teams in Lissabon dem Triumph am nächsten kommen, deren Trainer eine Top-Verbindung in die Mannschaft haben und darüber hinaus auch das Näschen für die richtigen Entscheidungen besitzen.

Flick, Thomas Tuchel, Pep Guardiola, Maurizio Sarri, Zinédine Zidane und Co.: Auf sie wird es am Ende als Führungskraft besonders ankommen.

Denn noch immer ist es so: Große Anführer prägen große Teams.

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