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Trotz schwerer Krise im eigenen Land blüht Südamerikas einstiger Prügelknabe Venezuela fußballerisch auf. Das soll bei der Copa América nun Argentinien zu spüren bekommen.

Fünf Tage saßen sie in Flugzeug, Bus und Auto, gingen nicht wenige der rund 7000 km zu Fuß, schliefen, wo es ging, aßen, was bezahlbar war. An einem Montag waren die Radio-Reporter Andry David Castro, Cesar Armando Semidey und Oscar Giovanni Castro in San Cristobal an Venezuelas Grenze nach Kolumbien mit überschaubarer Reisekasse aufgebrochen, um bei der Copa América dabei zu sein.

Am 19. Juni war das erste Etappenziel erreicht. Porto Alegre, Brasiliens südlichste Landeshauptstadt, wo Venezuelas Fußballer einen Tag später in die Südamerika-Meisterschaft starteten. Im Sog der Vinotintos mit ihren weinroten Trikots ist Rio de Janeiro nun der nächste Stopp, das Viertelfinal-Duell gegen Lionel Messi und seinen Argentiniern am Freitag (ab 21.00 Uhr im SPORT1-LIVETICKER) nicht nur für die klammen Journalisten alle Anstrengungen wert.

"Es gibt kein besseres Szenario als ein Stadion mit so viel Symbolcharakter für den Weltfußball wie das Maracana, um Geschichte zu schreiben", bekannte Mittelfeldspieler Luis Manuel Seijas und ergänzte selbstbewusst: "Wir haben ein Team für große Dinge und eine Partie, in der man Großes leisten muss."

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Eingebettet in eine humanitäre Katastrophe wächst die Seleccion seit einiger Zeit fast anarchisch. Zwischen dem Copa-Debüt 1967 und 2004 gewannen die Vinotintos nur eine von 45 Turnier-Partien. Doch bei den letzten fünf Auflagen steht das Land mit der Nationalsportart Baseball nun bereits das vierte Mal in der Runde der letzten Acht.

Während daheim die mit fallendem Ölpreis einhergehende Wirtschaftskrise ihre hässliche Fratze mehr und mehr zeigt: Währungsverfall, Mega-Inflation, Arbeitslosigkeit, Armut. Es fehlt an allem. Und so kehrten bereits rund drei Millionen Venezolaner, mehr als ein Zehntel der Bevölkerung, der Heimat den Rücken.

"In der Seleccion nur eine Farbe"

Ein politisches Patt blockiert zudem alle Rettungsmöglichkeiten. Der autoritäre Staatschef Nicolas Maduro, wegen Wahlmanipulation von vielen Ländern geächtet, und der selbst deklarierte Interimspräsident Juan Guaido streiten um die Gunst der Landsleute. Und instrumentalisieren die Erfolge der Vinotintos im Twitter-Duell.

"In der Seleccion gibt es nur eine Farbe, die unser Land repräsentiert, die Weinfarbe", erwiderte Nationaltrainer Rafael Dudamel. Und erinnerte: "Die Leute, die für die Regierung sind, sowie die der Opposition werden ein Leben lang geteilter Meinung sein. Aber wenn die Vinotintos spielen, ist es der einzige Moment, der uns eint."

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Und deshalb lässt der 46-Jährige die politische Diskussion weder in die Kabine noch nach außen dringen. Und drohte gar mit Rücktritt, als im vergangenen März ein Abgesandter Guaidos bei einer Rede im Spielerhotel den 3:1-Achtungserfolg in Madrid gegen Argentinien mit Superstar Lionel Messi politisieren wollte.

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Wenn der Sportminister des Landes aber Vize-Präsident im Fußballverband ist, wenn der Hauptsponsor PDVSA das staatliche Erdöl-Unternehmen ist, dann lässt sich die Politik nur schwer vor der Tür halten. "Wir wollen unserem Land nur eine große Freude geben", stellt dennoch Seijas klar.

Für die Vinotintos, für die drei unermüdlichen Journalisten ist die Reise vielleicht am Freitag zu Ende. Doch der Nationaltrainer hat eh Größeres im Sinn. "Wir arbeiten vereint daran, aus der Mannschaft ein Team zu machen, das es nach Katar 2022 schafft." Mit der ersten WM-Teilnahme Venezuelas wäre Dudamel dann wohl der wahre Volksführer.

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