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München und Berlin - Das Pokalfinale zwischen Bayer und Bayern stellt in Sachen Zuschauer einen Negativrekord auf. Doch schon oft blieben Plätze leer - auch aus skurrilen Gründen.

Rund 700 Auserwählte dürfen das DFB-Pokalfinale am Samstag verfolgen.

Nicht einmal ein Prozent der Plätze werden besetzt sein, wenn der FC Bayern München und Bayer Leverkusen im Berliner Olympiastadion auflaufen. (DFB-Pokal, Finale: Bayer Leverkusen - FC Bayern München ab 20 Uhr im LIVETICKER)

Wer hat's uns eingebrockt? Corona! Natürlich ist das der Tiefpunkt deutscher Pokalgeschichte. Wer nun aber denkt, das Pokalfinale sei früher immer ausverkauft gewesen, der irrt. Es finden sich zahlreiche Beispiele in den Chroniken, ebenso zahlreich wie die Gründe.

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Wetter, Krieg, unattraktive Paarungen und der anfangs niedrige Stellenwert des Pokals sorgten oft für lange Mienen bei Kassierern.

SPORT1 blickt zurück.

Ansturm bei Premiere Schalke vs. Nürnberg

Bei seiner Premiere sorgte der Pokal noch für einen gewaltigen Ansturm. Die Nazis hatten ihn 1935 eingeführt, in den meisten europäischen Ländern gab es schon einen "Cup".

Weil das erste Endspiel die populärsten Klubs des Landes - Schalke und Nürnberg - zusammenführte, musste der DFB noch 1000 Karten nachdrucken lassen. Und vor den Toren des Düsseldorfer Rheinstadions standen Tausende im Schneeregen, um das Finale wenigstens hören zu können.

Dann wurde das Berliner Olympiastadion fertig und nach den Sommerspielen 1936 auch als Austragungsort für die großen Endspiele um Meisterschaft und Pokal genutzt. Während die Riesenschüssel bei den Meister-Endspielen immer voll war mit über 90.000 Menschen, war das im Pokalfinale bis Kriegsende nie der Fall.

Das Olympiastadion in Berlin wurde 1936 fertiggestellt und Austragungsort von Meisterschafts- und Pokalendspielen
Das Olympiastadion in Berlin wurde 1936 fertiggestellt und Austragungsort von Meisterschafts- und Pokalendspielen © Imago

Das lag vor allem am Terminplan. Der Pokal wurde zunächst im Kalenderjahr ausgetragen, genauer: in der zweiten Jahreshälfte. Was im Hochsommer begann, sollte im Dezember enden. Klappte nicht immer, mancher Sieger wurde erst im Januar gekürt - oder wie 1940 erst im April (das lag am Kriegsausbruch im September 1939).

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Krieg und Lawinengefahr halten Zuschauer fern

Es gab keine Regelmäßigkeit außer der, dass kein Pokalfinale in Berlin bis 1985 ausverkauft war. Den Sensationssieg des VfB Leipzig über Schalke am 3. Januar 1937 sahen immerhin 60.000, nur 40.000 durften Rapid Wien gegen FSV Frankfurt sehen. Die Oberränge waren gesperrt wegen Lawinengefahr, man spielte am 8. Januar 1939 auf Tiefschnee und bei Eisregen.

Nicht einmal Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten konnte bewirken, dass alle Ränge freigeschaufelt wurden. Selbst wenn, diese beiden Mannschaften hätten das Berliner Olympiastadion auch nicht gefüllt.

Die besonderen Umstände im Krieg, als aus Angst vor Tieffliegern die genaue Anstoßzeit nicht auf den Plakaten stand und erst am Spieltag im Radio verkündet wurde, verhinderte ebenfalls eine volle Hütte. Der Rekordbesuch in jener Epoche: 75.000 bei 1860 München gegen Schalke im November 1942. Eine stattliche Zahl, die in einem anderen Stadion natürlich stärker gewirkt hätte als in Berlin.

1942 verfolgten 75.000 Zuschauer im Stadion das Pokalendspiel
1942 verfolgten 75.000 Zuschauer im Stadion das Pokalendspiel © Imago

Wurde einmal ausgewichen in kleinere Stadien wie Köln (1938) oder Stuttgart (1943), meldeten die Kassierer auch in Kriegszeiten ausverkauft. Das letzte Finale stieg 1943, dann war zehn Jahre Pause.

Große Probleme beim Pokal-Neustart

Nach Wiederbeginn 1952/53 machte der Pokal seine schwierigste Phase durch. Die Endrunden bestanden teils nur aus acht Mannschaften, die Sieger wurden bis Bundesligastart zu allen Jahreszeiten gekürt, ein festes Endspielstadion gab es schon mal gar nicht. Was zu dieser Bilanz führte: Von 42 Endspielen zwischen 1935 und 1985 waren nur 19 ausverkauft.

Höhepunkt der Skurrilitäten war das Finale 1959 zwischen Schwarz-Weiß Essen und Borussia Neunkirchen, das der DFB "zwischen den Jahren" ansetzte - am 27. Dezember. Dafür war selbst das kleine Kasseler Aue-Stadion nicht klein genug, nur 21.000 sahen Essens Triumph (5:2).

"Das Pokal-Endspiel ist bei uns leider kein Fußballfest, zu dem sich alles bekennt. In Kassel gab es noch jede Menge Karten, 10.000 Zuschauer wären gut und gern ins Aue-Stadion gegangen", monierte das Sport Magazin.

Im Vorjahr waren, ebenfalls in Kassel, 25.000 Menschen Zeugen eines Finaldramas gewesen, der VfB Stuttgart schlug Fortuna Düsseldorf nach Verlängerung 4:3. Das Spiel hätte 75.000 verdient gehabt, aber in den Fünfzigern mangelte es außer an Planung auch noch an entsprechenden Stadien.

Tiefpunkt auf Schalke, KSC daheim nicht ausverkauft

Das änderte sich mit Bundesligaeinführung allmählich, mit der Austragung der WM 1974 sogar rapide. Trotzdem: Ausverkaufte Häuser blieben die Ausnahme. In Stuttgart, Ludwigshafen und Frankfurt waren sie die Regel, in Hannover oder Gelsenkirchen die Ausnahme, in Düsseldorf mal so, mal so.

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Der offizielle Tiefpunkt der Finalgeschichte ist das Spiel zwischen Werder Bremen und Kaiserslautern (2:0), das 1961 nur 18.000 Menschen in die Schalker Glückauf-Kampfbahn lockt. Zwar hieß es immer, die sei schon voll, sobald der erste Flutlichtmast brennt, aber wohl nur, wenn auch die Schalker spielen.

Selbst Heimvorteil garantierte kein volles Haus - das erfuhr der Karlsruher SC, der 1956 als erster Finalist überhaupt im eigenen Stadion antreten durfte. Doch im Hochsommer (August) fanden nur 25.000 den Weg in den doppelt so großen Wildpark, um ein 3:1 gegen Uwe Seelers HSV zu sehen.

Platzregen und Wiederholung in Hannover

Ob zu heiß, zu kalt oder zu gewittrig - das Wetter verhinderte in den Jahren bis Berlin das Finale bekam (ab 1985) so manches ausverkaufte Haus.

Als sich 1975 in Hannover Eintracht Frankfurt und der MSV Duisburg gegenüberstanden, ging ein Platzregen über Hannover hernieder. 17.000 Plätze blieben leer. Es war noch die Zeit, als man sich am Spieltag eine Karte für ein Pokalendspiel kaufen konnte, was Vor- und Nachteile hatte.

Ein Sonderfall ereignete sich 1977 erneut in Hannover, wo an Pfingsten erstmals ein Endspiel wiederholt werden musste. Zur Wiederauflage von Köln gegen Hertha kamen rund 20.000 Menschen weniger, weil sie nicht entsprechend disponieren konnten. Fans, die sich die Reise zu einem Endspiel leisten konnten, hatten noch lange nicht alle das Geld für zwei nicht eingeplante Übernachtungen. So holten die Kölner sich ihren Pokal 1977 vor nur noch 35.000 Zuschauern.

Das war der vorerst niedrigste Wert - bis zum 4. Juli 2020, wenn auch Berlin mal wieder (fast) leere Ränge sieht. Übrigens auch bei der Premiere an der Spree 1985, als die Paarung Bayern München gegen Bayer Uerdingen noch kein Pokalfieber auslöste und den Tiefstwert nach dem Krieg für Berlin setzte. Was würden wir uns heute über eine Kulisse von 70.398 Menschen freuen.

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