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Gelsenkirchen und München - Fabian Ernst ist in der Bundesliga sowohl für Schalke 04 als auch Werder Bremen aufgelaufen. Vor dem Duell seiner Ex-Klubs stellt er Schalke ein schlechtes Zeugnis aus.

Fabian Ernst spielte sowohl für Schalke 04 als auch für Werder Bremen. Am Samstag (Bundesliga: SV Werder Bremen - FC Schalke 04, Samstag ab 15.30 Uhr im SPORT1-Liveticker) kommt es zum Kellerduell beider Vereine. (SERVICE: Bundesliga-Tabelle)

Der frühere Nationalspieler (25 A-Länderspiele) und heute 44-jährige Investor spricht im SPORT1-Interview über seine Ex-Klubs, den Niedergang von S04 und seine neue Start-up-Idee vom digitalen Fußball.

SPORT1: Fabian Ernst, zwischen 2000 und 2005 haben Sie 195 Spiele für Werder gemacht, danach bis 2009 146 für Schalke. Für wen schlägt ihr Herz mehr?

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Fabian Ernst: Beide Vereine haben für mich einen ganz hohen Stellenwert. Mit Werder verbindet mich natürlich der Doublesieg. Aber auch auf Schalke hatte ich eine unglaublich schöne Zeit. Ich finde es klasse, dass der Verein bis heute in Kontakt mit seinen Ex-Spielern steht, sie zu Spielen einlädt und sie immer wieder einbindet.

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SPORT1: Hat Sie Schalke in den vergangenen Monaten denn mal um Hilfe oder Rat gebeten?

Ernst: Nein, einen offiziellen Kontakt dazu gab es nicht. Ich bin aber in regem Austausch mit meinem Freund Gerald Asamoah, der ja aktuell die U23 managt. Er leidet momentan schon sehr unter der Situation. Als Ur-Schalker blutet ihm das Herz.

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Fehlentwicklung bei Schalke

SPORT1: Sie haben mit beiden Vereinen in der Champions League gespielt, mittlerweile stehen beide Vereine unten drin, Schalke steht sogar kurz vorm Abstieg. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Ernst: Um ehrlich zu sein, tut das richtig weh. Bei Bremen mache ich mir momentan wenig Sorgen, die werden am Ende im gesicherten Mittelfeld landen. Der Glanz der glorreichen Jahre ist auch dort vorbei. Werder macht es für seine Verhältnisse aber noch ganz gut und holt aus wenigen Mitteln viel raus. Bei Schalke ist eine völlig dramatische Fehlentwicklung zu sehen. Das alles haben der Verein und Fans einfach nicht verdient.

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Ernst: Es ist ein schleichender Prozess, der über die letzten drei Jahre stattgefunden hat. Die vielen Fehlentscheidungen auf dem Transfermarkt spielen sicherlich eine große Rolle. Das Produkt sieht man ja jetzt auf dem Platz. Man hat falsche Spieler geholt. Spieler, die nicht die typischen Schalke-Tugenden haben. Die haben 30 Spiele hintereinander nicht gewonnen, das ist eigentlich unvorstellbar. Wenn wir früher nur ein Spiel verloren haben, hatten wir schon schlechte Laune, bei zwei wurden wir richtig sauer. Ich kann mich gar nicht reinversetzen in die Köpfe der Spieler. Das muss die Hölle gewesen sein. Aktuell sind es acht Punkte auf Köln, der Rucksack mit schweren Steinen ist voll.

Fabian Ernst: "Viel Hoffnung habe ich nicht mehr"

SPORT1: Steigt Schalke erstmals seit 1988 ab?

Ernst: Das 1:2 gegen Köln zuhause hat Bände gesprochen. Dieses Spiel musstest du gewinnen. Da habe ich aber eine Mannschaft gesehen, die wie ein Absteiger spielt. Das ist hart. Ich drücke die Daumen und hoffe jede Woche aufs Neue, dass die Wende kommt. Aber viel Hoffnung habe ich nicht mehr. (SERVICE: Alle Spiele und Ergebnisse)

SPORT1: Mit Ralf Fährmann haben Sie noch zusammen gespielt. Er ging als Nummer 1 in die Saison, wurde degradiert und wieder zurückgeholt. Wie sehen Sie das?

Ernst: Die Entscheidungen auf diesen Positionen zeigen doch, was für ein Kasperltheater da aktuell gespielt wird. Ralf ist zum Glück keine 18 oder 19 mehr. Er weiß, wie das Geschäft läuft. Er hat ein dickes Fell und macht es momentan auch sehr gut.

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SPORT1: Hat Sportchef Jochen Schneider in Ihren Augen die Hauptschuld an der Misere?

Ernst: Es wäre unfair, alles an ihm auszulassen. Von der Schuld freisprechen kann er sich aber definitiv nicht. Das steht außer Frage. Er hat viele falsche Personalentscheidungen getroffen.

Charakterlich falsche Spiele auf Schalke

SPORT1: Zum Beispiel?

Ernst: Man hat sich vergriffen und charakterlich falsche Spieler geholt. Die Spieler leben den Verein nicht und wissen doch – bis auf wenige Ausnahmen – gar nicht, was Schalke 04 ist. Die zerreißen sich nicht. Ich sehe auch niemanden, der auf dem Platz Führung übernimmt und vorneweg geht. Schneider und Co. haben den falschen Spielern das Vertrauen geschenkt. Die Mannschaft kann keinen Abstiegskampf. Es sind gute Einzelspieler da, aber als Team passt es nicht.

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SPORT1: Was halten Sie von der Rückkehr von Sead Kolasinac?

Ernst: Das kann funktionieren. Er kennt die Schalke-DNA und lebt den Verein. Dieser Transfer macht Sinn. Du brauchst aber eigentlich noch weitere Spieler von diesem Kaliber. Nur ist es dann wieder eine Geldfrage – und Geld wurde auf Schalke schon genug verbrannt. Übrigens bin ich der Meinung: Hättest du Bremen das Geld gegeben, dass Schalke in den letzten Jahren zur Verfügung hatte, würde Bremen jetzt international spielen. Davon gehe ich aus.

"In Bremen wird einfach besser gearbeitet"

SPORT1: Können Sie das genauer erklären?

Ernst: In Bremen wird einfach besser gearbeitet. Dort gab es auch kritische Phasen, der Trainer wurde von den Medien mal hinterfragt. Es ist aber jetzt wieder Ruhe eingekehrt. Weil eben die Klubführung an einem Strang zieht und einfach gut arbeitet.

SPORT1: Im Sommer 2015 haben Sie Ihre aktive Karriere beendet und in verschiedene Bereiche investiert. Unter anderem haben Sie 2019 den damaligen dänischen Zweitligisten Naevstved BK gekauft. Wie läuft das Engagement?

Ernst: Ich habe den Verein nicht mehr. Zum Jahresende bin ich mit meinem Partner ausgestiegen. Wir sind nicht mehr Mehrheitseigner. Das Projekt war leider nicht von Erfolg gekrönt, schließlich sind wir in die 3. Liga abgestiegen. Es ist schwierig, wenn man selbst nicht permanent vor Ort sein kann. Mit dem Verein stehe ich aber immer noch in Verbindung und bin in manche Geschichten involviert.

SPORT1: Was läuft in Ihren Augen speziell bei Schalke schief?

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Football Innovation Academy und Smart Ball

SPORT1: Sie haben außerdem die Football Innovation Academy gegründet. Was hat es damit auf sich?

Ernst: Ich bin Mitgründer und 1. Vorsitzender der FIA. Wir sind ein eingetragener Verein. Mit meinem Freund, der Coerver Trainer ist, haben wir anfangs Kurse für den Nachwuchs gegeben. Erst im Ruhrpott, dann auch in Hannover. Der Zuspruch war riesig. Daraufhin haben wir den Verein im Frühjahr 2020 gegründet. Wir haben mittlerweile sechs Mannschaften von der U9 bis U14. Wir wollen, dass die Jungs und Mädels den Spaß am Fußball wieder für sich entdecken. In den Nachwuchsleistungszentren ist der Druck und die Angst vor dem Scheitern enorm hoch. Wir wollen die Jungs und Mädels so ausbilden, indem wir ihnen den Leistungsgedanken ein wenig nehmen. In unserem Konzept legen wir auch Wert auf innovative technische Trainingsmethoden.

SPORT1: Zum Beispiel wollten Sie einen digitalen Ball entwickeln. Was hat es damit auf sich?

Ernst: Die Idee des "Smart Ball" baut auf unserem Techniktraining, das wir anbieten, auf. Wir haben ein Start-up gegründet, indem wir unsere Idee vom digitalen Fußball und einer echten digitalen Plattform für Fußballer vorantreiben.

SPORT1: Was kann ein digitaler Fußball?

Ernst: Alles (lacht). Er misst jeden Kontakt, jede Berührung, jeden Richtungswechsel, Schnelligkeit, Höhe, Spins – alles, was man mit dem Ball machen kann, wird gemessen. Die Sensorik im Ball überträgt die Daten live an die Algorithmik in der App. Die App sehen wir als Home of Football mit allem was dazugehört: Von Social Feed über Gamification hinzu Live-Training. Zeitgleich zum Ballinnenleben entwickeln wir gerade die App weiter. Das ist eine spannende Geschichte.

SPORT1: Könnte dieser Ball den Fußball revolutionieren?

Digiatilisierung im Fußball wird kommen

Ernst: Wir sind der festen Überzeugung, dass die Digitalisierung des Fußballs früher oder später stattfinden wird. Es passiert zurzeit schon unheimlich viel - es gibt die Torlinientechnik, Echtzeit-Messungen im Training, nur der Ball ist bisher noch unberührt. Da sehen wir großes Potenzial.

SPORT1: Wird dieser Ball bereits in anderen Ländern benutzt?

Ernst: Es wird bislang in dieser Form noch in keinem Land genutzt. Zur Zielgruppe gehören alle Jungs und Mädels, die Spaß haben und ihr Spiel verbessern wollen. Du bekommst über die App aber interessante Daten, die sicherlich auch für Bundesliga-Vereine interessant sein können. Für dieses ambitionierte Projekt suchen wir aktuell noch Investoren.

SPORT1: Was soll ein digitaler Ball kosten?

Ernst: Unser Ziel ist, dass sich jeder Ball und App leisten kann. Es soll kein Premium-Elite-Produkt sein, sondern ein Ding für Jedermann. Wir planen den Ball für klar unter 100€ rauszubringen.

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