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© SPORT1/Getty Images
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München - Nach dem Terror von Paris wächst die Angst vor Anschlägen bei der EM 2016 in Frankreich. Der DFB setzt mit dem Spiel gegen die Niederlande ein Zeichen. SPORT1 beleuchtet die Folgen des Terrors.

Wie groß ist die Terrorgefahr zur EM?

Nach dem Terror in Paris mit 129 Todesopfern wächst auch die Sorge vor Anschlägen bei der EM 2016.

Thomas Strunz fragte im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1: "Du denkst schon über die EM 2016 nach: Was wird da sein?"

"Der Grad des Terror-Risikos ist gestiegen", sagte Jacques Lambert, Präsident des Organisationskomitees: "Terror ist kein theoretisches Risiko mehr, sondern ein mögliches. Die Grenze zur Handlung ist überschritten worden."

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Zwar habe man "sehr viele Vorsichtsmaßnahmen ergriffen", aber "man sieht jetzt, dass Terroristen jederzeit zuschlagen können. Wir hatten vorher bereits eine gewisse Unruhe bezüglich unserer Europameisterschaft. Diese ist natürlich noch stärker geworden."

Sollte die EM 2016 in Frankreich stattfinden?

Im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1 waren sich die Experten einig: Die EURO 2016 muss wie geplant durchgeführt werden.

"Die Franzosen waren und sind sich der Gefahr bewusst. Wenn wir jetzt über die EM sprechen, kann ich nur darum bitten, Frankreich nicht das Vertrauen zu entziehen", empfahl CDU-Politiker Wolfgang Bosbach: "Wir müssen Frankreich helfen, die Spiele so sicher auszutragen wie möglich"

Helmut Spahn, seines Zeichens DFB-Sicherheitsbeauftragter für die WM 2006 in Deutschland, bestärkte Bosbach: "Ich bin der Meinung, wir sollten den Franzosen das Vertrauen aussprechen und sollten alles daran setzen, dass diese Europameisterschaft durchgeführt wird. Wir dürfen uns dem Terror nicht beugen."

Doch die Frage nach Sicherheit bleibt. Kann in einem Land, das zuletzt immer wieder von Terroranschlägen heimgesucht wurde und durch die Beteiligung am Syrien-Krieg als potenzielles Ziel von Terroristen gilt, ein unbeschwertes Fußballfest gefeiert werden?

Wenn zur EM hunderttausende Fans aus dem ganzen Kontinent nach Frankreich strömen, könnten auch Menschenaufläufe bei Public Viewings oder in den Innenstädten potenzielle Ziele sein.

Spahn setzt deshalb darauf, dass die französischen Verantwortlichen einen Maßnahmenkatalog ähnlich wie bei der WM 2006 initiieren – mit öffentlich wahrnehmbaren Maßnahmen wie Polizeipräsenz und Sicherheitskontrollen, aber auch mit Instrumenten im Verborgenen. In die Karten wollte er sich dabei nicht schauen lassen.

Kritisch sieht Spahn die bisherige Linie der französischen Verantwortlichen: "Man hat bei den Anschlägen in Paris einmal mehr das Gefühl gewonnen, dass sich die Franzosen in diesen Fragen zu sehr abschotten und auf Ratschläge anderer verzichten. Die Franzosen müssen sich bei diesem Thema der Welt öffnen, damit sich die Gäste sicher fühlen."

Übrigens: Auf der UEFA-Homepage der EM 2016 werden die Terroranschläge schlicht ignoriert. Stattdessen findet sich dort ein rein sportlicher Spielbericht vom 2:0-Sieg der Franzosen.

Wer ist für die Sicherheit verantwortlich?

Die Verantwortung für die Sicherheit in Frankreich ist während des Turniers auf verschiedene Schultern verteilt.

Stadien, Mannschaftsquartiere und Hotels, in denen die Funktionäre absteigen, werden von den Organisatoren gesichert.

Für die öffentlichen Plätze, Straßen und das Umfeld vor den Stadien ist der Staat mit Polizei und Militär verantwortlich.

Für die Fanzonen der Austragungsorte sind die jeweiligen Stadtverwaltungen zuständig, die sich mit privaten Sicherheitsdiensten verstärken.

Wie sicher sind die Stadien?

Im Stade de France haben die französischen Sicherheitsbehörden beim Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland fast alles richtig gemacht, so Spahn: "Die Sicherheitsmaßnahmen im Stadion scheinen funktioniert zu haben." Einzig die Sicherheitsdurchsagen ausschließlich auf Französisch kritisierte er. Doch dieses Problem dürfte bei der EM ohnehin ausgeräumt sein.

Alle EM-Stadien werden neu oder renoviert sein und werden entsprechend auch höchsten Sicherheitsstandards genügen.

Ein Problem für Frankreich ist aber nicht zuletzt, dass sich das EM-Turnier über das ganze Land erstreckt. Die 51 Spiele finden in insgesamt zehn verschiedenen Stadien statt.

Ist es richtig, das Spiel gegen die Niederlande nicht abzusagen?

Der DFB hat entschieden: Das Testländerspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden findet wie geplant am Dienstag in Hannover statt.

"Es stand außer Frage, dass das Spiel stattfinden muss. Denn die Demokratie muss sich wehren, wir müssen deutliche Zeichen setzen und dürfen vor dem Terror nicht weichen", stellte DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch im SPORT1-Interview klar. 

Das Meinungsbild der SPORT1-User ist eindeutig: 85 Prozent finden die Entscheidung "sehr gut".

Sportlich mag die Partie nach den Ereignissen von Paris kaum Aussagekraft haben, das bestätigte auch Oliver Bierhoff in einer Mitteilung. Der symbolische Wert ist umso größer: Nur wenige Tage nachdem die deutsche Nationalmannschaft unmittelbar vom Terror betroffen war, setzt sie ein Zeichen der Solidarität mit Frankreich.

Wohl nicht zuletzt deshalb wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ebenso wie das gesamte Kabinett um Vizekanzler Sigmar Gabriel im Stadion anwesend sein.

Auch unter dem Aspekt der Sicherheit ist es allerdings alles andere als ein normales Spiel. Der DFB wird sein Sicherheitskonzept im Lichte der Anschlagsserie von Paris überarbeiten. Das bestätigte der Sicherheitsbeauftrage des Verbandes, Hendrik Große Lefert.

"Das ist ein schmaler Grat, und man muss für die Gefahren eine große Sensibilität haben. Aber wir werden ein Zeichen geben, dass sich die Zuschauer im Stadion sicher fühlen können", erklärte er.

"Wir stehen in enger Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden. Hätten die uns kein klares grünes Licht gegeben, dann hätten wir das Spiel auch nicht ausgetragen", sagte Koch bei SPORT1: "Aber auch von dort ist uns gesagt worden: Das Spiel muss stattfinden, wir sind in der Lage hier für Sicherheit zu sorgen."

Letztlich war die Entscheidung vor allem vom Zustand der Spieler und Betreuer abhängig: Sind sie imstande, wenige Tage nach der Nacht der Angst im Stade de France wieder auf dem Platz zu stehen? "

Das gesamte Team - Spieler, Trainer und Betreuer - ist immer noch stark betroffen", erklärte Bierhoff: "Dennoch wissen alle, dass es wichtig ist, ein Zeichen zu setzen und sich als Nationalmannschaft für unsere Werte und Kultur einzusetzen"

Der kommissarische DFB-Präsident Reinhard Rauball fand deutliche Worte: "Die Botschaft ist klar: Wir lassen uns nicht vom Terror einschüchtern."

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