Eko Fresh: Das ist sein neuer Song "Aber"
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München - Mesut Özil und sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft, das ist eine Geschichte der Entfremdung. Bei SPORT1 spricht jetzt Rapper Eko Fresh über die Debatte.

Eko Fresh ist einer der bekanntesten deutschen Rapper.

In seinem aktuellen Song "Aber" rappt der 34-Jährige türkisch-kurdischer Abstammung über Diskriminierung, Rassismus und Mesut Özil.

Im SPORT1-Interview spricht Fresh über seine Beweggründe für den Song und die Debatte um den Ex-Nationalspieler. 

SPORT1: Eko Fresh, was fällt Ihnen spontan zu Mesut Özil ein?

Eko Fresh: Er ist ein super Fußballer, der das international bewiesen hat. Punkt. Ich denke aber, dass er eher ein schüchterner Mensch ist. Und beim WM-Sieg 2014 habe ich mich gefreut, dass Spieler wie er mit Migrationshintergrund dabei waren und sich alle in den Armen lagen. Das war ein tolles Beispiel für Zusammenleben.

SPORT1: Ihr Song "Aber" ist Rollenspiel, der zu der Debatte um Mesut Özil passt, die gerade Ihren traurigen Höhepunkt findet. War das beabsichtigt?

Fresh: Nein. Auf meinen Alben ist normalerweise immer ein Song enthalten, der sich im weitesten Sinne mit Herkunft und Integration beschäftigt und das manchmal auf lustige, manchmal auf traurige Weise verarbeitet. Bei den letzten beiden Platten hatte ich darauf verzichtet, weil ein so angespanntes Verhältnis herrschte und es mir schwer fiel, mich da ranzutasten. Doch nach der Wahl von Donald Trump in Amerika habe ich bei einem amerikanischen Rapper (Joyner Lucas, d. Red.) ein Video gesehen, in dem er einen Trump-Supporter und einen Afroamerikaner gegeneinander rappen lässt. Das hat mir die Inspiration für "Aber" gegeben.

SPORT1: Was war Ihr Hauptgedanke dabei?

Fresh: Man muss die Leute erstmal über ein Problem sprechen lassen. Und dann kannst du selbst Position beziehen. Ich habe die aufgeladenen Pole erstmal Ihre Geschichte und Ihre Überzeugung rappen lassen und dann meine eigene eher neutrale und schlichtende Meinung dazu kundgetan. 

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SPORT1: Und plötzlich passt der Song genau zum Thema um Özil.

Fresh: Leider, muss man fast sagen. Dass der Song jetzt genau in dieser Zeit veröffentlicht wurde, in der das Thema um Özil seinen Höhepunkt findet, konnte ich nicht vorhersehen. Ich habe mich dafür entschieden, dieses Video zu machen, weil ich den Song für wichtig erachte. Es greift den Zeitgeist sehr gut auf, und viele Menschen unterhalten sich über das Thema. Und das ist ein Kompliment. Nur der Dialog kann der Anfang einer Lösung sein. Auch für Özil.

SPORT1: Der Song ist sehr differenziert und nimmt alle in die Pflicht. Was ist Ihr Fazit zum Fall Özil? 

Fresh: Das ist eine tragische Geschichte. Es hätte ganz anders laufen können, die Protagonisten hatten das selbst in der Hand. Dies gilt für Özil selbst, aber auch für den ganzen DFB. Ich glaube, dass er in seinem Statement vielen Leuten aus dem Herz gesprochen hat. Und, dass er Punkte genannt hat, die sogar stimmen. Das sieht man am Feedback und es gibt bestimmt Statistiken, die das beweisen. 

SPORT1: Dennoch sprechen Sie oft vom "German Dream". Was steckt dahinter?

Fresh: Für mich war Deutschland immer ein Land, in dem man seinen Traum leben kann. Angelehnt an den amerikanischen Traum, deshalb habe ich mein Label so genannt, auch als Migrant, wenn deine Karten von vornherein ein bisschen schlechter sind. Auch wenn deine Familie erst mal neu hier anfangen muss, ist Deutschland ein Land, in dem du das Blatt ins Positive wenden kannst. Ich habe immer versucht, diesem "Zwischen zwei Stühlen sitzen" etwas Positives abzugewinnen. Ich picke mir von beiden Positionen für mein Leben das Beste raus. Dass das auch negativ gesehen werden kann, war mir immer bewusst. Jetzt ist es durch die Diskussion für alle präsent.

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SPORT1: Saß Mesut Özil auch zwischen den Stühlen?

Fresh: Es sieht so aus. Ich kann ihn in manchen Punkten verstehen. Ich fände es aber schade, wenn ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund, der schon super Fußball spielt, aber aus ärmlichen Verhältnissen stammt, jetzt seinen Traum aufgeben würde. Man muss an seinen Traum glauben. Und wenn man da manchmal Nachteile hat, dann ist das eben so. Da darf man nicht resignieren, es gibt auf der anderen Seite auch 100 Vorteile.

SPORT1: Was denken Sie über Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft?

Fresh: Das zu beurteilen, wäre anmaßend. Es ist anscheinend sehr unglücklich gelaufen. Manches tut mir auch leid, wenn ich höre, dass er von Teilen der Fangemeinde gemobbt wird. Andererseits hätte er vielleicht vorher Stellung beziehen müssen. 

SPORT1: Was löst der Fall in der deutsch-türkischen Community aus?

Fresh: Ich bin ein Freund davon, Themen positiv zu formulieren. Der Fall hat etwas ausgelöst bei den Menschen, das sieht man am Medieninteresse. Mein Beitrag dazu ist, diese Gelegenheit zu nutzen, das Blatt zu wenden und einen Dialog zu starten.

SPORT1: Ist ein Dialog zum jetzigen Zeitpunkt noch möglich?

Fresh: Jeder muss bei sich selbst anfangen. Das mache ich auch, indem ich das in meiner Kunst verarbeite. Wenn man die Kommentare zu meinem Video liest, dann sieht man, dass Redebedarf besteht und die Menschen anfangen, sich zu unterhalten. Das ist doch das Wichtigste. Im Video sieht man das Thema zunächst als Streitgespräch, die Protagonisten machen sich in der Inszenierung an. Jeder sagt seinen Text, die Vorwürfe stehen im Raum und danach kommt ein Text, der vereinen will. Erst, wenn man den Leuten zuhört und sie sprechen lässt, kann man sein Anliegen verfolgen.

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SPORT1: Im Internet berichten jetzt viele von Ungleichbehandlung. Wie sehen Sie es?

Fresh: Das ist kein bloßes Gefühl. Ich bin kein Politiker oder Sozialwissenschaftler, der das mit Zahlen belegen kann. Aber ich kenne das auch selbst, von der Wohnungssuche meiner Mutter zum Beispiel. In Deutschland kann man aber seinen Traum und sein Lebensziel erreichen. Man genießt hier eine große Freiheit. Ich möchte nicht polarisieren und Vorwürfe machen. Ich möchte einen Konsens finden. 

SPORT1: Wie sehen Sie die Beleidigungen gegen Özil?

Fresh: Es gibt wahre Behauptungen in seinem Statement. Es ist aber schade, dass er als großes Vorbild nicht das Licht am Ende des Tunnels in den Vordergrund gestellt hat. Viele Jugendliche glauben an ihn. Das ist die Tragik an seinem Statement. Ich glaube, dass sowohl Migranten, als auch Deutsche ihm Recht geben bei seinen Aussagen. Es war natürlich ein Statement, das vor allem von Emotionen geprägt war.

SPORT1: Ist es generell ein rein türkisches oder politisches Problem, das durch das Foto mit Erdogan entstanden ist?

Fresh: Es gibt natürlich viele andere Sportler, die sich auch mit polarisierenden Persönlichkeiten aus der Politik ablichten lassen, wie Lothar Matthäus mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Özil hat in seinem Statement auch behauptet, dass es den Spielern mit polnischen Wurzeln in der Nationalmannschaft nicht so geht wie ihm. Ich glaube schon, dass sie nicht so kritisch gesehen werden. Alleine wegen der Hautfarbe und der Religion. 

SPORT1: Özil sagte, dass er sich an guten Tagen als Deutscher behandelt fühlt und an schlechten Tagen als Migrant. Ist dies für Sie nachvollziehbar?

Fresh: Ja. Er fühlt sich vielleicht so. Ich denke, dass er das auch erklären kann. Es gibt bestimmt genug Menschen, die das nicht so sehen. Ich würde mich mit den Menschen umgeben, die mich nicht nach meiner Herkunft beurteilen.

SPORT1: Was wünschen Sie Özil?

Fresh: Ich wünsche mir, dass er seinen Frieden findet. Ich wünsche mir zudem für ganz Deutschland, dass man für ein besseres Verständnis aufeinander zugeht. 

Eko Fresh hat gerade sein Best-of-Album veröffentlicht und spielt aktuell auch eine Gastrolle im neuen Brings-Video "Et jeilste Land"

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