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Wolfsburg - Nach dem missratenen Länderspieljahr 2018 und der Ausbootung der drei Bayern-Spieler steht die DFB-Elf vor einem Neustart. Die Hierarchie wird neu geordnet.

Den neuen Mannschaftsbus bestiegen Niklas Stark, Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg am Montagabend als letzte. Klares Zeichen: Die DFB-Neulinge stellen sich erstmal demütig hinten an. Die etablierten Nationalspieler waren da schon längst im weißen Gefährt.

Eine Szene mit Symbolcharakter, denn zum ersten DFB-Lehrgang des Jahres, vor den Spielen gegen Serbien (Testspiel: Deutschland - Serbien, Mi. ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) und die Niederlande (EM-Qualifikation: Niederlande - Deutschland, So. ab 20.45 Uhr im LIVETICKER), hat sich in Wolfsburg eine Nationalmannschaft zusammengefunden, die für einen Neustart stehen soll.

Da jedoch Führungsspieler wie Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng dem DFB-Kader fortan nicht mehr angehören, ändern sich auch die Verantwortlichkeiten innerhalb des Teams.

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Klar ist: Toni Kroos (29 Jahre/93 Länderspiele), Kapitän Manuel Neuer (32/84) und Marco Reus (29/37) sind die Anführer dieser jungen Mannschaft, die aktuell mit sieben Spielern des Jahrgangs 1996 und fünf Akteuren der 95er-Generation bestückt ist.

Wichtige Rolle für Kimmich 

Hinter diesen Dreien wird die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt. Eine wichtige Rolle kommt vor allem auf Joshua Kimmich (24/38) zu. Bereits vor Monaten hat er sich zum Sprachrohr entwickelt, "Mini-Chef" wurde er bereits genannt. Eine Formulierung, die dem 24-Jährigen gar nicht recht ist. Grund: Kimmich möchte noch mehr Verantwortung übernehmen, wenngleich er sagt, dass durch die Ausbootung seiner drei Bayern-Mitspieler "jeder Einzelne noch mehr Verantwortung übernehmen" müsse.

Wahrscheinlich ist übrigens, dass Kimmich von Joachim Löw befördert und in den Mannschaftsrat berufen wird. Diesem gehörten bis zuletzt die drei ausgebooteten Spieler auch an – zusammen mit Kroos, Neuer und dem derzeit auch nicht mehr berücksichtigten Sami Khedira.

Süle ist der Abwehrboss 

Ein weiterer Chef-Kandidat ist Niklas Süle (23/16). Der Innenverteidiger des FC Bayern will zwar nichts davon wissen, fortan Abwehrboss beim DFB zu sein, er ist es aber. Fast schon demütig sagt er: "Von meiner Mentalität her habe ich diese Saison wieder einen guten Schritt gemacht. Ich habe mich auch ein Stück weit mehr etabliert. Ich weiß aber auch, woran ich noch arbeiten muss. Wenn ich das mache und gut spiele, kann ich irgendwelche Ansprüche stellen."

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Im Mittelfeld setzt der Bundestrainer weiterhin auf Kroos, einen der noch verbliebenen Weltmeister von 2014. Auch wenn der Star von Real Madrid nach der WM den Wunsch äußerte, nicht mehr jedes Länderspiel bestreiten zu wollen, soll er mit seiner Erfahrung beim Neustart mithelfen. Ebenso Julian Draxler (25/49), der sich bei Paris St. Germain zum Stammspieler gemausert hat, aber derzeit wegen einer Oberschenkelverletzung ausfällt.

Auch auf Ilkay Gündogan (28/29) wird eine tragende Rolle zukommen. Der WM-Ärger um sein Foto mit dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan spielt keine Rolle mehr. Innerhalb des Teams ist er ohnehin hoch anerkannt und seine starken Leistungen bei Manchester City sprechen auch für ihn. Der gebürtige Gelsenkirchener gilt aber eher als Diplomat, denn als Lautsprecher. Ein Attribut, was Löw aber an ihm schätzt. An ihrer Seite sollen nun Top-Talente wie Thilo Kehrer, Kai Havertz und die Debütanten wachsen.

Brandt will vorangehen  

Leon Goretzka (24/19) ist ein weiterer Kandidat, dem der Bundestrainer zutraut, mehr Verantwortung übernehmen zu können. Bei den Bayern spielt er bislang eine gute Saison und übernimmt auch außerhalb des Platzes Verantwortung. Beim DFB will er es aber langsamer angehen, denn einen Stammplatz hat er unter Löw bislang nicht. "Der erste Schritt, um Führung zu übernehmen, ist, Leistung auf dem Platz zu bringen. Auf dem Platz musst du erstmal unantastbar werden. Dann sehe ich mich auch in der Lage, sowas zu übernehmen."

Immer wieder betonte Löw, dass ihm im Kader ein Mix aus Erfahrung und Talent wichtig sei. Diesen scheint er nun gefunden zu haben mit Spielern, die sich ihrer Aufgabe bewusst sind. Es geht schließlich um nicht mehr oder weniger, als Deutschland nach der WM-Blamage und dem Abstieg aus der Nations League wieder an die Weltspitze zu führen. Aktuell ist man nur noch 16. der FIFA-Weltrangliste.

"Ich glaube schon, dass viele junge Spieler, ich auch, versuchen wollen, noch mehr in die Verantwortung zu gehen", sagt Julian Brandt (22/23). Der Leverkusener erklärt aber auch: "Bei aller gesunden Einschätzung ist ganz klar, dass wir auch erst 22, 23 Jahre sind. Nichtsdestotrotz müssen wir das lernen."

Bierhoff-Ansage an Sane

Oliver Bierhoff, Direktor Nationalmannschaften und Akademie, setzt darauf, dass die neuformierte Mannschaft nun schnell zusammenwächst. Mit Rückschlägen müsse man aber rechnen bei dieser jungen Mannschaft, in der er sogar Leroy Sané (23/17) in die Pflicht nimmt. Jener Hochveranlagte, den man kurz vor der WM in Russland noch aus dem Kader schmiss.

"Leroy, du als erfahrener Spieler weist ja jetzt die Neuen ein", sagte Bierhoff dem Ex-Schalker, der als erster Nationalspieler im 25.000 Euro teuren Outfit am Mannschaftshotel eintraf – und mit den Leitwölfen auch als erstes in den Mannschaftsbus stieg.

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