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Matthias Becker, stellvertrendender Chefredakteur von SPORT, fordert vom DFB das Thema Alltags-Rassismus im Stadion ernst zu nehmen
Matthias Becker, stellvertrendender Chefredakteur von SPORT1, fordert vom DFB, das Thema Alltags-Rassismus im Stadion ernst zu nehmen © SPORT1-Grafik/Imago
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Rassismus im Stadion ist längst kein Einzelfall mehr, der DFB darf die Augen nicht verschließen. Ein Trio gibt auf dem Platz die perfekte Antwort. Der SPORT1-Kommentar.

Besser hätte man das Drehbuch gar nicht schreiben können. Vier Tage nachdem die rassistischen Anfeindungen eigener Fans gegen Ilkay Gündogan und Leroy Sane viele Fans und Beobachter in Deutschland aufhorchen ließen, führten ausgerechnet Sane, Serge Gnabry und mit seiner genialen Vorarbeit zum Siegtreffer auch Gündogan die junge deutsche Mannschaft zu einem nicht für möglich gehaltenen 3:2-Erfolg in den Niederlanden.

Drei Spieler also, die einige Zuschauer nur aufgrund ihres Aussehens oder der Herkunft ihrer Eltern zu Pöbeleien veranlassen. Das hinreißende Tänzchen, das Gündogan seinem Traumpass vor dem 3:2 voranschickte war auch eines gegen diese Idioten und eine perfekte Antwort.

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Wer es mit dem DFB-Team hält, freudetrunken im Schland-Fieber dessen Erfolge feiern will, muss es in seinen Kopf bekommen: Das ist unsere Mannschaft, die Mannschaft eines diversen, weltoffenen Deutschlands. Hier sind Menschen, die anders aussehen oder eine andere Familiengeschichte haben als der „normale“ Deutsche, exakt gleich viel wert wie jeder Manuel, Lukas oder Toni im Team. Wer das nicht akzeptieren kann, sollte bitte im Sommer 2020 auch seine Rückspiegel-Fähnchen und Blumenketten im Keller lassen.

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Entweder man identifiziert sich mit dem Land, ALLEN Einwohnern und teilt Tiefschläge und Höhepunkte gemeinsam. Oder eben nicht. Heute über den berauschenden Sieg von Amsterdam jubeln und bei der nächsten Niederlage die Spieler wieder in 1a- und 1b-Deutsche sortieren, geht nicht.

Beim DFB sind sie gut beraten, das Thema sehr ernst zu nehmen. Es geht nicht nur um die drei Besoffenen von Wolfsburg. Es geht darum, allen klarzumachen, dass für solchen Alltags-Rassismus in deutschen Stadien kein Platz sein darf. Denn der ist kein Einzelfall, wie ausgerechnet Cacau, der Integrationsbeauftragte des DFB, behauptet. Damit liegt er falsch.

Wer das so sieht, hat entweder sehr lange nicht mehr oder noch nie außerhalb der Haupttribüne ein Fußballspiel gesehen. Schlechtes Benehmen, rechts angehauchte Lieder oder ganz offene Sieg-Heil-Rufe gehörten immer wieder zum Repertoire von Teilen der DFB-Auswärtsfans. Man erinnere sich nur an Prag 2017. Neu ist allenfalls, dass bei Heimspielen offen und schamlos gegen eigene Spieler gepöbelt wird.

Zunehmende rechte Strömungen auf den Tribünen sind an vielen Fußballstandorten ein Thema. Plakativstes Beispiel war erst vor kurzem der Vorgang beim Chemnitzer FC. Vielerorts versuchen Rechte in die Blöcke zu drängen und Macht an sich zu reißen, wenn sie sie nicht ohnehin schon haben. Dafür ist der Fußball schon immer anfällig.

Wenn diese Länderspielwoche irgendetwas gezeigt hat, dann, dass es immer wichtig ist aufzustehen und etwas zu sagen. Dagegenzuhalten, so wie es Andre Voigt in Wolfsburg getan hat.

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