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München - Die DFB-Elf überzeugt auch in Estland nicht, der Weg in Richtung EM 2020 verläuft holprig. SPORT1 erklärt, warum bei der EURO die nächste Enttäuschung droht.

Gehört hatte Bundestrainer Joachim Löw die Rufe aus dem deutschen Fanblock nach eigener Aussage nicht. Dass es sie gegeben hat, konnte hinterher aber niemand leugnen.

"Jogi raus!" schallte es von einigen mitgereisten deutschen Anhängern in der schwachen ersten Halbzeit beim Qualifikations-Sieg in Estland von den Rängen. (Alle Tabellen der EM-Qualifikation)

Für Löw und den DFB sind das neue Töne, an die sich die Verantwortlichen erst einmal gewöhnen müssen. Der Weltmeister-Trainer hatte bislang eine Menge Kredit beim Verband und in der Öffentlichkeit. Kaum vorstellbar, dass ein Vereinstrainer sportliche Enttäuschungen in der Größenordnung des WM-Desasters oder des sportlichen Abstiegs aus der Nations League im Amt überstanden hätte.

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Löw geht es wie Merkel

Löw zehrte von seinen Verdiensten und Erfolgen zuvor. Seinem internen Standing konnten die Rückschläge nichts anhaben. Was womöglich auch daran liegen könnte, dass es auf dem Trainermarkt lange keine seriösen Alternativen zu ihm gab.

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Inzwischen geht es ihm aber ein bisschen wie Angela Merkel. Es stellt sich eine Ermüdung des Volkes bzw. Publikums ein - völlig unabhängig von der Qualität der Arbeit.

Bei der EM im kommenden Jahr wird der Bundestrainer, dessen Vertrag vor der WM in Russland vom Ex-DFB-Präsidenten Reinhard Grindel relativ ohne Not bis 2022 verlängert wurde, ganz sicher noch auf der Bank sitzen. Vorausgesetzt, das DFB-Team verspielt die Quali nicht doch noch auf wundersame Weise in den verbleibenden Heimspielen gegen Weißrussland und Nordirland.

Doch der Blick aufs Turnier gibt wenig Grund zur Vorfreude. Es gibt drei Gründe, weshalb den deutschen Fans bei der pan-europäischen EM die nächste Enttäuschung droht.

- Die Konstanz fehlt

Zuletzt reichte es bei der Nationalmannschaft immer nur für eine gute Halbzeit. Die Spiele gegen Argentinien und in Estland laufen aufgrund der vielen Absagen ein bisschen außer Konkurrenz.

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Aber schon in den Partien zuvor wechselten sich begeisternder Fußball und haarsträubende Halbzeiten innerhalb einer Partie ab. Sei es gegen die Niederlande oder bei der müden ersten Halbzeit in Nordirland.

- Die Eingespieltheit fehlt

So etwas ähnliches wie ein Gerüst hat sie schon, die runderneuerte Nationalmannschaft. Manuel Neuer im Tor, Niklas Süle als Abwehrchef, Joshua Kimmich und Toni Kroos in der Zentrale und Leroy Sané (so er wieder fit ist) und Serge Gnabry in der Offensive - das sind die Fixpunkte der neuen DFB-Elf.

Alleine, es fehlt die Zeit, um einen stimmigen Rest drumherum zu bauen. Deshalb tun Löw die vielen Absagen jetzt beim Oktober-Termin auch besonders weh. "Das ist nicht schön, weil wir die Zeit brauchen, um uns einzuspielen", sagte Marco Reus nach dem Spiel in Tallinn. Gewöhnen muss sich die Mannschaft "an das System und an uns selber."

Doch viele Möglichkeiten dafür gibt es nicht mehr, auch wenn die EM auf den ersten Blick noch weit weg ist. Nach den abschließenden Quali-Spielen im November trifft sich das Team erst im März wieder. "Uns läuft die Zeit davon", warnte Reus.

Nach den März-Terminen bleiben Löw nur noch zwei Testspiele im Rahmen der EM-Vorbereitung in Seefeld.

- Die Nebenkriegsschauplätze

Hummels-Debatte, Torwart-Diskussion und Instagram-Wirbel - alles hausgemachte Probleme, die vom Wesentlichen ablenken.

Das Thema Hummels wird eines bleiben, solange die Stabilität hinten fehlt und die Vermutung nahelegt, dass es noch an Erfahrung fehlt. Aus sportlichen Gründen war die Ausmusterung des Weltmeisters von 2014 zum damaligen Zeitpunkt sicher vertretbar, er wird aber weiter wie ein Geist über der Nationalmannschaft schweben.

"Würde er der jungen Mannschaft nicht etwas mehr Halt geben? Ich fand zum Beispiel Niklas Süle auch sehr unsicher, ungewohnt unsicher", meinte SPORT1-Experte Thomas Helmer nach dem Argentinien-Spiel in seiner Kolumne "Auf den Punkt": "Ich weiß, dass Jogi Löw wahrscheinlich nicht über seinen Schatten springen wird, aber ich bin dafür, Mats wieder dazu zu nehmen. Denn er kann den jungen Spielern Hilfestellung geben, selbst wenn er nicht immer spielt."

Das Torwart-Thema ist zwar erst einmal befriedet - aber was passiert, wenn Marc-André ter Stegen den FC Barcelona mit seinen Paraden bis in die Endphase der Champions League führt?

Mit ungeschickten Dummheiten wie denen von Gündogan und Can muss offenbar ohnehin immer gerechnet werden.

Pirlo: "Wenn es darum geht, sind sie immer da"

Alles in allem bleibt aus aktueller Sicht nur die Hoffnung auf den "Mythos Turniermannschaft".

Oder wie es Italien-Legende Andrea Pirlo kürzlich bei SPORT1 formulierte: "Deutschland zählt immer zu den Favoriten. Wenn es darum geht, sind sie immer da."

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