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Uwe Seeler (l.) und Gerd Müller hatten im Vorfeld der WM 1970 Probleme miteinander
Uwe Seeler (l.) und Gerd Müller hatten im Vorfeld der WM 1970 Probleme miteinander © Imago
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München - Zwei Neuner und der Kampf um den Sturm der Nationalmannschaft. Gerd Müller und Uwe Seeler prägten eine Epoche. Als der Bundestrainer noch die Qual der Wahl hatte.

Das beste Jahrzehnt des deutschen Fußballs? Das waren, da sind sich die Experten einig, "die Goldenen Siebziger".

Weltmeister, Europameister, jede Menge Europapokalsiege. Der beste Fußball auf der Welt wurde in Deutschland gespielt, die Bundesliga galt als beste Liga der Welt.

Das Aushängeschild war natürlich die Nationalmannschaft um die kommenden Weltstars Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller.

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Aber so wie sie in jenes Jahrzehnt startete, sah es eher danach aus, als würde sich die durch das Verpassen der EM 1968 ausgelöste Krise fortsetzen.

Uwe Seeler und Gerd Müller - passt das?

Wohl nie gab es nach einem verlorenen Testspiel mehr Ärger als heute vor 50 Jahren, einen Tag nach einem 0:2 in Spanien. Die Protagonisten: Bundestrainer Helmut Schön, Spielmacher Günter Netzer und die beiden großen Mittelstürmer jener Epoche, Gerd Müller und Uwe Seeler.

Doch der Reihe nach: Auf dem Weg zur WM nach Mexiko reaktiviert Bundestrainer Schön zwei Monate vor dem entscheidenden Spiel gegen die Schotten in Hamburg HSV-Kapitän Uwe Seeler. Der Beifall der Massen ist ihm gewiss, denn Uwe Seeler ist ein Idol. Er hat weder Deutschland noch Hamburg je verlassen, ihm ist das Trikot heilig, das er trägt. Ein fairer, untadeliger Sportsmann, wie er im Buche steht. 1969 ist er schon längst legendär, als er mit 32 noch einmal in die Nationalmannschaft zurückkehrt.

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Keiner hat für sie bis dahin mehr Tore als er erzielt, auch wenn ihm dieser nahezu baugleiche schwarzhaarige "Bomber" aus München gefährlich nahe gekommen ist. Zwischen Gerd Müller und ihm entsteht eine Rivalität, die keiner gewollt hat, sich aber zwangsläufig ergibt. Spielen die Bayern in Hamburg, muss Müller mit Uwe-Rufen leben. Auch in anderen Stadien kommt das vor, "immer dann, wenn ich nicht gleich Tore schoss", ärgert sich Müller.

Es erscheint schwer vorstellbar, wie diese beiden so ähnlichen Strafraumspieler im DFB-Dress harmonieren sollen. "Dabei habe ich nie daran gedacht, Gerd den Posten wegzunehmen. Neid und Missgunst sind mir fremd", versichert Seeler noch Jahrzehnte danach.

"Helmut Schön hat mich gefragt, ob ich als zweite Spitze hinter Gerd spielen will und da ich immer gern gelaufen bin, habe ich zugesagt. Vorne drin gab es ja immer nur auf die Knochen", sieht Seeler durchaus Vorteile in der Lösung, ihn als "hängende Spitze" einzusetzen.

"Wir brauchen Uwe Seeler nicht"

Gerd Müller sieht sie jedoch nicht. Er schiebt die konfliktreiche Debatte im April 1969 selbst an, als Seelers Rückkehr schon im Schwange ist. Nach dem Länderspiel in Glasgow sagt er offen: "Wir brauchen Uwe Seeler nicht auf dem Weg nach Mexiko, denn dort spielt er ja sowieso nicht." Eigentlich will er nicht provozieren, es ist auch kein Wink mit dem Zaunpfahl, es ist seine Meinung.

Man stelle sich eine solche Aussage heutzutage vor: Ein Serge Gnabry sagt: wir brauchen keinen Leroy Sané! Schier undenkbar. Fußballer in den Sechzigern dürfen ihre eigene Meinung noch sagen, weil ihnen keine PR-Abteilung vorkaut, was sie besser nicht sagen sollten. Sie trifft auf ein lautes Echo.

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Kicker-Redakteur Karl-Heinz Jens versucht zu deeskalieren und kommentiert im Juni ganz im Sinne Helmut Schöns: "Uns kann doch gar nichts Besseres widerfahren, als uns abwechselnd an Toren Seelers und Müllers zu erfreuen." Doch in den ersten vier Spielen mit dem Nord-Süd-Sturm fallen nur Müller-Tore und es zeigt sich, dass Müller und Seeler keinen Doppelpass spielen, weil der Münchner keinen Ball zurückgibt. Kann er nicht oder will er nicht?

Müller beschwichtigt nach Seelers Comeback nach 17 Monaten Pause im September 1969: "Wenn wir öfters zusammen spielen, wird es auch zwischen uns beiden wieder besser klappen. Für die Zukunft kann man sich von dem Gespann Seeler-Müller wieder etwas erhoffen."

Müller: "Uwe Seeler oder ich!"

Dennoch: Es knirscht. Seeler hat seine alte Rückennummer – die Neun – bekommen, die in der Zwischenzeit Müller geerbt hat. Es ist die Nummer des Mittelstürmers. Wer sie trägt, darf Ansprüche erheben.

Am 11. Februar 1970 dann verliert die Nationalelf in Sevilla gegen Spanien, das damals nicht annähernd so stark war wie es heute ist, nach enttäuschender Leistung mit 0:2. "Unsere Mannschaft ohne Feuer und Flamme", titelt der kicker. Dabei brennt es ganz gehörig, Helmut Schön muss plötzlich zwei Brandherde löschen.

Spielmacher Günter Netzer erklärt, über Schöns öffentliche Kritik erbost, seinen Rücktritt und Gerd Müller lässt noch auf dem Rückflug im Gespräch mit Journalisten Luft ab: "Herr Schön muss sich nun mal entscheiden - Uwe Seeler oder ich!"

Müller droht mit WM-Absage

Die Fußballwelt ist in Aufruhr. Die hungrige Medien-Meute stürzt sich auf die Brocken, die ihnen zwei populäre Fußballer vor die Füße werfen.

Die Bild-Zeitung geht am plakativsten vor: "Bomber Müller: Uwe oder ich!", titelt sie auf Seite eins am 13. Februar 1970. Dreimal so groß wie die Meldung, dass Bundeskanzler Willy Brandt sich noch im Februar mit DDR-Innenminister Willi Stoph treffen soll. Auf Einladung der DDR, denn sie will, dass die BRD den anderen deutschen Staat endlich anerkennt. Den Westdeutschen ist es allerdings gerade wichtiger, dass Gerd Müller seinen Kompagnon in der Torfabrik anerkennt. Doch sie zweifeln.

Im Hamburger Abendblatt heißt es über Müller, Seelers Name laste "wie ein Alptraum auf seiner Tormacher-Seele". Der kicker fragt besorgt: "Müller? Wird er falsch beraten? Erliegt er Einflüsterungen von außen, die ihn hemmen?" Seeler, mit der Gelassenheit des neun Jahre Älteren, findet, sie könnten sehr wohl "jederzeit zusammen spielen", es sei alles eine Frage der Absprache.

Müller aber vermisst Klartext von Schön und geht drei Tage später wieder in die Offensive: "Ich muss nicht unbedingt mit zur WM. Ich kann auch zu Hause bleiben und nur für Bayern München meine Tore schießen!"

Sein Vorstoß, das ist ihm wichtig, richte sich nicht gegen Uwe Seeler: "Ich kenne und respektiere ihn als Spieler. Aber weder ihm noch mir ist damit gedient, wenn man nur um den heißen Brei herumredet. Ich muss einfach meine Meinung sagen!" Uwe Seeler tut es nun auch und nennt Müllers Äußerungen "Kinderkram". Wochenlang schwelt das Thema.

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Netzer sauer auf Schön

Der Bundestrainer, ein Mann des Ausgleichs, ist nicht zu beneiden im Frühjahr 1970. Am Telefon fängt Schön Günter Netzer schon am 17. Februar wieder ein. Den hat es gekränkt, dass Schön ihm zum Alleinschuldigen für die Niederlage gemacht haben soll. "Besonders mit mir ging Schön hart zu Gericht. 'Kindergartenfehler' war das Wort, das er meinem Spiel bescheinigte", schreibt Netzer in seinen Memoiren. "Ich war stinksauer und erklärte meinen Rücktritt."

Schön fühlt sich missverstanden, räumt aber den Fehler ein, nicht zuerst mit Netzer über seine Leistung gesprochen zu haben. Am Telefon seien "harte, aber der Sache dienende Worte gefallen", weiß der kicker zu berichten. Netzer kommt "trotz bestehender Bedenken" zurück, zunächst zur Aussprache in Frankfurt, die nach diesem Spiel offenbar angesetzt werden muss. Dort reden alle auf ihn ein und er gibt klein bei.

Dass Netzer Mexiko wegen einer Verletzung trotzdem verpassen wird, kann keiner ahnen.

Die Affäre Müller/Seeler aber wird nicht geklärt und schwelt wochenlang weiter. Schön muss sie klären, die Aussprache der Kontrahenten bei einem rein zufälligen Treffen im März auf der ISPO in München bringt da wenig. Da wird auch Seeler erstmals öffentlich deutlich und erinnert an die Hausordnung: "Es kann nicht jeder einzelne Spieler eine Nationalmannschaft aufstellen. Das ist ganz allein Sache des Bundestrainers." Besonnene Worte, wie man sie von ihm kennt. Er ist das Gegenteil zum impulsiven Müller.

Schön fängt Müller mit Drohung wieder ein

Um auch den "Bomber" wieder einzufangen, überlegt sich der gewiefte Sachse Schön etwas anderes: Im April spricht er ihn vor einem Länderspiel vor versammelter Mannschaft in der Frankfurter DFB-Zentrale an. Bewusst wählt Schön plötzlich das distanzierende Sie und sagt zu Müller: "Gerd, Sie sprechen immer von 'Uwe Seeler oder ich!'. Sie wissen doch gar nicht, ob Sie selber dabei sind. Das wird sich erst noch entscheiden. Ich würde solche Äußerungen nicht machen."

Ein Psychotrick, der glatt von Schöns Vorgänger Sepp Herberger hätte sein können. Lässt Schön etwa den Torschützenkönig zu Hause? Dass der Bundestrainer den Spieß umdreht, hat Müller nicht erwartet. Er schweigt betreten. Nach der Besprechung setzt sich Schön allein zu ihm und nun sind sie wieder beim Du: "Gerd, hast du mich verstanden?"

Müllers Antwort kommt förmlich aus ihm herausgeschossen: "Ich hab’n Fehler gemacht!"

Schön klopft ihm auf die Schulter und sagt zufrieden: "Gerd, so ist es richtig!" In seinen übrigens grandiosen Memoiren (Fußball, 1978) charakterisiert er seinen Stürmer treffend: "Seine Antworten kamen, wie er spielte: aus der Pistole geschossen, manchmal auch, ohne vorher zu überlegen. Er war so, wie er spielte, und er spielte, wie er war."

Seeler und Müller teilen Zimmer bei WM

Am 19. Mai 1970 besteigt die deutsche Nationalmannschaft am Frankfurter Flughafen um 9.22 Uhr die Lufthansa-Maschine nach Mexiko. Mit dabei sind Uwe und Gerd. In Mexiko teilen sie sich sogar ein Zimmer und auf dem Platz harmonieren sie wie zwei, die ein Leben lang zusammengespielt haben.

Gerd Müller wird mit zehn Toren WM-Torschützenkönig, der für ihn rackernde Seeler kommt noch auf drei und sein letztes, der legendäre Hinterkopftreffer gegen England im Viertelfinale, ist ein würdiger Schlusspunkt. Nach der WM lässt er Müller freie Bahn und der schießt Deutschland zum Europameister 1972 und Weltmeister 1974.

1972 spielt sie den besten Fußball aller Zeiten, die Fäden zieht Netzer. Goldene Siebziger!

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