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München - Heute feiert Joachim Löw seinen 60. Geburtstag. Obwohl die Kritik zunimmt und zuweilen in Hass umschlägt, bleibt er im Amt. Und das völlig zu Recht. Ein Kommentar von Pit Gottschalk.

Was muss man in diesem Land leisten, damit das breite Publikum eine prominente Person und deren Errungenschaft wertschätzt?

Joachim Löw wurde als Trainer Weltmeister, führte die Nationalmannschaft bei fünf von sechs Turnieren mindestens ins Halbfinale und gewann obendrein den Confederations Cup. Trotzdem muss er sich in regelmäßigen Abständen anfeinden lassen und sich rechtfertigen.

In sozialen Netzwerken beschimpft man ihn, wenn's glimpflich läuft, als "Nivea-Vertreter" und macht kein Geheimnis daraus, dass man seiner überdrüssig ist: Man stellt seine Personalentscheidungen infrage, macht ihn mitverantwortlich für leere Stadien bei Länderspielen, unterstellt ihm eine mangelhafte oder verspätete Lernwilligkeit.

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Die Erwartungen an Löw sind grotesk

Und alles so, als ob Löw Berufsanfänger sei. Dem Bundestrainer geht's da wie der Kanzlerin Angela Merkel: Anderthalb Jahrzehnte erfolgreiche Arbeit werden darauf reduziert, dass zwei, drei Dinge nicht gut funktioniert haben.

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Noch ist nicht ganz geklärt, ob die Ursache der seit Jahren schwelenden Unzufriedenheit allein in der Einzigartigkeit zu finden ist, die dem Amt des Bundestrainers im Land der 80 Millionen Bundestrainer innewohnt.

Oder doch der Person Joachim "Jogi" Löw selbst. Seine Distanziertheit irritiert womöglich das gemeine Volk. Wo Jürgen Klopp mit nur einem einzigen Satz Herzen gewinnt, will Löw mit freundlichen Worten den Verstand erreichen.

Manchmal sind die Erwartungen an Löw grotesk: Er soll seine Mannschaft verjüngen - aber wehe, er sortiert altgediente Spieler aus! Dann ist der Teufel los. Dann spüren er und mit ihm sein Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff die Wechselstimmung im Land. Alte Erfolge zählen in diesen Momenten nicht.

Löw hat Deutschlands Fußball in die Moderne geführt

Und auch nicht, dass die Bundesliga ihm keine Wunderkinder mehr serviert, sondern Norweger (Erling Haaland), Engländer (Jadon Sancho) und Kanadier (Alphonso Davies) abfeiert. Der Bundestrainer kann nur mit dem Kader arbeiten, den ihm der deutsche Profifußball zur Verfügung stellt, und muss bei der Auswahl der besten Spieler über die Tagesaktualität hinaus denken.

Die Zweifel wären angebracht und wohl berechtigt, wenn Löw nicht längst bewiesen hätte, dass er seinen Job beherrscht. Aber damit sind wir wieder beim ersten Satz dieses Kommentars: Was muss Löw für ein bisschen mehr Vertrauensvorschuss in Deutschland noch tun? Er wird heute 60 Jahre alt. Seine am meisten unterschätzte Leistung besteht darin, dass er sich nicht zermürben lässt.

Es sind ja nicht nur die zählbaren Erfolge, die ihn zum vielleicht erfolgreichsten Trainer in der 120 Jahre alten DFB-Geschichte erheben. Den deutschen Fußball hat Löw aus der Rumpelzeit in die Moderne geführt, mit höchstem Risiko Generationswechsel betrieben und Lernkurven beschritten, internationalen Respekt verdient und Kicker made in Germany - von Toni Kroos über Semi Khedira bis Mesut Özil - zum Exportschlager aufgebaut.

Das alles hätte nicht jeder Trainertyp geschafft. Oder wo ist der Mann, der als Bundestrainer besser zwischen der Geltungssucht von Spielern, dem Eigeninteresse von Klubs und den Anforderungen am diplomatischen Dienst eines Fachverbandes navigieren kann? Wer wäre besser als Löw?

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