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Die ehemalige Vertrauensperson des Bundestrainers hat die Seiten gewechselt. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen und ist pikant, findet SPORT1-Chefkolumnist Tobias Holtkamp.

Auch Experten spielen in unterschiedlichen Ligen. Es gibt zum Beispiel die starken Theoretiker, die aus dem Hintergrund die Dinge beobachten und bewerten.

Was sie sagen, ist oft total interessant, aber eben genauso oft auch praxis- oder realitätsfern - zumindest nicht wirklich umsetzbar. Dann gibt es die vielen "Ehemaligen", die in erster Linie einen bekannten Namen und irgendwann auch mal etwas gewonnen haben. Ihre Popularität sorgt in der Regel dafür, dass das, was sie sagen, zu Nachrichten oder sogar Schlagzeilen taugt.

Und dann gibt es die, die beides kombinieren. Die wirklich nah dran sind, weil entweder gerade erst oder nur mal vorübergehend raus aus dem aktiven Geschäft, und - und das ist mindestens genau so wichtig - intelligent genug, um nicht nur, sagen wir populistisch getrieben, Sprüche zu dreschen, sondern Einschätzungen zu geben, die auch an den relevanten Stellen gelesen oder gehört werden. Und so Einfluss haben auf Entscheidungen der Chefs und Macher - oder zumindest Stimmungen entscheidend lenken können.

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Genug der Vorrede. Kommen wir zu Bastian Schweinsteiger, ganz klar ein Kaliber der letztgenannten Kategorie. Und nun auch ganz klar einer, der Joachim Löw, seit 2006 Trainer der deutschen Nationalmannschaft, in seiner Position und Arbeit gefährlich werden kann.

Denn Schweinsteiger, als ARD-Experte seit diesem Herbst bei den Länderspielen dabei, hat viele Jahre eng mit Löw gearbeitet, sie sind gemeinsam Weltmeister geworden, 2014 in Brasilien - sie pflegen ein freundschaftliches Verhältnis. Schweinsteiger war Löws Kapitän.

Wenn Schweinsteiger nun über die Nationalmannschaft spricht, hat das eine immense Bedeutung - und Schlagkraft. Denn Schweinsteiger hat mit Übernahme der Expertentätigkeit nicht den Kuschelkurs eingeschlagen, den viele Beobachter Jürgen Klinsmann unterstellten, als er ab Frühjahr 2019 bei RTL die Länderspiele und seinen Freund Jogi Löw bewertete. 

Schweinsteiger legt den Finger in die Wunden

Schweinsteiger sagt und begründet fundiert, welche Probleme er im Spiel der Nationalelf sieht - und was er anders machen würde. Auch im aktuellen Kicker legt er den Finger in die Wunden, die er sieht, zum Beispiel bei der taktischen Ausrichtung und Aufstellung. Und stärkt seine Einschätzungen durch Beisätze wie: "Der eine oder andere Spieler der Nationalelf hat das, so glaube ich, genauso gesehen."

Schweinsteigers Aussagen ("Wenn ich Bundestrainer wäre, wären Boateng und Müller in der Nationalmannschaft") sorgen nicht für Ruhe beim DFB, sondern erschweren Löw sogar die Arbeit. Denn, und das bleibt der entscheidende Punkt, Schweinsteiger ist keiner von vielen, sondern ein besonderer Experte.

Im Grunde ist er mehr, er ist immer noch Familienmitglied. Viele Jahre mittendrin und nach wie vor extrem nah dran. Er kennt Löw wie kaum einen anderen Fußballlehrer, seine Denk- und Arbeitsweisen. Und er hält es für sinnvoll, Löw Entscheidungen jetzt öffentlich zu hinterfragen. 

Schweinsteiger hat den Druck auf Löw erhöht

Was ihn für Löw zudem gefährlich macht: Schweinsteiger kennt auch alle wichtigen Spieler, ist nach wie vor eng mit ihnen, trainierte zu Corona-Zeiten sogar mit den Bayern-Stars. Er weiß um die Strömungen. "Wenn die deutsche Nationalelf in der Nations League sechsmal nicht gewinnt", sagt Schweinsteiger im Kicker, "kann auch der Bundestrainer nicht sagen, dass alles super läuft. Dafür muss es Gründe geben, die man benennen muss."

Ausgerechnet Bastian Schweinsteiger hat den Druck auf Joachim Löw öffentlich deutlich erhöht. Das Spiel für den Bundestrainer ist nicht leichter geworden, im Gegenteil: Einer, der immer in seinem Team war, hat die Seiten gewechselt. Und er ist ziemlich gut verdrahtet. Löw wird damit ordentlich zu tun haben.

Tobias Holtkamp, der Autor dieses Textes, war in der Chefredaktion von Sport Bild und Chefredakteur von transfermarkt.de. Heute berät er Sportler und Marken in ihrer inhaltlichen und strategischen Ausrichtung. Für SPORT1 schreibt Holtkamp als Chef-Kolumnist die wöchentliche "Bundesliga-Kolumne".

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