vergrößernverkleinern
Das Nationalteam des Kosovo trumpft mit Trainer Bernard Challandes (r.) und Milot Rashica auf
Das Nationalteam des Kosovo trumpft mit Trainer Bernard Challandes (r.) und Milot Rashica auf © SPORT1-Montage: Getty Images/Imago
Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Der Kosovo darf erst seit drei Jahren Pflichtspiele austragen. Nach einem holprigen Start ist das fußballverückte Land die Mannschaft der Stunde und träumt von der EM.

"Wir haben Geschichte geschrieben", sagte Milot Rashica von Werder Bremen nach dem 2:0-Sieg mit dem Kosovo gegen die Färöer-Inseln am 10. September 2018. "Das war ein großer Moment für unser Land."

Der Sieg in der Nations League bedeutete den ersten Pflichtspielerfolg der kosovarischen Nationalmannschaft. Nun, ein Jahr später, ist sie so etwas wie Europas Team der Stunde.

Keines der letzten 15 Pflichtspiele hat die Mannschaft des Schweizer Trainers Bernard Challandes vverloren. In der Nations League ist der Kosovo als Sieger der Gruppe D3 souverän in Liga C aufgestiegen. In der Qualifikation für die Europameisterschaft 2020 gelang mit einem Remis gegen Bulgarien (1:1), einem weiteren Unentschieden in Montenegro (1:1) und einem Sieg in Bulgarien (3:2) ein vielversprechender Start.

Anzeige

Kosovo mit erstem Heimsieg

Gegen Tschechien gelang den Kosovaren nun ein wahrer Coup. Mit 2:1 bezwang der Fußballzwerg den Kontrahenten und übernahm damit vorläufig die Tabellenführung der Gruppe A.

Der Neu-Leipziger Patrik Schick hatte die Tschechen in der 16. Minute in Führung gebracht. Vedat Muriqi, der bei seinem Verein Fenerbahce Istanbul zusammen an der Seite von Max Kruse stürmt, gelang vier Minuten später der Ausgleichstreffer. In der zweiten Halbzeit brachte ein Tor von Mergim Vojvoda von Standard Lüttlich Kosovo den ersten Heimsieg in der EM-Qualifikation.

Mit acht Punkten aus vier Spielen bildete nach dem Sieg Kosovo die Spitze der Gruppe A, England zog am Abend mit einem 4:0-Sieg gegen Bulgarien allerdings wieder vorbei.

Eine rasante Erfolgsstory, bei der ein Blick zurück lohnt, denn die Nationalmannschaft darf erst seit drei Jahren Pflichtspiele austragen und der Start verlief mehr als holprig.

Eine neue Zeitrechnung im Kosovo

Am 3. Mai 2016 wurde kosovarische Fußballverband (FFK) als 55. Mitglied der UEFA aufgenommen. Wenige Tage später folgte auch die Mitgliedschaft in der FIFA.

Mit den Qualifikationsspielen zur Weltmeisterschaft 2018 begann im Kosovo dann eine neue Zeitrechnung. Die rund 1,9 Millionen fußballverrückten Einwohner hatten endlich eine eigene Nationalmannschaft, mit der sie sich identifizieren konnten.

Das Land ist durch den Kosovokrieg 1999 und vor allem dessen Folgen geprägt. 2008 erklärte der Kosovo seine Unabhängigkeit. Serbien akzeptiert diese allerdings nicht vollends, obwohl mehr als die Hälfte der Mitgliedsstaaten der UN (darunter Deutschland) die Eigenständigkeit anerkennen.

DAZN gratis testen und internationale Fußball-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Der im heutigen Kosovo geborene Schweizer Xherdan Shaqiri hatte die angespannte Situation bei der WM 2018 beinahe zum überkochen gebracht, als er mit der Doppeladler-Geste auffiel, die auf das Wappentier der albanischen Flagge anspielt.

Shaqiri musste damals eine Geldstrafe zahlen, die im Kosovo per Spenden aufgetrieben wurde. Zwei Jahre zuvor hatte der Mittelfeldspieler des FC Liverpool bei der EM für Aufsehen gesorgt. "Was ist, wenn der Kosovo mich als Captain will?", hatte er gefragt, als er nicht zum Kapitän der Schweizer Nationalelf ernannt wurde.

Am Beispiel Shaqiri ist die Heimatverbundenheit und der Stolz auf die Herkunft zu sehen, der auch die leidenschaftlichen Spieler und Fans der kosovarischen Nationalmannschaft prägt.

Ein ganzes Land träumt von der EM

Für die Kosovaren ging mit der Spielerlaubnis in der WM-Qualifikation ein lang gehegter Traum in Erfüllung, der gleichzeitig ein Zeichen in Richtung Serbien darstellte. Die Begeisterung war grenzenlos, allerdings begann das Abenteuer internationaler Fußball mit einigen Enttäuschungen.

Nach einem umjubelten 1:1-Unentschieden im ersten Pflichtspiel in Finnland war die kosovarische Welt noch in Ordnung. Danach gingen allerdings die neun restlichen Partien der WM-Quali allesamt verloren.

Meistgelesene Artikel

Die Euphorie bröckelte, doch dann kam der Sieg gegen die Färöer-Inseln. "Ein unglaublicher Erfolg", wie ihn Werder-Profi Rashica nannte. Mit 23 Jahren ist er so etwas wie der Star in einem Team ohne Stars, das vor allem über Kampfgeist, Willen und Zusammenhalt kommt.

Der Kosovo-Albaner wechselte erst im Sommer 2015 von Jugendklub KF Vushtrria zu Vitesse Arnheim. Im Januar 2018 folgte dann der Wechsel nach Bremen, mittlerweile beträgt Rahsicas Marktwert 20 Millionen Euro (Quelle: transfermarkt.de).

Sein kometenhafter Aufstieg steht sinnbildlich für den seines Heimatlandes. Seit Oktober 2017 ist der Kosovo nun ungeschlagen. Schon nach den ersten Erfolgen war die Begeisterung riesengroß. "Die Kosovaren sind verrückt. Wir haben fünfmal nicht verloren und kein Gegentor kassiert und schon träumen sie von der EM", erzählte Coach Challandes dem Schweizer Nachrichtenportal Watson vor einigen Monaten.

Das gilt nach dem guten Start erst recht. Nach dem Aufstieg in der Nations League soll nun der ganz große Wurf gelingen: die Qualifikation für die Europameisterschaft 2020. Wenn ihre Nationalmannschaft am Dienstag in England antritt, (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER), fiebern die Kosovaren im Stadion oder am Fernseher mit.

Dann träumt ein kleines, krisengebeuteltes Land gemeinschaftlich von der Europameisterschaft. Denn wenn es um Fußball geht, dann sind die Kosovaren verrückt.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image