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München - Steffen Freund spricht im zweiten Teil des SPORT1-Interviews über den Stellenwert der UEFA Europa League in England, Marco Reus und die Chancen des BVB auf den Titel.

Im ersten Teil des SPORT1-Interviews hat Steffen Freund über den wachsenden Druck für Jürgen Klopp, das bevorstehende Derby zwischen dem FC Liverpool und Manchester United in der UEFA Europa League sowie Bastian Schweinsteigers erstes Insel-Jahr gesprochen.

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Im zweiten Part blickt Freund, der bereits bei beiden Vereinen aktiv war und derzeit internationaler technischer Koordinator bei den Spurs ist, auf das Achtelfinal-Rückspiel von Borussia Dortmund bei Tottenham Hotspur.

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SPORT1: Der BVB trifft in der UEFA Europa League auf Tottenham Hotspur. Was ist das Besondere an Tottenham?

Freund: Tottenham ist ein ruhmreicher englischer Traditionsverein. Das Motto der Spurs lautet: "To dare is to do." Sich trauen, etwas zu tun. Der Verein möchte nicht nur schönen Fußball spielen und gewinnen, sondern den Gegner sogar aus dem Stadion schießen. Ein erkämpfter 1:0-Sieg ist eigentlich nicht erwünscht. Da sehen die Zuschauer lieber ein attraktives 4:4. Offensiver, schöner Fußball ist für die Fans das Wichtigste. Das ist auch der Tradition geschuldet. Tottenham hat 1960/61 als erste Mannschaft in England das Double gewonnen.

SPORT1: Diese Zeiten liegen aber schon länger zurück.

Freund: Ja, in den letzten Jahren läuft man der Melodie etwas hinterher. Daniel Levy, der Präsident, führt den Verein mit großer Umsicht. Sein Ziel ist stets, dass am Ende des Jahres die schwarze Null steht. Das ist nicht so einfach, denn Tottenham ist ein Aktienunternehmen. Er versucht trotzdem, Tottenham an der Spitze der Premier League zu etablieren. Dieses Jahr sieht es sehr gut aus, was nicht zu erwarten war angesichts der Überlegenheit von Klubs wie Manchester City, Chelsea, Liverpool, Arsenal oder Manchester United. Diese sind Tottenham finanziell gesehen weit voraus. Doch mein Ex-Klub konnte die Lücke dieses Jahr mit vielen jungen englischen Nationalspielern schließen. Im Besonderen muss ich Trainer Mauricio Pochettino loben, der diesen Weg vorgegeben hat.

SPORT1: Wie haben Sie das Hinspiel zwischen Borussia Dortmund und Tottenham gesehen?

Freund: Ich muss sagen, ich war etwas enttäuscht. Tottenham hat sieben Stammkräfte geschont. Das hat Mauricio Pochettino schon das ganze Jahr so gemacht, und bislang hat es in der Europa League immer gereicht. Doch nicht gegen diese immens starke Borussia. Deshalb hat Tottenham verdient verloren - auch in dieser Höhe.

SPORT1: Warum ist Tottenham mit einer B-Elf aufgelaufen?

Freund: Weil in England die Premier League den höchsten Stellenwert hat und bei Tottenham die gesamte Konzentration auf den wichtigen inländischen Duellen liegt - gerade jetzt, da es um den Titel geht. Die Europa League spielt keine allzu große Rolle. International geht es fast ausschließlich um die Champions League, da dort das meiste Geld für die Investoren zu verdienen ist. Glücklicherweise findet auch die Europa League im Laufe der letzten Jahre etwas mehr Anklang. Die UEFA versucht, den Stellenwert zu erhöhen, indem sie gewisse Anreize schafft. Wie zum Beispiel, dass der Sieger in der Champions League starten darf. Es sollte das Ziel sein, dass irgendwann alle Halbfinalisten einen Champions League-Platz bekommen. Dann würde in England vielleicht ein Umdenken stattfinden. Ansonsten ist die Europa League für die Premier-League-Klubs nur ein Wettbewerb, bei dem man rotieren und junge Spieler einsetzen kann, was ich sehr schade finde. Denn die Europa League bringt auch in der Fünfjahreswertung wichtige Punkte. Und wie wir wissen, droht der Premier League der Verlust des vierten Startplatzes in der Champions League.

SPORT1: Was erwarten Sie vom Rückspiel?

Freund: Ich denke, dass Trainer Pochettino wieder rotieren wird. Was ich sehr bedauern würde. Dann hätte Tottenham keine Chance. Was mir Hoffnung gibt, ist die Tatsache, dass Tottenham am Sonntag ein Heimspiel hat. Vielleicht verzichtet Pochettino deshalb aufs Rotieren.

SPORT1: Welche Spieler müssten auflaufen, damit es noch mal spannend wird?

Freund: Im defensiven Mittelfeld Moussa Dembélé und Eric Dier. In der Offensive Dele Alli und Harry Kane. Die vier könnten das Duell zugunsten der Spurs drehen.

SPORT1: Marco Reus hat im Hinspiel groß aufgetrumpft. Wie bewerten Sie seine jüngsten Leistungen?

Freund: Reus hat fantastisch gespielt und gezeigt, was er wirklich zu leisten vermag. Das gilt aber für die gesamte Saison. Meines Erachtens ist er noch abschlussstärker als Pierre-Emerick Aubameyang. Der braucht nämlich deutlich mehr Chancen als Reus. Er wird der gefährlichste Mann sein gegen Tottenham.

SPORT1: Trauen Sie dem BVB den Titel zu?

Freund: Der BVB gehört zu den absoluten Titelaspiranten. Die Mannschaft ist nicht nur gut, sondern sehr gut. Das unterscheidet sie von vielen anderen Teams in der Europa League.

SPORT1: Würde ein Duell zwischen dem BVB und Liverpool die Engländer aufwecken?

Freund: Auf jeden Fall. Noch besser wäre es, wenn die beiden im Finale aufeinandertreffen würden. Würde Liverpool siegreich sein und nach einer verkorksten Saison doch noch in die Champions League einziehen, könnte der Stellenwert der Europa League in England in die Höhe schnellen.

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