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© Grafik SPORT1 Eugen Zimmermann
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London - ManUnited geht als Favorit ins Europa-League-Finale gegen Ajax. Raphael Honigstein erklärt in seiner SPORT1-Kolumne, warum der Sieg für Jose Mourinho so wichtig ist.

"Ich möchte die Europa League nicht gewinnen, das wäre eine große Enttäuschung für mich. Ich will nicht, dass meine Spieler denken, die Europa League wäre unser Wettbewerb."

So sprach Jose Mourinho, vor ziemlich genau vier Jahren. Der Portugiese trat damals gerade seine zweite Amtszeit beim FC Chelsea an, und die demonstrative Verachtung des UEFA-Pokals war als böser Seitenhieb für Rafael Benítez gemeint. Der Spanier, einer von Mourinhos Lieblingsrivalen, hatte während seines kurzen Gastspiels an der Stamford Bridge die zweitwichtigste internationale Trophäe eingeheimst.

Als Manchester United im September des vergangenen Jahres zum ersten Europa-League-Match (gegen Feyenoord) antrat, hatte sich Mourinhos Verhältnis zu dem Wettbewerb nur unmerklich erwärmt. Der 54-Jährige sprach über die Europa League wie über eine leichte Herbstgrippe, die es auszukurieren gilt. "Weder ich noch die Spieler wollen diesen Wettbewerb. Aber wir müssen ihn mit Respekt behandeln", sagte er griesgrämig. 

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Doch so wie der Appetit oft erst beim Essen kommt, hat auch Mourinho plötzlich seine Liebe zur EL entdeckt. "Es ist der einzige Klubwettbewerb, den Manchester United noch nicht gewonnen hat", sagte er diese Woche, "es wäre toll, wenn sich der Kreis schließen würde und wir von uns sagen können, dass wir ein Verein sind, der alle Pokale in der Welt gewonnen hat."

Der Gesinnungsumschwung hat, so ist zu vermuten, nicht arg viel mit nostalgischen Gefühlen für jene Trophäe zu tun, die Mourinho vor 14 Jahren als Spitzentrainer etablierte. Sein UEFA-Pokal-Sieg im Finale gegen Celtic hatte ihm 2003 den Job beim FC Chelsea eingebracht. Auch Mourinhos Ausführungen zu Uniteds unstillbaren Hunger auf Edelmetall ("für uns ist es wichtiger, Pokale zu gewinnen, als unter die ersten Vier zu kommen") klangen nicht restlos überzeugend.

In Wahrheit hat sich die lange verschmähte Europa League erst in den vergangenen Wochen zum attraktiven Saisonziel gemausert; zu einem Zeitpunkt, als Uniteds eigentlichen Vorgaben - Meisterschaft, Champions-League-Qualifikation - nicht mehr zu erreichen waren. Mourinho musste, wie man auf der Insel sagt, "alle Eier in einen Korb legen": der Sieg in Stockholm ist wegen der damit einhergehenden Zulassung in der Königsklasse die letzte Chance, eine doch arg verkorkste Spielzeit irgendwie zu retten.

Gewinnt das favorisierte United am Mittwochabend, kann der Trainer sich als großer Stratege gerieren, der in der Liga absichtlich die Punkte abschenkte, um seine vom gnadenlos überfüllten Spielkalender gepeinigte Truppe in Schweden über die Linie zu führen. Die direkte Qualifikation für die Gruppenphase würde im Verbund mit der hübschen Trophäe auch prima darüber hinwegtrösten, dass United in der Premier League nur auf dem indiskutablen sechsten Platz gelandet ist, hinter all den anderen Top-Trainern und Spitzenteams. Trotz Ausgaben von 165 Millionen Euro, und einer Serie von 25 Spielen ohne Niederlage, die als einer der nutzlosesten Rekorde in die United-Geschichte eingehen wird.

Wie Ajax-Trainer Peter Bosz mitfühlend anmerkte, fehlt dem Finale ob des perfiden Bombenanschlags auf die Zuschauer des Ariana-Grande-Konzert in Manchester am Montagabend "ein wenig der Glanz, den es haben sollte." Angesichts dieses schrecklichen Ereignisses fällt es schwer, die sportliche Bedeutung des Finales zu sehr hervorzuheben. Es handelt sich hierbei, Gott sei Dank, um nichts wichtigeres als um Fußball.

Aber rein fußballerisch steht für Mourinho doch eine Menge auf dem Spiel: sein Ruf als garantierter Gewinner, um genau zu sein. Den Absturz mit Chelsea ins untere Tabellenfeld in der Saison 2015/16 konnte er noch irgendwie als Unfall verkaufen; Platz sechs mit United und ein läppischer Liga-Pokal wäre ein arger Kratzer auf der Ego-Politur. Die vor Monaten bereits als sicher verkaufte, vorzeitige Vertragsverlängerung ist dem Vernehmen nach auf Eis gelegt. Die United-Besitzer wollen wohl erst abwarten, ob Mourinhos Eierkorb den Trip in die Friends Arena unbeschadet übersteht.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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