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München - Julia Simic denkt über ihr Karriereende nach. Im SPORT1-Interview gibt sie einen emotionalen Einblick in ihr Seelenleben und erzählt von ihrem neuen Job im Bio-Laden.

Julia Simic in einem ruhigen Moment zu erwischen, ist fast unmöglich.

Die 30 Jahre alte Ex-Nationalspielerin, bis zum Saisonende bei West Ham United unter Vertrag, ist immer beschäftigt und sprudelt vor Energie. Um in Corona-Zeiten einen festen Tagesablauf zu haben, arbeitet Simic, eine der bekanntesten deutschen Fußballerinnen, aktuell in einem Bio-Laden in Nürnberg. 

Julia Simic steht bei West Ham United unter Vertrag. Aufgrund der Corona-Krise und einer Verletzung arbeitet sie momentan in einem Nürnberger Bio-Laden.
Julia Simic steht bei West Ham United unter Vertrag. Aufgrund der Corona-Krise und einer Verletzung arbeitet sie momentan in einem Nürnberger Bio-Laden. © Privat

Auch ein Grund: Simic muss aufgrund erneuter Knieprobleme derzeit eine Zwangspause einlegen, spielt deshalb sogar mit dem Gedanken, ihre Karriere nach dieser Saison zu beenden.  

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In der Frauen-Bundesliga lief sie insgesamt 186 Mal für Bayern München, Turbine Potsdam, den VfL Wolfsburg und den SC Freiburg auf (53 Tore). Mit den Wölfinnen wurde sie 2017 Deutscher Meister und gewann mit ihnen zweimal den DFB-Pokal. Ein weiteres Mal gelang ihr der Pokal-Coup mit den Bayern. Zweimal schon riss sie sich das linke Kreuzband.  

SPORT1: Frau Simic, das linke Knie bereitet Ihnen wieder Sorgen. Machen Sie sich Gedanken über Ihre Zukunft? 

Julia Simic: Natürlich ist die Situation im Moment nicht prickelnd. Ich habe aber immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich die Dinge anders entwickeln als geplant, vor allem im Verlauf einer Verletzung. Nichtsdestotrotz mache ich mir Gedanken und versuche, mich auf mögliche Szenarien vorzubereiten. Eines könnte sein, dass ich am Saisonende aus gesundheitlichen Gründen aufhöre.

"Ich wollte einfach schmerzfrei sein"

SPORT1: Lassen Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben. 

Simic: Ich war 2019 zwölf Monate verletzt und komplett raus. Ich hatte einen Knorpelschaden, aber die Ärzte meinten, dass ich damit eigentlich noch weiterspielen kann, obwohl ich auch zwei Kreuzbandrisse und einen Meniskusriss im linken Knie gehabt habe. Im Dezember habe ich tatsächlich mein Comeback gegeben, genau zwölf Monate nach meinem letzten Spiel. Danach ging es bergauf, ich wurde fitter und hatte immer weniger Schmerzen. Ich stand wieder in der Startelf und habe mehr trainiert. Da meine Leistungen gut waren, hatte ich direkt wieder im Kopf, noch ein oder zwei Jahre weiterzuspielen. Unmittelbar vor der Coronakrise hat mein Knie wieder Probleme bereitet und bald steht das nächste MRT an. Dann sehe ich weiter. 

SPORT1: Haben Sie ihr linkes Knie mal verflucht? 

Simic: Beschimpft habe ich es noch nicht (lacht). Aber manchmal lässt man die Wut über die eigene Misere ohne Not an anderen Menschen aus und die wussten oft nicht, was mein Problem war. Dabei wollte ich einfach nur schmerzfrei sein. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich war und bin nach wie vor ein sehr fröhlicher und umgänglicher Mensch. Es gab einfach ein paar schwierige Phasen. Es heißt immer, dass alles am Ende für irgendetwas gut war. Ich versuche noch herauszufinden, wofür meine Knie-Sorgen gut waren. 

SPORT1: Was machen die Schmerzen mit Ihnen? 

Simic: Wegen ihnen kann ich nachts teilweise nicht einschlafen. Dann wache ich auf und begreife, dass es wegen der Schmerzen geschah. Am Morgen ist der erste Gedanke: 'Wie fühlt sich das Knie an?'. Mein erster Test ist oft das Treppensteigen und wenn du jeden Tag Schmerzen hast, ist das irgendwann nicht mehr normal. Wenn man weiß, dass es um deinen Beruf geht, macht es das natürlich noch schlimmer. 

"Gab Momente an denen ich mir gesagt habe: 'Ich brauche Hilfe'" 

SPORT1: Öffentlich sieht man Sie fast immer nur strahlend, auf Ihren digitalen Kanälen wird gute Laune verbreitet. Wie sind Sie in den vergangenen Monaten privat mit Ihren Verletzungen umgegangen? Haben Sie ihre Sorgen kaschiert? 

Simic: Menschen aus meinem nahen Umfeld haben nicht gemerkt, dass es mir oft schlecht ging, weil ich das Meiste mit mir selbst ausgemacht habe. Mit meinen Eltern, insbesondere mit meinem Vater, habe ich eigentlich vermieden, detailliert darüber zu sprechen, weil ich wusste, dass er immer mit mir leidet. Es gab ein paar Phasen, in denen ich gemerkt habe, dass es mir innerlich nicht so gut geht. Sicherlich sind auch mal Tränen geflossen, aber immer hinter verschlossen Türen, sodass es niemand mitbekommt. Ich hatte im Oktober, November und im Dezember das Handy in der Hand und wollte meinen Trainer bei West Ham anrufen. Ich war an Punkten, an denen mich die Motivation verlassen hat und der Glaube daran, dass es wieder besser wird. Ich habe dann ein sehr emotionales Gespräch mit meinem Trainer geführt, der mir verdeutlicht hat, dass er an mich glaubt, ich aber auch an mich glauben muss, da es ansonsten keinen Sinn hat. Nach einer weiteren Spritze hat er mich im Spiel wieder hineingeworfen und es war plötzlich um 100 Prozent besser als vorher. Sobald ich wieder auf dem Platz stand, war alles Positive wieder da. Ein solcher Hoffnungsmacher hat mich für all die Reha-Tage entschädigt.

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SPORT1: Haben Sie Hilfe in Anspruch genommen, um Ihre Gedanken zu verarbeiten? 

Simic: Tatsächlich gab es ein paar wenige Momente, an denen ich mir gesagt habe: 'Ich brauche Hilfe'. Ich habe in einem Schlamassel gesteckt, ich kam gedanklich nicht mehr weiter. Ich habe mich im Kopf im Kreis gedreht, also habe ich Kontakt zu meinem ehemaligen Berater aufgenommen. Er ist ein Pädagoge und hat es geschafft, meinen Kopf freizumachen. Mit jemandem zu sprechen, der klar ist, hilft oft viel besser als mit einem Menschen, der selbst emotional ist und sagt: 'Dein Leid ist mein Leid'. Relativ emotionslos hat er meine Optionen für die Zukunft aufgezeigt, die gut waren. 

"Im Verein fühlt man sich irgendwann nutzlos"

SPORT1: Rückblickend betrachtet, welche emotionale Phase bleibt in Erinnerung? 

Simic: Es gab einen Abschnitt, in dem es für mich schwer war, Glück zu empfinden, weil ich das Gefühl hatte, das gerade alles gegen mich läuft. Im Verein fühlt man sich irgendwann nutzlos. Was mich immer umgetrieben hat, war die Frage: 'Was kann mich glücklich machen, wenn ich mit dem Fußball aufhöre? Was kann mich im Leben nochmal derart begeistern, wie es der Fußball tut?'. Ich würde es als eine schwierige Phase bezeichnen, die bestimmt viele Sportler kennen, die wie ich vor dem Ungewissen stehen. Die Angst vor dem Schritt in das normale Leben haben, weil man sich sein Leben lang als Sportler definiert hat und das auf einmal ungewollt vorbei ist. Es ist nicht einfach, wieder neu anzufangen. Auch wenn ich dazu sagen muss, ich habe ein abgeschlossenes Master-Studium im Bereich der Sportwissenschaften, meine B-Lizenz als Trainerin und leite seit einem Jahr eine Fußballschule für Mädels. Aber die Sorge, ob mich die Dinge in meinem neuen Lebensabschnitt noch einmal derart begeistern können wie der Fußball, bleibt.

SPORT1: Welche Spiele bleiben bei Ihnen in Erinnerung? 

Simic: Wir hatten ein U20-WM-Halbfinale in Chile. Da haben wir vor 65.000 Zuschauern gespielt, das war völlig verrückt. Im Pokalfinale in Wembley vergangenen Sommer habe ich mich vor 42.000 Zuschauern zumindest warmlaufen können, im Stadion von West Ham haben wir vor 35.000 Zuschauen gespielt, aber die beste Atmosphäre habe ich in Wolfsburg erlebt, beim Champions-League-Halbfinale gegen den VfL Wolfsburg. Ich habe bei Potsdam gespielt und bin von 15.000 Zuschauern die letzten 30 Minuten ausgepfiffen wurden, weil ich eine Aktion mit Alexandra Popp hatte, nach der sie am Boden lag. Ich habe etwas unsanft versucht, ihr wieder hochzuhelfen. Bei jedem Ballkontakt wurde ich dann ausgepfiffen, aber im Nachhinein war das eine coole Erfahrung. 

SPORT1: Hätten Sie verletzungsfrei die erfolgreichste deutsche Fußballerin werden können? Viele Experten sagen, dass Sie die technisch begabteste deutsche Fußballerin der letzten Jahre waren.  

Simic: Nein, das würde ich niemals sagen, denn das ist reine Spekulation. Es fühlt sich aber schon so an, als sei alles ein bisschen unvollendet geblieben bei mir. Von Fragen wie 'Was wäre gegangen, wenn?', versuche ich mich immer direkt zu lösen, denn das geht wirklich auf die Psyche. Vielleicht kann ich das eines Tages mal mit jemandem aufarbeiten, vielleicht sogar mit einem Psychologen. Noch schütze ich mich davor und denke darüber nicht nach. Aber ohne Verletzungen geht es immer etwas weiter. Nach jeder Reha hat aber etwas anderes gefehlt. Mal war es die Schnelligkeit oder der Mut in Zweikämpfen.

SPORT1: Im Vergleich zwischen Männern und Frauen wird regelmäßig über die großen Gehaltsunterschiede debattiert. Könnten Sie nach Ihrer Karriere von Ihrem Ersparten leben? 

Simic: Nein. Ich könnte kurzzeitig überleben und habe während meiner aktiven Zeit immer etwas zur Seite legen können. Ein paar Monate beschwerdefrei zu leben wäre möglich, aber das wäre auf jeden Fall nicht dauerhaft. Es ist Fluch und Segen zugleich, dass man nicht genug Geld hat, um sagen zu können: 'Jetzt mache ich mal gar nichts'. Bei mir ist es so, dass es mir umso besser geht, je beschäftigter ich bin. Etwas tun zu müssen, treibt mich an. Deswegen ist es für den Lebensweg sicher gesund, wenn man übergangslos in etwas anderes hineinkommt, sodass man gar nicht zu viel nachdenken kann und durch Beschäftigung glücklich wird.

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SPORT1: Arbeiten Sie deshalb seit zwei Wochen in einem Bio-Laden? 

Simic: Das kann man so sagen (lacht laut). Ich bin aufgrund der Coronakrise derzeit gezwungenermaßen in Deutschland. Ich wollte mich mit irgendetwas beschäftigen, weil ich kurz davor war, zu Hause durchzudrehen. Seit acht Wochen lebe ich nach 15 Jahren wieder zu Hause und quasi aus dem Koffer. Ich liebe es aber, von A nach B zu hetzen. Also habe ich mich aus dem Blauen heraus in einem Bio-Laden in Nürnberg beworben, weil dort Aushilfen gesucht wurden, zehn Minuten von mir entfernt. Es mag krass klingen, aber zum ersten Mal in meinem Leben arbeite ich jetzt. Es ist eine ganz andere Welt, fast eine Grenzerfahrung. Es ist ein komplett neuer Tagesablauf. Mir macht es aber richtig Spaß, andere Leute zu sehen und andere Gespräche zu führen. Fußball spielt im Bio-Laden keine Rolle. Ich will den Job solange durchziehen, bis ich wieder nach London kann.

SPORT1: Als gebürtige Nürnbergerin sind Sie im Frankenland bestens bekannt.  

Simic: Daher kommt es schon mal vor, dass ich erkannt werde, aber momentan etwas weniger, weil ich mit einer Maske arbeite. Einmal saß ich an der Kasse hinter der Plexiglasscheibe und musste ein Selfie machen. Neulich kam eine Kollegin zu mir und meinte: 'Scheinbar verdient ihr nicht viel, wenn du hier arbeiten musst'. Es geht mir aber nicht um das Geld, ich mache ja nebenbei mein Girlscamp weiter, biete in Zeiten von Corona Training-Sessions online an. Jedenfalls ist es nicht der Verdienst, der mich antreibt. Ich möchte eine neue Erfahrung sammeln und einen festen Tagesablauf haben. Ich habe seit zwei Wochen eine 20-Stunden-Woche und diese Woche Frühschicht. Ich fange dreimal die Woche um 6 Uhr morgens an und räume Regale ein. Es macht aber echt Spaß. 

SPORT1: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? 

Simic: Fest steht, dass ich gerne in London bleiben würde, weil in England im Frauenfußball extrem viel passiert, vor allem medial. Im kommenden Jahr findet dort die Frauen-EM statt. Ich möchte dem Fußball erhalten bleiben, ob als aktive Spielerin, Trainerin oder in anderer Funktion. Deshalb absolviere ich aktuell auch wieder eine Trainerausbildung, diesmal in England. Seit vergangenem Sommer biete ich auch meine Girlscamps in Süd-Deutschland und London an, in deren Rahmen ich neben technisch-koordinativen Schwerpunkten zukünftig noch mehr Wert auf die Verletzungsprophylaxe bei den Mädels legen möchte. Das ist mir ein großes Anliegen und auf diesem Gebiet würde ich auch gerne in Zusammenarbeit mit Universitäten noch tiefer in die Ursachenforschung der hohen Kreuzbandrissrate im Frauenfußball gehen. Vielleicht lässt sich in der Hinsicht meine eigene Verletzungshistorie ja doch noch sinnvoll nutzen.

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