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München - Waldhof Mannheim überwindet sein Trauma und ist zurück im Profifußball - dank neuer Regel, Offensivfußball und treuer Fans. Bei SPORT1 sprechen zwei Protagonisten.

"Euphorie. Enttäuschung. Erlösung."

Es ist kein Zufall, dass Gianluca Korte diese drei Worte wählt, um seinen Verein zu beschreiben.

Sein Verein, das ist seit knapp dreieinhalb Jahren der Regionalligist SV Waldhof Mannheim. Dreieinhalb Jahre, die den ehemaligen Bundesliga-Profi von Eintracht Braunschweig geprägt haben, die ihre Spuren hinterlassen haben - in positiver, aber auch in negativer Hinsicht.

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Am Ende seiner ersten Halbserie in Mannheim ging es für Korte mit dem SVW zum ersten Mal in die Aufstiegsrelegation: Gegen die Sportfreunde Lotte zogen die Badener mit 0:0 und 0:2 den Kürzeren. Ein Jahr später wurde es noch dramatischer: Nach zwei torlosen Unentschieden platzten die Aufstiegshoffnungen gegen den SV Meppen erst im Elfmeterschießen.

Korte erinnert sich an harte Zeiten

Im Mai 2018 folgte das Aus gegen den KFC Uerdingen, überschattet vom Abbruch des Rückspiels wegen Randale der Heimfans in Mannheim.

Regionalliga: Urteil im Streit um Punktabzug für Waldhof Mannheim fällt am 20. März, Das Playoff-Spiel zwischen dem SV Waldhof Mannheim und dem KFC Uerdingen wurde abgebrochen
Regionalliga: Urteil im Streit um Punktabzug für Waldhof Mannheim fällt am 20. März, Das Playoff-Spiel zwischen dem SV Waldhof Mannheim und dem KFC Uerdingen wurde abgebrochen © Getty Images

Der Aufstiegstraum, er entwickelte sich für Waldhof immer mehr zum Trauma.

"Nach der letzten Relegation war es schon hart", gesteht Korte im Gespräch mit SPORT1 und meint lachend: "Ich glaube, die nächste Relegation hätte ich nicht mehr mitgespielt."

Zu seinem Glück war das auch nicht nötig: Vor der Saison 2018/19 beschloss der DFB eine Änderung der Aufstiegsregelung von der Regionalliga in die 3. Liga. Statt zweier Relegationsteilnehmer erhielt die Regionalliga Südwest einen fixen Aufstiegsplatz zugesprochen.

Nach dem 1:0 gegen Wormatia Worms am 20. April waren die Mannheimer bei 17 Punkten Vorsprung (!) auf den ersten Verfolger aus Saarbrücken vier Spieltage vor Saisonende nicht mehr von der Spitze zu verdrängen.

Die lang ersehnte Rückkehr in den Profifußball ist endlich perfekt - der neuen Regelung sei Dank.

Trares dankbar für "die glücklichen Gesichter"

"Wenn du mit 20 Punkten Vorsprung in die Relegation gehen müsstest, das wäre natürlich brutal", meint Waldhof-Coach Bernhard Trares bei SPORT1. Er sei "total dankbar" für die neue Regelung - und dafür, "dass wir mit unseren Leuten feiern können, so wie es sich gehört als Meister". Für "die glücklichen Gesichter, die glücklichen Augen".

Der langjährige Bundesliga-Profi, der zum Ende seiner aktiven Karriere bereits als Spieler für die Mannheimer in der Zweiten Liga auflief, hat die Mannschaft in den letzten knapp eineinhalb Jahren noch einmal auf ein neues Level gehievt.

"Vor allem spielerisch haben wir uns deutlich verbessert - und man hatte nie das Gefühl, dass wir an einem Sieg oder einem Punktgewinn zweifeln, das hat man auch gemerkt", beschreibt Korte den Einfluss des einstigen Defensivspezialisten: "Wir haben viele Spiele nach 0:1 noch gedreht, weil wir wussten, dass wir vorne immer für ein Tor gut sind."

Die Zahlen untermauern das: 83 Tore erzielten die Waldhöfer in 31 Spielen - 35 (!) mehr als der jetzige Tabellenzweite Homburg und immer noch 14 mehr als der 1. FC Saarbrücken, der den zweitbesten Angriff der Liga stellt.

Diese Qualität soll dem Traditionsverein auch in der 3. Liga dabei helfen, an glorreiche Zeiten anzuknüpfen: Von 1983 bis 1990 spielten die sogenannten "Waldhof-Buben" unter dem legendären Trainer Klaus Schlappner sieben Jahre lang in der Bundesliga, gehörten sogar zwei Jahre in Folge zu den besten acht Mannschaften Deutschlands.

Waldhof-Fans lassen Klub nicht hängen

2001 war die Bundesliga für den SVW noch einmal zum Greifen nah: Am letzten Spieltag stand das Team von Trainer Uwe Rapolder bis in die Schlussminuten auf einem Aufstiegsplatz, ehe der FC St. Pauli doch noch vorbeizog.

Stattdessen folgte der Absturz.

Nach dem Zweitliga-Abstieg 2003 erhielten die Mannheimer keine Lizenz und mussten fortan in der Oberliga antreten, nach einem erneuten Lizenzentzug 2010 wurde ein weiterer Neuanfang in der 5. Liga nötig.

Beeindruckend: Auch dort hielten die Waldhof-Fans ihrem Verein in Scharen die Treue, das entscheidende Spiel vor der Rückkehr in die Regionalliga verfolgten 2011 sage und schreibe 18.313 Zuschauer im Carl-Benz-Stadion.

"Die Fans sind natürlich sehr wichtig für uns", betont Korte, der sich sicher ist, dass die Waldhof-Anhänger aus den Vorkommnissen beim Relegationsspiel 2018 gelernt haben: "Dass sowas in kein Fußballstadion gehört, weiß denke ich jeder. Es sind Familien da mit Kindern und es ist am Ende eben doch nur Fußball. Der Platzsturm jetzt, das war alles friedlich, einfach schön."

Fernziel: Aufstieg in die 2. Liga

In der 3. Liga hofft er, "noch mehr Fans ins Stadion zu bekommen. Jeder Mannschaft, die zu uns ins Stadion kommt, wollen wir ein Spiel bieten, das sie vielleicht nicht mehr so schnell vergisst."

Träumereien von einem weiteren Aufstieg oder gar einer Rückkehr in die Bundesliga will sich Korte erst einmal nicht hingeben. Das Hauptziel sei es, "die Liga zu halten. Sonst wäre die ganze Arbeit der letzten vier Jahre nach einem Jahr schon wieder umsonst."

Mittelfristig darf es für die Mannheimer dann aber gerne noch höher gehen.

"In der 3. Liga gibt es keine Mannschaft, die sagt: 'In der 3. Liga finden wir es gut, da bleiben wir'", betont Coach Trares - allein schon wegen der Fernsehgelder.

Ein weiterer Aufstieg und Mannheim stünde wohl endgültig Kopf - dabei reicht Trares schon jetzt ein einziges Wort, um seinen SV Waldhof zu beschreiben: "Gigantisch!"

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