Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

Bologna - Noch vor wenigen Wochen scheint die U21-EM für Nadiem Amiri in weiter Ferne. Im Halbfinale glänzt er von Beginn an - und arbeitet an einem Versprechen.

Für einen kurzen Moment schien Nadiem Amiri die gute Laune dann doch noch zu vergehen.

"Wer ist das?", fragte ein italienischer Journalist nach dem 4:2-Sieg der deutschen U21 im Halbfinale der UEFA U21 EM 2019 gegen Rumänien die um ihn herumstehenden Kollegen auf Englisch, als Amiri in der Mixed Zone an ihm vorbeilief.

"Sie fragen, wer ich bin?", erwiderte Amiri mit gespielt strengem Blick und scheinbar empört: "Haben Sie das Spiel nicht gesehen!?"

Anzeige

Amiris EM-Teilnahme wie ein kleines Wunder

Und dann grinste er wieder bis über beide Ohren. Das Lachen, es war nach dem Finaleinzug wie in seinem Gesicht festgetackert. Zumal es einem kleinen Wunder gleich kommt, dass neben dem inzwischen siebenmaligen Torschützen Luca Waldschmidt ausgerechnet Amiri die DFB-Youngster auf Titelkurs schoss.

Rückblick: Beim 0:1 der TSG Hoffenheim gegen Werder Bremen am 11. Mai knickt Amiri kurz vor der Halbzeit ohne Fremdeinwirkung um. Die bittere Diagnose: Außenbandriss im linken Sprunggelenk. Nicht nur, dass der 22-Jährige das Bundesliga-Finale verpasst, auch die Teilnahme an der U21-EM gerät ernsthaft in Gefahr.

"Vor drei, vier Wochen hätte keiner gedacht, dass ich noch spielen kann - und jetzt habe ich jedes Spiel gemacht", freute sich Amiri nach seinem ersten Startelfeinsatz auf SPORT1-Nachfrage. "Dann das heute noch mal, wirklich ein Traum. Ich bin einfach stolz."

Stolz durfte er an diesem Abend auch sein. Er hatte es geschafft. Sich rechtzeitig zurückgekämpft, um in der K.o.-Phase fit für 90 Minuten zu sein. Er spielte. Und er spielte bärenstark.

Meistgelesene Artikel

Doppelpack bei U21-Sieg gegen Rumänien

Beim nervenaufreibenden Sieg gegen das Überraschungsteam aus Rumänien glänzte Amiri mit zwei sehenswerten Toren. In der Nachspielzeit setzte er per direktem Freistoß den Schlusspunkt, nachdem er in der ersten Hälfte bereits nach einem sehenswerten Sololauf erfolgreich war.

Jetzt das aktuelle Trikot des DFB-Teams bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE

"Ich habe mir schon an der Mittellinie den Ball geholt, der Rechtsverteidiger hat mir den Weg in die Mitte freigemacht, und dann musste ich abschließen", schilderte der Doppelpacker seinen ersten Streich: "Glück gehabt, dass er reingegangen ist."

Es war eine Szene, die sinnbildlich stand für Amiris Art, Fußball zu spielen. Sich den Ball schnappen und einfach mal loslaufen. Manchmal wirkt das etwas naiv, fast schon kindlich. Ab und an entsteht daraus dank der technischen Fähigkeiten des gebürtigen Ludwigshafeners aber auch etwas Geniales. So wie an diesem Abend in Bologna nach 20 Spielminuten.

Hitze in Bologna macht Amiri und Co. zu schaffen

Dabei machte dem Offensivkünstler in der Anfangsphase das Wetter mit Temperaturen um die 40 Grad noch mehr zu schaffen als manch anderem.

Nadiem Amiri spielte auf der linken deutschen Offensivseite anfangs lange Zeit in der prallen Sonne
Nadiem Amiri spielte auf der linken deutschen Offensivseite anfangs lange Zeit in der prallen Sonne © Getty Images

"Ich darf das eigentlich gar nicht sagen", meinte er augenzwinkernd, "aber bei mir auf der linken Seite war es sehr, sehr heiß. Mein Hals ist komplett trocken gewesen, obwohl ich genug getrunken habe. Da ging gar nichts in der ersten Halbzeit."

Und auch wenn "gar nichts" immerhin einen 50-Meter-Sprint samt erfolgreichem Torabschluss beinhaltete, traf Amiris Spielanalyse tatsächlich nicht nur auf ihn selbst, sondern auf weite Teile der deutschen Mannschaft zu. Das Spiel der deutschen U21 wirkte im ersten Durchgang behäbig, nur einer Glanztat von Alexander Nübel kurz vor dem Pausenpfiff war es zu verdanken, dass es zur Halbzeit nicht 1:3 stand.

Jetzt die Spielewelt von SPORT1 entdecken - hier entlang!

Und doch habe er "direkt als wir rausgekommen sind" gemerkt, dass sein Team das Spiel noch drehen würde, meinte Amiri - und lobte im gleichen Atemzug einmal mehr die Qualitäten von Stefan Kuntz. In diesem Fall insbesondere dessen Halbzeitansprache.

Amiri lobt U21-Trainer Stefan Kuntz

"Der Trainer hat uns aufgeweckt, hat uns einen guten Anpfiff gegeben", berichtete der Hoffenheimer mit einem schelmischen Grinsen vom Geschehen in der Kabine, um dann wieder ernst zu werden: "Aber das brauchten wir. Der Trainer war sehr, sehr emotional in der Halbzeit."

Und machte damit wieder einmal alles richtig.

Wie schon 2017 ist Kuntz mit seinen Schützlingen auf dem besten Wege, den EM-Titel zu holen. Ein Erfolg, der dem DFB in dem seit 1972 ausgetragenen Wettbewerb zuvor überhaupt nur einmal im Jahr 2009 vergönnt gewesen war.

Vor zwei Jahren ebenso dabei wie heute: Nadiem Amiri.

Dass er nun erneut das EM-Finale bestreiten dürfe, sei einfach nur "geil, der Hammer". In der Neuauflage des 2017er-Endspiels gegen Spanien am Sonntag (U21-EM, Finale: Deutschland - Spanien ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) geht es für ihn nun auch darum, ein Versprechen einzulösen.

"Ich habe schon vor zwei Jahren mit Thilo Kehrer und dem Pokal in der Hand gesagt, dass ich in zwei Jahren das Ding noch mal hole", erinnerte sich Amiri, "und ich bete und hoffe, dass wir es jetzt zum zweiten Mal holen".

Nächste Artikel
previous article imagenext article image