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München - Stefan Kuntz spricht vor der Neuauflage des EM-Finals gegen Spanien über seinen neuen Kader, seine ehemaligen Schützlinge bei Löw und die Bedeutung der U21.

Einmal Europameister, einmal Finalteilnehmer: Stefan Kuntz hat die deutsche U21 seit seinem Amtsantritt im Sommer 2016 zu einem Erfolgsmodell entwickelt.

Das zeigt auch ein Blick auf den aktuellen Kader der A-Nationalmannschaft: In Luca Waldschmidt, Robin Koch, Lukas Klostermann, Nadiem Amiri und Suat Serdar nominierte Bundestrainer Joachim Löw gleich fünf Mitglieder des diesjährigen U21-EM-Kaders, bis auf den bereits erfahreneren Klostermann feierten alle am Mittwochabend gegen Argentinien ihr Debüt.

Es ist eine Entwicklung, die Kuntz und seinem Trainerteam viel Freude bereitet - und die er mit der neuen U21 fortsetzen will.

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Der erste Schritt zum Umbruch ist bereits gelungen, Anfang September gelangen mit insgesamt 19 neuen Spielern ein 2:0-Sieg gegen Griechenland sowie zum Auftakt in die Qualifikation zur U21-EM 2021 ein deutlicher 5:1-Erfolg in Wales.

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Bei der Neuauflage des EM-Finals steht im Testspiel in Spanien am Donnerstagabend (U21: Spanien - Deutschland ab 19.45 Uhr im LIVETICKER) die erste echte Bewährungsprobe für den neuen Kader an, ehe am Dienstag in Bosnien-Herzegowina das zweite Quali-Spiel ansteht.

Zuvor spricht Kuntz im SPORT1-Interview über die Bedeutung der U21, die ersten Eindrücke von seinen neuen Schützlingen und den Sprung in die A-Nationalmannschaft.

SPORT1: Herr Kuntz, Sie haben nach dem Finaleinzug bei der EM eine komplett neue U21 zusammenstellen müssen. Wie fällt rückblickend Ihr Fazit zu den ersten beiden Spielen Anfang September aus?

Stefan Kuntz: Ich habe die Vereine gefragt, wie die Jungs zurückgekommen sind, die jetzt zum ersten Mal dabei waren, die 19 Debütanten in der U21. Und ich habe durchweg positive Rückmeldungen bekommen. Dass sie mit sehr viel Selbstvertrauen zurückgekommen sind, ein bisschen offener zurückgekommen sind. Das ist ideal. Wir haben uns in der Analyse der letzten vier Wochen aber schon wieder Themen aufgeschrieben, die wir mit den Jungs im nächsten Schritt gemeinsam mit den Heimtrainern angehen wollen - und eigentlich ist da bei jedem etwas mit dabei.

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SPORT1: Aus dem Kader der U21-EM im Sommer sind zuletzt fünf Spieler von Joachim Löw nominiert worden. Wie sehr freut Sie das?

Kuntz: Das freut uns extrem. Es ist letztlich ein Ausdruck davon, dass die Jungs die Bühne U21 richtig verstanden haben. Sie haben gezeigt, dass sie mit Gleichaltrigen nicht nur mithalten können, sondern letztlich bis ins Finale gekommen sind und auch dort mithalten konnten. In der Bundesliga geht das manchmal ein bisschen unter. Deswegen freut uns das und zeigt den Weg, dass die U21 eine wichtige Station in der Karriere eines Fußballers sein kann, wenn die Zusammenarbeit mit den Vereinen gut klappt.

SPORT1: Inwiefern schwingt da auch eine Portion Stolz mit?

Kuntz: Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mit der Finalelf von 2019, dadurch, dass wir zwei Jahre zusammengearbeitet haben, sehr viele Emotionen verbinde. Ich habe bei allen Jungs angerufen, ihnen gratuliert, und ihnen gesagt, dass wir alle stolz auf sie sind. Es zeigt aber auch, dass sie überdurchschnittliche Leistungen zeigen können, wenn man ihnen die Chance gibt. Wenn man die Bundesliga genau beobachtet, habe ich manchmal den Eindruck, dass Fehler von ausländischen Spielern eher verziehen werden als von deutschen Spielern. Deswegen finde ich es klasse, dass diese Jungs die Chance der U21 genutzt haben, um sich auf die Bühne zu stellen, und zu zeigen, was sie im Vergleich zu allen anderen draufhaben.

SPORT1: Ist die U21 inzwischen eine zwingende Vorstufe auf dem Weg nach ganz oben oder gibt es noch so etwas wie Quereinsteiger?

Kuntz: Ich würde es nicht ganz ausschließen, aber einen Miro Klose wird es so nicht mehr geben, der vorher ja praktisch gar kein Spiel gemacht hat in der U21. Oder jemanden wie Thomas Müller. Wir hatten bei der EM auch Spieler wie Marco Richter, die nicht so viele Einsätze von der U16 bis zur U19 hatten. Das ist aber auch nicht der Maßstab. Es geht um die Entwicklung eines Spielers, die natürlich in erster Linie im Verein stattfindet, um die Spielpraxis im richtigen Alter, die durch nichts zu ersetzen ist. Wichtig ist aber auch die Begleitung auf dem ersten Talweg oder auf dem ersten Höhenflug. Wenn das durchgestanden ist, dann sind sie eigentlich schon bereit für die nächsten, höheren Aufgaben.

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SPORT1: Die Konkurrenz bei Joachim Löw ist dennoch groß. Wie schwer ist es für junge Talente, ruhig zu bleiben und daran zu glauben, dass sie ihre Chance in der A-Nationalmannschaft irgendwann bekommen werden?

Kuntz: Da bin ich natürlich der optimale Ansprechpartner (lacht). Ich bin mit 30 Jahren Nationalspieler geworden, war vorher schon zwei Mal Torschützenkönig und habe kein Länderspiel gemacht. Meine Oma hat immer gesagt: "Alles hat seine Zeit - du musst nur immer bereit sein." Das sagt eigentlich alles. Du kannst nichts erzwingen. Wenn auf einer Position in Deutschland ein Weltklasse-Spieler spielt wie Serge Gnabry oder Leroy Sané, dann muss man eben warten können - oder so konstant sein, dass man da ist, wenn mal einer von diesen Jungs ausfällt. Gerade wenn du einmal eingeladen wurdest, stehst du natürlich viel mehr im Fokus. Dann die Konstanz beizubehalten, wird ein bisschen schwieriger.

SPORT1: Inwiefern spüren die Spieler der neuen U21 schon eine gesteigerte Aufmerksamkeit?

Kuntz: Bei den Jungs hier kommt das natürlich auch an. Sie merken ja, dass sie durch ihre ersten Auftritte - nennen wir mal stellvertretend Robin Hack durch seine drei Tore - sehr viel Aufmerksamkeit erregt haben. Aber: Sie haben danach auch im Verein diesem ersten Druck standgehalten. Das gilt zum Beispiel auch für Adrian Fein beim HSV, Luca Kilian ist bei Paderborn in die Mannschaft hineingekommen gegen Bayern München. Das sind diese kleinen Geschichten, wo wir beim DFB sagen: Dafür ist die U21 da, um die Jungs nach vorne zu bringen und damit natürlich auch den Vereinen zu helfen.

SPORT1: Geht bei dem einen oder anderen jetzt vielleicht auch schon der Blick nach oben in Richtung A-Nationalmannschaft?

Kuntz: Da gibt es vielleicht noch nicht so ganz diesen Blick hoch zu Jogi Löw. Wir haben sehr viele Spieler aus der Zweiten Liga und viele Spieler, die gar nicht in der Stammformation stehen. Ich glaube eher, dass der erste Gedanke ist: "Wenn ich hier gut spiele, verbessern sich meine Karten im Verein." Was dann natürlich auch alle weiteren Chancen verbessert. Oder wenn jemand schon in der ersten Liga spielt: "Das hilft mir, Stammspieler zu bleiben in der Bundesliga." Diejenigen, die jetzt vielleicht schon über 30, 40, 50 Bundesliga-Einsätze verfügen, wovon wir nicht so viele haben, werden im Laufe der Qualifikation dann vielleicht ganz langsam darauf schauen, inwiefern sie denn schon oben dran schnuppern können.

SPORT1: Was muss dafür getan werden, dass diese Durchlässigkeit von der U21 nach oben auch in Zukunft gegeben ist?

Kuntz: Die Entwicklung ist wichtig, die kommt durch Spielzeiten. Die versuchen wir in Abstimmung mit den Vereinen so gut es geht zu liefern. Diese Durchlässigkeit gilt aber auch nach unten in die U20, wo ich mit Manuel Baum besprochen habe, dass zum Beispiel Jordan Beyer dort zwei Spiele machen kann, während er bei uns vielleicht nur eine Halbzeit gespielt hätte. Dafür ist Josha Vagnoman jetzt zu uns hochgekommen, auch da gibt es also dieses Zusammenspiel. Obendrüber steht immer: Was ist das Beste für den Spieler? Wenn wir so Hand in Hand weiterarbeiten können, wird sich etwas entwickeln. Aktuell würde ich sagen, dass noch niemand dabei ist, der oben schon mithalten kann. Aber wir haben ja beim letzten U21-Jahrgang gesehen, welche Entwicklung in zwei Jahren möglich ist.

SPORT1: Zu guter Letzt noch ein kurzer Blick auf die Bundesliga, wo die ersten sieben Teams nach sieben Spieltagen nur zwei Punkte auseinander liegen. Wie schön ist das?

Kuntz: Für die Zuschauer ist es total schön, weil sehr viel Spannung da ist. Auch Fans von Vereinen, die schon lange nicht mehr die Chance hatten, oben mitzuspielen, können jetzt mal wieder eine Meisterschale ausschneiden und können die mit ins Stadion nehmen, ohne sich zu blamieren (lacht). Auf der anderen Seite birgt es natürlich extrem viele Geschichten in der Öffentlichkeit, was wiederum dem Fußball guttut. Von daher ist das klasse!

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