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Joachim Deckarm schaut zum 65. Geburtstag das Handball-WM-Spiel zwischen Deutschland und Island
Joachim Deckarm schaut zum 65. Geburtstag das Handball-WM-Spiel zwischen Deutschland und Island © Getty Images
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München - Ein tragischer Unfall beendete die Karriere des Handball-Weltmeisters von 1978 abrupt. Zum 65. Geburtstag schaut er mit seinen alten Teamkollegen ein WM-Spiel.

Es liefen die letzten Sekunden des WM-Endspiels 1978, als sich Joachim Deckarm endgültig zum Helden aufschwang.

Sechs Tore hatte der deutsche Handball-Nationalspieler gegen den großen Favoriten aus der Sowjetunion bereits erzielt. Sein Team führte 20:19. Der Gegner war jedoch im Angriff. Waleri Gassi kam nochmal zum Abschluss, doch Deckarm blockte den Ball ab. Schlusspfiff! Und die Deutschen feierten das Wunder von Kopenhagen, zu dem der Spieler mit der Rückennummer 11 einen großen Teil beigetragen hatte.

Deckarm war beim Turnier in Dänemark gerade einmal 24 Jahre alt. Er galt damals als bester Handballer der Welt, vor dem noch eine große Karriere lag. Doch 418 Tage nach dem Triumph bei der WM endete diese Karriere – auf tragische Weise.

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Deckarm schlägt mit Kopf auf Hallenboden

Am 30. März 1979 änderte sich Deckarms Leben: Er trat mit dem VfL Gummersbach bei Banyasz Tatabanya in Ungarn an.

Hinter dem Klub aus dem Oberbergischen lagen erfolgreiche Jahre. Drei Deutsche Meisterschaften und zwei Titel im Europapokal hatte Deckarm mit Gummersbach geholt. Nun wollte die Mannschaft erneut ins Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger einziehen.

In Tatabánya lief die 23. Minute des Halbfinal-Rückspiels. Der Gummersbacher Heiner Brand hatte einen Abwurf des ungarischen Torhüters abgefangen. Er passte den Ball zum nach vorn stürmenden Deckarm. Dabei kreuzte der Ungar Lajos Panovics die Laufrichtung des Rückraumspielers. Die Gegner stießen mit den Köpfen zusammen.

Deckarm verlor das Bewusstsein. Sein Kopf schlug hart auf den Betonboden, der nur mit einer dünnen PVC-Schicht überzogen war.

"Joachim lag regungslos da wie ein Stein. Sein Gesicht schwoll sofort an. Aus seiner Nase lief Blut", erinnerte sich Panovics später in einem Gespräch mit der Zeitung Die Welt. Weil es in der Halle keine Trage gab, mussten Deckarms Teamkollegen den schwerverletzen Spieler vom Feld tragen.

131 Tage im künstlichen Koma

Der Gummersbacher zog sich einen Schädelbruch und schwere Gehirnquetschungen zu. 131 Tage lag Deckarm im künstlichen Koma.

Als das Unfallopfer erwachte, verbrachte er zwei Jahre in Reha-Kliniken. Schließlich holten Ruth und Rudolf Deckarm ihren Sohn zurück in seine Geburtsstadt Saarbrücken. Der erwachsene Mann konnte nicht mehr laufen, kaum ein Wort sprechen und musste gefüttert werden. Aus dem intelligenten Studenten wurde ein Pflegefall.

Doch Deckarm ließ sich nicht hängen. Sein alter Trainer Walter Hürter kümmerte sich um ihn. Er brachte Deckarm das Sprechen wieder bei.

Der einstige Sportstar begann sein zweites Leben und zeigte, wie würdevoll ein Mensch mit seiner Behinderung leben kann. "Mitleid ist das Letzte, was ich will", sagte Deckarm Jahre nach dem Unfall von Tatabanya.

Mit Heiner Brand in Tatabánya

Er zog in Saarbrücken in eine Pflegeeinrichtung und trat regelmäßig in der Öffentlichkeit auf. 2007 schaute sich Deckarm Spiele der WM in Deutschland an. Sein Kumpel Heiner Brand führte den Gastgeber als Trainer zum ersten Titelgewinn seit 1978.

Deckarm besuchte auch den Ort, an dem sich sein Leben so radikal änderte. Für eine ARD-Dokumentation begab er sich 2014 auf die Reise nach Tatabanya. Heiner Brand begleitete Deckarm, als dieser im Rollstuhl durch die Halle fuhr.

Mittlerweile lebt Deckarm, seit 2013 Mitglied in der "Hall of Fame des deutschen Sports", wieder in Gummersbach. Er ist ins Evangelische Seniorenzentrum der Stadt gezogen, erhält dort eine Vollzeitpflege.

Zu seinem 65. Geburtstag, den Deckarm am 19. Januar feierte, bekam er Besuch. Heiner Brand kündigte an, dass einige der 1978er-Weltmeister mit ihrem alten Teamkollegen feiern wollen.

Dabei werden sie mit "Jo", so lautet Deckarms Spitzname, auch Handball gucken. Deutschland traf im ersten WM-Hauptrundenspiel auf Island. Und wer weiß: Vielleicht erlebt Deckarm, wie ein Nationalspieler ähnliche Heldentaten vollbringt, wie er einst in Kopenhagen. 

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